Donnerstag, 10. August 2017 | 14:52

Die «Nacht im Bergwerk» wieder etablieren

Nach dem jähen Ende im Jahr 2010 ist das bekannte New-Wave-/Gothic-Festival 2016 ins Sarganserland zurückgekehrt. Fortgesetzt wird der Event unter Tage – im Versuchsstollen Hagerbach in Flums – am 9. September.

von Miriam Küpper

Es sollte das Ereignis des Jahres der New-Wave-Szene werden und die Erfolgsgeschichte der vorherigen Festivals fortsetzen – doch dann kam es ganz anders. «Wegen eines Missverständnisses» zwischen den Behörden wurde das Festival vor sieben Jahren vom Hagerbach-Stollen eine Woche vor Festivalbeginn kurzfristig nach Zürich verlegt. Grund für die Verlegung war laut François Cochard, Geschäftsführer des Veranstalters Divus Modus, der fehlende Austausch zwischen Gemeinde und Kanton bezüglich der Zuständigkeit: «Es stellte sich heraus, dass der Kanton für die Erteilung der Bewilligung zuständig gewesen wäre und nicht die Gemeinde.»
Das plötzliche Verbot sei aber auch auf die Ereignisse an der Loveparade in Duisburg zurückzuführen, bei der bei einer Massenpanik zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Die Verlegung habe Divus Modus viel Geld und Ansehen in der Szene gekostet: «Das unerwartete Durchführungsverbot zerstörte das Festival und hinterliess einen riesigen wirtschaftlichen Schaden», bedauert Cochard.


Unter-Tage-Tradition
2007 richtete Cochard die ersten Veranstaltungen in der New-Wave-Szene aus. Zuerst noch in der «La Claustra»-Festung auf dem Gotthardpass, dann im Bergwerk Gonzen und schliesslich im Hagerbach-Stollen; das Festival kam in der «Heimat», im Sarganserland, an. Die Atmosphäre in der alten Armeefestung auf dem Gotthard sei zwar mystisch und geheimnisvoll gewesen – also typisch für Konzerte der Szene –, aber Divus Modus wollte eine in der Schweiz wie in Europa einzigartige Location finden, um das Festival auszurichten. Im Gonzen und im Hagerbach-Stollen sei es perfekt: Tief im Berg sollten die Anhänger der sogenannten «Schwarzen Szene» ausgelassen die New-Wave-/Gothic-Musik zelebrieren können.
Die Idee, ein solches Festival auch in der Schweiz auszurichten, kam nach den zahlreichen Vorbildern in Europa zustande. Cochard bemerkt: «Um in der Schweiz ebenfalls so etwas etablieren zu können, mussten wir etwas bieten, was andere nicht haben: eine beeindruckende Landschaft und Berge.» Das Festival sei allmählich zu einem ­festen Bestandteil im Veranstaltungs­kalender der Szene geworden, so Co­chard, und umso schlimmer sei es daher gewesen, dass es 2010 dann in geplanter Form nicht stattfand: «Das Projekt war auf dem besten Wege, ein grosses internationales Festival (Ticketkäufe gab es sogar aus Metropolen wie London oder Moskau) mit mehreren Spielstätten in der Region Sarganser-land zu werden.»


Wiederaufleben des Phänomens
In den Jahren nach dem «Super-GAU» war es aufgrund fehlender Ressourcen und klarer Rahmenbedingungen von den Behörden lange still um das beliebte Festival, doch 2016 wurde dem einstigen Erfolgskonzept neues Leben eingehaucht. Das Festival fand nun in kleinerem Rahmen statt: mit nur 500 Besuchern. 2009 seien es noch 2500 gewesen, erklärt Cochard, doch lasse die feuerpolizeiliche Bewilligung derweil keine grössere Besucherzahl im Stollen mehr zu. «Das macht den Anlass aber umso exklusiver», versichert der Veranstalter. Schliesslich seien die gute Musik und die Begeisterung der Besucher gleich geblieben.
Eine Neuerung zu den früheren Festivals, welche jedoch bereits 2016 in Kraft trat, ist die Geisterbahn, welche extra für das Festival im Stollen installiert wird. Das Innere des Stollens wird bei dem Event in zwei Teile geteilt: in den Konzertstollen und einen Nebenraum mit den verschiedenen DJs sowie der Geisterbahn. Zur passenden musikalischen Untermalung der Kostüme der Besucher treten sechs Bands auf, alle aus verschiedensten musikalischen Ecken der Szene.


Sarganser mit im OK
Mit dem Programmverantwortlichen Mi­chael Sele ist auch ein Sarganser mit von der Partie. Er ist   aber nicht nur Mitglied im Organisationskomitee, sondern auch Frontmann der Band The Beauty of Gemina, welche ihre Wurzeln ebenfalls im Sarganserland hat. Neugierige und eingesessene Szene­anhänger können die wenigen Tickets für das Festival auf www.starticket.ch erwerben, um am Samstag, 9. September, dabei zu sein, wenn die Bands und DJs den Berg zum Beben bringen.

Was ist die New-Wave-/Gothic-Szene?

New Wave entstand Ende der Siebzigerjahre zusammen mit der Punkrock-Bewegung. Galt New Wave zuerst noch als Untergruppe des Punkrocks, war es schon wenige Jahre später eine eigenständige Musik- und Stilrichtung. Trotzdem ist New Wave auch heute noch stark mit Punkrock verbunden. Die New-Wave-Musik ist elektronisch und experimentell, was sich auch im Stil der Szeneanhänger widerspiegelt. New Wave wurde erstmals als Bezeichnung für die Musik der Sex Pistols verwendet und wird heute mit Gruppen wie Unheilig assoziiert. Klare Kriterien für die Einordnung in das Genre gibt es jedoch nicht, was immer wieder zu Kontroversen und Verwirrungen bei Szeneneulingen führt. Gothic ist eine Subkultur der New-Wave-­Bewegung und bildete sich etwa zehn Jahre danach. Bis zur Jahrtausendwende wurde Gothic zum zentralen Punkt der «Schwarzen Szene», wie die New-Wave- und Punkrock-Bewegungen zusammengefasst werden. Bei Gothic treten vor allem die Selbstinszenierung durch Mode und die Auseinandersetzung mit dem Tod sowie der Vergänglichkeit des Seins in den Vordergrund. In der Schweiz gibt es für Anhänger der «Schwarzen Szene» bereits seit 20 Jahren eine Partyreihe namens «More Than Mode», die wöchentlich in der Deutschschweiz, im X-Tra in Zürich, stattfindet, und viele weitere Anlässe für Mitglieder der Szene. (mk)


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