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Sarganserland
von Hans Bärtsch | Donnerstag, 02. Mai 2024

Kunstprojekt in Mels thematisiert lustvollen Umgang mit der Vergänglichkeit

Nach dem stimmigen Auftakt am vergangenen Wochenende geht das multidisziplinäre Kunst- und Literaturprojekt «Oh, Darling – du zerfällst mir sehr» in die nächste Runde. Dreh- und Angelpunkt ist das zerfallende Häuschen beim Steinbruch im Tiergarten in Mels.

Dass dieses Häuschen, an dem täglich Zehntausende im Zug oder Auto vorbeirasen, je Anlass für ein Kunstprojekt werden würde – wer hätte das gedacht? Von Auswärtigen wie Einheimischen wird es wahrgenommen, zumeist mit dem Gedanken: «Wie lange steht es wohl noch?»

Kreative Köpfe um Andrea Keller aus Zürich, deren Website nicht umsonst Kreativ-Komplizin heisst, haben sich dieses Häuschens angenommen. Und, wie die Vernissage im Alten Kino Mels zeigte, ein Gesamtkunstwerk daraus gemacht. Da ist zum einen ein Buch entstanden, das zum Riechen, Fühlen, Sehen und natürlich Lesen animiert. Die ausdrucksstarken Fotos hat Ariane Pochon beigetragen (wie die meisten der nachfolgend Genannten eine der Mit-Kreativ-Komplizinnen).

Texte in Gedicht-, Essay-, Märchen-, Geschichten- oder Interviewform stammen von Tom Zai, Franziska Hidber, Alice Gabathuler, Gabriella Alvarez-Hummel, Christian Ruch, um bloss einige der aus der Region stammenden Autorinnen und Autoren zu nennen.

Meditativer Film

«Mit ‘Oh, Darling – du zerfällst mir sehr’ haben wir uns der Poesie des Zerfalls verschrieben, den Themen Zeit und Vergänglichkeit, Mensch und Natur.» Diese Zeilen aus dem Editorial des Buchs beschreiben in aller Kürze, worum es inhaltlich geht. Und man mag dem folgenden Satz nach der Lektüre der lyrischen, literarischen und journalistischen Beiträge voll und ganz zustimmen: «Es ist ein Wunderwerk, dieses Buch, mit viel Liebe gestaltet.»

Ein rund 20-minütiger Film des Filmemachers Raphael Zürcher ist ein weiteres Puzzleteil des «Oh, Darling …»-Projektes. Nicht nur Stunden, ganze Tage und Nächte hat er im Steinbruch beim Tiergarten verbracht – beim Häuschen, in der Höhle, wo jährlich das Wald- und Höhlenfest stattfindet, auf dem Hügel, der für viele ein Kraftort ist. Der Winterthurer Musiker Nico Feer steuerte Klänge bei, sodass ein nachgerade meditatives Werk entstanden ist, das mit zwei Leinwänden funktioniert.

Im Rathauskeller ist die Videoinstallation an den kommenden beiden Wochenenden jeweils freitags und samstags zu bestaunen. Dazu kann dort – exklusiv – Interviews (etwa mit dem Geologen David Imper) gelauscht werden, die letztlich keinen Eingang in den Film gefunden haben.

Die Gesprächsrundfahrten in einem alten, speziell hergerichteten Mercedes von Hans Bärtsch (Sargans) laden Gwundrige auf nochmals andere Art ein, das «Oh, Darling …»-Projekt mitzuerleben. Die Schilderungen der heimischen Mitbeteiligten (Ausgabe vom 24. April) im Rahmen der Vernissage sorgten für etliche Lacher. Sie alle haben sich «von diesen Zürchern» vom Projekt einnehmen lassen und sind jetzt Teil davon. Man möchte es ihnen gönnen, wenn sie die jeweils Samstag/Sonntag, 4./5. und 11./12. Mai, angebotenen Fahrten mit vollem Gefährt unter die Räder nehmen könnten.

«Ein Schandfleck»

Dass das Ganze zustande gekommen ist, dazu musste die Besitzerfamilie des Steinbruchs Hand bieten. Das hat sie getan, auch wenn bei Andreas Ackermann als Inhaber der sechsten Generation zwei Herzen in seiner Brust schlagen, wenn er vom zerfallenden Häuschen spricht. «Für uns ist es eher ein Schandfleck», räumt er im Rahmen einer Führung ein. Das Häuschen verdecke selbst für viele Einheimische, «dass hier auch geschafft wird».

Und wie. 170 Jahre alt ist der Familienbetrieb inzwischen – dies soll in diesem Spätsommer gebührend gefeiert werden. Notabene ist dies der letzte Steinbruch, in dem der bekannte Verrucano-Stein abgebaut wird, nachdem der Betrieb in Vermol vor ein paar Jahren eingestellt wurde. Die Nachfrage nach dem Verrucano ist gemäss Ackermann schweizweit vorhanden – ob für Tischplatten, Gartenwege, Grabsteine, Brunnen, Servierplatten und so weiter. Der Abbau geschehe behutsam und nachhaltig – so werde der ganze Stein (Schiefer oder Fels) verwendet, bis hin zum kleinsten Kiesel.

Abschiedslied anstimmen

Das zerfallende Häuschen ist mittlerweile eingezäunt, damit man nicht in Versuchung kommt, es zu betreten. Das ist schlicht zu gefährlich geworden. Durch die Ritzen sieht man allerdings immer noch einen Tisch, auf dem ein Topf steht und ein Teller, wie wenn die Arbeiter gleich zurückkommen würden, um Pause zu machen. Die Ackermanns planen einen Ausbau des Steinbruchs, wozu ein Sondernutzungsplan nötig und in Ausarbeitung ist. Bis dieser steht, wird wohl auch das Häuschen weitere bewundernde oder bemitleidende Blicke auf sich ziehen.

Wenn der Abbruch so weit sei, komme man mit der «Oh, Darling …»-Familie vorbei, um ein Abschiedslied anzustimmen, meinte Andrea Keller mit einem Lachen. Sie betonte dabei aber auch, dass es beim Kunstprojekt nie darum gegangen sei, das Häuschen zu erhalten. Was dieses Häuschen ausgelöst hat, kann man nicht anders als einen lustvollen Umgang mit der Vergänglichkeit bezeichnen. Ein Kunstprojekt, wie es Mels so wohl noch nie erlebt hat.

Alle Infos dazu sind auf der Website zu finden. Für gewisse Angebote (Rundfahrten oder die zweite Führung durch den Steinbruch am Samstag, 11. Mai, von 14.30 bis 16 Uhr) braucht es aus organisatorischen Gründen Tickets. Das auf 500 Exemplare beschränkte Buch ist den Buchläden in Mels, Sargans und Bad Ragaz erhältlich.

www.oh-darling.ch

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