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Ambitionierte Haitianer fordern den Rekordweltmeister
In der Gruppe C prallen Welten aufeinander. Auf der einen Seite steht Brasilien, das nach dem sechsten Stern greift. Auf der anderen fiebert Haiti nach 52 Jahren Absenz seinem Auftritt entgegen.
24 Jahre sind vergangen, seit Brasilien 2002 zum fünften und bislang letzten Mal den WM-Pokal in die Höhe stemmte. Für die stolze Fussballnation dauert diese Durststrecke eine gefühlte Ewigkeit. Nun soll der langersehnte sechste Titel, das "Hexacampeonato", her. Angeführt wird die hochkarätig besetzte "Seleção" von Trainer Carlo Ancelotti, der aus den brillanten Individualisten wie Real Madrids Stürmer Vinicius Junior eine widerstandsfähige Einheit formen soll.
Für eine Überraschung im Vorfeld sorgte die Nominierung von Neymar. Der Superstar gehört nach mehreren Verletzungen und dem Abgang aus der Wüste, der ihn vor anderthalb Jahren zurück in die Heimat zum FC Santos führte, erstmals und durchaus unerwartet wieder zum Aufgebot Brasiliens. Sollte er beim Turnier die legendäre Rückennummer 10 tragen, würde er mit Legende Pelé gleichziehen: Beide hätten dann bei vier Weltmeisterschaften das ikonische Trikot der Seleção getragen.
Das karibische Märchen und der "Heilige Gral"
Einen maximalen Kontrast zu den erfolgsverwöhnten Südamerikanern bildet Haiti. Die "Grenadiers" kehren zum ersten Mal seit 1974 auf die grösste Fussballbühne zurück. "Nach 52 Jahren Abwesenheit ist dies ein bedeutender Moment. Für die Spieler ist die Weltmeisterschaft der ultimative Preis, der Heilige Gral", sagt Nationaltrainer Sébastien Migné, für den es bereits das zwölfte internationale Turnier seiner Karriere ist.
Der Franzose setzt bei seiner Mission auf eine Mischung aus bewährten Stützen wie Goalie Johny Placide und frischem Blut wie Offensiv-Hoffnung Lenny Joseph, der aus der PSG-Jugend stammt und für Ferencvaros in Ungarn in dieser Saison 16 Tore und 10 Vorlagen beisteuerte. Die absolute Schlüsselfigur und der emotionale Leader ist jedoch Stürmer Duckens Nazon. Mit 43 Toren jagt er in der ewigen Rangliste die Bestmarke der verstorbenen Legende Emmanuel Sanon (47), der an der WM 1974 Historisches leistete, indem er bei seinen Einsätzen in den Spielen gegen Italien (1:3), Polen (0:7) und Argentinien (1:4) die bisher einzigen WM-Tore für den Karibikstaat erzielte.
Wie viel Nazon das Nationalteam bedeutet, zeigte sich in der Qualifikation. Er reiste für das Spiel gegen Costa Rica aus dem fernen Iran an und riskierte dabei bewusst, die Geburt seiner Tochter per Kaiserschnitt zu verpassen. Der Stürmer blieb trotz anfänglicher Frustration auf der Bank und erlebte ein denkwürdiges Spiel: Nach einem 0:2-Rückstand eingewechselt, bezwang er erst den früheren Weltklasse-Goalie Keylor Navas per Penalty und schockte die Costa-Ricaner kurz darauf mit einem spektakulären Fallrückzieher zum 3:3. "Ich würde alles für Haiti tun", sagt der Stürmer. Das bescheidene, aber ambitionierte Ziel für die Endrunde formuliert Coach Migné so: "Das erste Ziel wird natürlich sein, unseren ersten Punkt bei einer WM zu holen. Aber unser neuer Fahrplan sieht die K.o.-Phase vor".
Gefährliche Aussenseiter aus Afrika und Europa
Dass die Gruppe C jedoch kein reiner Spaziergang für Brasilien wird, liegt an den beiden anderen Teams. Marokko hat bei der WM 2022 Geschichte geschrieben, als es als erstes afrikanisches Team überhaupt bis in den Halbfinal vorstiess. Die "Atlaslöwen" verfügen über eine taktisch hervorragend geschulte Mannschaft, die längst bewiesen hat, dass sie die Weltelite ärgern kann.
Komplettiert wird das Quartett durch Schottland. Die "Bravehearts" reisen mit ihrer lautstarken "Tartan Army" an und wollen endlich ihren ganz persönlichen WM-Fluch besiegen: Noch nie hat eine schottische Auswahl bei einer Weltmeisterschaft die Gruppenphase überstanden. Mit britischer Zweikampfhärte wollen die Schotten den favorisierten Brasilianern und Marokkanern das Leben so schwer wie möglich machen.

















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