Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
"Ich hätte das als Nationaltrainer nicht machen dürfen"
Der einstige Schweizer Nationaltrainer Patrick Fischer äussert sich erstmals nach seiner Freistellung wegen eines gefälschten Covid-Zertifikats. Er räumt Fehler ein und erhebt Vorwürfe gegen das SRF.
Patrick Fischer bricht sein Schweigen. Knapp zwei Monate nach seiner Freistellung als Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft und etwas mehr als eine Woche nach dem verlorenen WM-Final seines ehemaligen Teams gegen Finnland publiziert der Zuger auf seinem YouTube-Kanal ein 35-minütiges Video-Interview. Geführt wird dieses von Peter Röthlisberger von der Chefredaktion GmbH, einer PR-Agentur. Der Interviewer ist ehemaliger Chefredaktor des Blick und war einst Inlandchef der Weltwoche.
Fischer sagt zu Beginn des Interviews, dass er nach seiner Freistellung bewusst gewartet habe mit eigenen Äusserungen. Es sei wichtig gewesen, Ruhe reinzubringen, damit sich die Mannschaft auf die WM habe konzentrieren können.
Fischer wirft SRF Vereinbarungsbruch vor
Rückblick: Mitte April, kurz vor der Heim-WM, die der krönende Abschluss einer überaus erfolgreichen Ära mit Fischer als Nationaltrainer hätte sein sollen, wird der Coach freigestellt. Dies, nachdem publik geworden war, dass er 2022 ein gefälschtes Covid-Zertifikat gekauft hat, um sein Team ungeimpft an den Olympischen Spielen in China zu coachen.
Fischers Fehlverhalten wird öffentlich, nachdem er sich bei Dreharbeiten vom Schweizer Fernsehen (SRF) bei einem Mittagessen verplappert. Fischer betont, dass es sich um ein Off-the-record-Gespräch gehandelt habe, dessen Inhalt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sei.
Pascal Schmitz, der SRF-Redaktor, der den Stein später ins Rollen bringt, habe Finn Sulzer, dem Medienchef des Schweizer Eishockeyverbands, am Tag nach dem Gespräch eine E-Mail geschrieben und versichert, sich der Off-the-record-Vereinbarung bewusst zu sein und diese ernst zu nehmen. Röthlisberger, dem das Schreiben von Schmitz vorliegt, zitiert im Interview aus der Mail und stützt die Aussagen von Fischer.
SRF wehrt sich gegen Fischers Vorwurf
Allerdings wird im Interview nur ein Teil der E-Mail wiedergegeben. SRF weist deshalb Fischers Darstellung zurück. Gegenüber "Blick" hält der Sender fest: "SRF hält an seiner bisherigen Darstellung fest: Es gab keine 'off-the-record'-Vereinbarung vor dem Gespräch mit Patrick Fischer." Eine solche Vereinbarung müsse zudem "vorgängig, explizit und gegenseitig" erfolgen. Dies sei hier nicht der Fall gewesen. Gleichzeitig betont SRF, die Redaktion habe die nachträgliche Off-the-record-Forderung respektiert und die Aussagen weder veröffentlicht noch Fischer als Quelle genannt.
Fischer hält dagegen, SRF habe sich nicht an Absprachen gehalten. Der Sender hingegen betont, es habe sich nicht um ein vertrauliches Vorgespräch gehandelt, sondern um eine berufliche Drehsituation im Rahmen eines Porträts. Pascal Schmitz habe im gleichen E-Mail auch klargestellt, dass er die Aussagen nicht einfach ignorieren könne und - in Absprache mit der Chefredaktion - Fischer und dem Verband die Möglichkeit zur Stellungnahme geben werde.
"Keiner Gefahr bewusst gewesen"
"Mich hat irritiert, dass es vom SRF danach hiess, das sei nicht so gewesen", sagt Fischer, der dem Sender einen Vereinbarungsbruch vorwirft. Gleichzeitig räumt der ehemalige Nationaltrainer ein, sich in dieser Situation "zu naiv" verhalten und die Situation falsch eingeschätzt zu haben. "Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich war zu offen, das war definitiv ein Fehler."
Auf die Frage, wieso er die Aussagen ungefragt tätigte, sagt Fischer: "Ich vertraue sehr schnell. Und mein Vertrauensverhältnis mit SRF war sehr gross." Er sei sich keiner Gefahr bewusst gewesen, sondern habe Türen öffnen wollen. Ohne Namen zu nennen, sagt Fischer, es hätten mehrere Leute Bescheid gewusst, für ihn sei das Thema "durch" gewesen. Er habe damit ja auch selber an die Öffentlichkeit gehen wollen. Nur wollte der Zuger bis nach der WM warten, wenn er nicht mehr als Nationaltrainer im Fokus gestanden hätte. Das SRF durchkreuzte diese Pläne.
Der persönliche Zwiespalt
Fischer erklärt im Interview seine ablehnende Haltung gegenüber der Covid-Impfung. "Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört. Ich wollte mich nicht impfen lassen." Davon habe auch sein Arbeitgeber gewusst. Der Schweizer Verband legte Fischer gemäss dessen Aussage einen Vertrag vor, der ihn zur Teilnahme an der U20-WM und an der A-WM verpflichtete. "Bei einer Nicht-Teilnahme hätte ich Sanktionen erhalten von über einer halben Million Schweizer Franken. Ich wusste, ich habe ein Problem. Deshalb habe ich mich für diesen Weg entschieden." Anfang November 2021 unterschreibt Fischer den Vertrag, ohne geimpft zu sein. Nach seiner Lüge fällt die Option mit der Quarantäne weg.
Fischer gibt eigene Fehler zu: "In meiner Verantwortung als Nationaltrainer war dieser Entscheid nicht richtig." Gleichzeitig hält er fest, sich selber treu geblieben zu sein.
Der Tag, an dem er sein Fehlverhalten öffentlich gemacht hat, habe ihn sehr viel gelehrt. "Ich bin einer, der versucht, nicht reaktiv zu handeln, sondern Ruhe zu bewahren." In dieser Situation habe er aber völlig überreagiert, wollte er proaktiv kommunizieren. "Wir haben gesehen, was das Video ausgelöst hat." In dem Moment habe er auch nicht mehr an sein Verkehrsdelikt gedacht. Weil Fischer vorbestraft ist, fällt die Busse wegen Urkundenfälschung nach einer rechtskräftigen Verurteilung mit beinahe 40'000 Franken sehr hoch aus. Den Verband informiert er damals aber nicht. Und auch die Öffentlichkeit bekommt (noch) keinen Wind von der Sache. "Das führte dazu, dass ich als Lügner dastand, was ich auch verstehen kann."
WM-Final im Stadion mitverfolgt
Einen Groll gegen den Verband, der sich erst schützend vor seinen Trainer stellt, um ihn kurz darauf fallen zu lassen, hegt Fischer nicht. "Die wollten ja auch nicht, dass das Ganze so endet." Er habe viel Rückendeckung von Seiten der Spieler und des Staffs gespürt. "Get the job done", habe er ihnen gesagt. Während er den Beginn der WM noch im Ausland verbringt, um sein "Herz zu schützen", ist er während des WM-Finals gegen Finnland im Stadion - auf Wunsch von Spielern.
Im Interview wird Fischer gefragt, was er für Lehren aus der Angelegenheit ziehe. "Ich werde nie meine Offenheit verlieren", sagt er. "Aber ich muss lernen, abzuwägen."

















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