Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Brignone dank Charakter und Leidensfähigkeit auf dem Höhepunkt
Federica Brignone macht mit dem Olympiasieg im Super-G das Unmögliche möglich. Es ist ein Sieg über Schmerzen, Zweifel und die eigene Natur.
Federica Brignone ist eine Perfektionistin, eine intensive Persönlichkeit, die von sich und ihrem Umfeld alles fordert. Nach einem doppelten Beinbruch und einem Kreuzbandriss letzten April ist plötzlich alles anders. Die 35-jährige Mailänderin muss akzeptieren, dass nichts mehr perfekt ist. Sie muss Tag für Tag nehmen, kleine Fortschritte und Rückschläge hinnehmen. Eines bleibt aber gleich: der eiserne Wille, es doch noch an die Heimspiele in Cortina zu schaffen.
"Jeder Tag war kompliziert", gibt sie nach dem Triumph zu. "Es gab mehr Tage, an denen es schwierig war, ich Schmerzen hatte und an den ich nicht das tun konnte, was ich wollte." Noch immer verspürt die je zweifache Weltcup-Gesamtsiegerin und Weltmeisterin täglich Schmerzen. "Wenn ich es nicht übertreibe, geht es beim Laufen", meint sie und kann nun darüber lachen.
Keinen Druck gespürt
Noch im November habe sie nicht gewusst, ob sie nochmals Ski anziehen könne. Bis zum letzten Weltcup vor den Olympischen Spielen in Crans-Montana kommt sie auf gerade mal dreizehn Skitage zwischen den Stangen, wie sie erzählte. Doch am Ende gewinnt Brignone den Wettlauf gegen die Zeit. Und vielleicht haben der Leidensweg und die Vorgeschichte sogar ihr Gutes. Der Druck, der sowieso immens gewesen wäre, wird kleiner.
"Ich war etwas 'weicher' mit mir selber", erzählt die Italienerin. "Ansonsten bin ich sehr hart mit mir." Für einmal ist bereits die Teilnahme ein Erfolg. "Ich bin einfach glücklich, hier zu sein und fokussierte mich einzig und allein auf mein Skifahren. Ich spürte keinerlei Druck." Es war in einem ungemein schwierigen Super-G genau das richtige Rezept für die Powerfrau, die ihre grösste Stärke eigentlich im Riesenslalom hat.
Noch vor zwei Tagen hatte Brignone wegen Schmerzen im lädierten Bein nicht trainieren können. Sie wollte ihren Einsatz auf keinen Fall riskieren. Als sie dann mit der Nummer 6 und der "1" hinter ihrem Namen im Ziel auf dem Leadersessel Platz nimmt, beginnt das lange Warten. "Das ist manchmal hart", gibt sie zu. "Ich war ja nicht die Favoritin, die Besten standen noch oben." Sie sei da schon stolz gewesen, dass es zum Sieg reicht, hätte sie aber nicht gedacht. "Aber das ist Olympia. An einem Tag kann alles passieren."
"Ein Wahnsinn"
Nun ist sie im Alter von 35 Jahren und knapp sieben Monaten die älteste Olympiasiegerin im alpinen Skisport und ihr Palmarès nach einer silbernen und zwei bronzenen Olympiamedaillen komplett. "Ein Wahnsinn", zieht auch die Schweizer Abfahrts-Olympiasiegerin und Weltmeisterin Corinne Suter den Hut.
Die italienische Hymne ertönt im Zielraum gleich zweimal. Staatspräsident Sergio Mattarella hatte sich einen guten Tag für einen Besuch am Fuss des Tofane-Massivs ausgesucht, die Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori" zieht grün-weiss-rote Streifen in den Himmel, der zunehmend freundlicher wird. Nun kann auch Federica Brignone nach langer Leidenszeit wieder unbeschwert lachen.
















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