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Christian Fassnacht jagt die historischen YB-Rekorde
Christian Fassnacht prägt die Young Boys wie kaum ein Zweiter. Mit seinem Hattrick gegen den FC Zürich durchbricht der Rückkehrer unter der Woche die magische Marke von 100 Super-League-Toren.
Als Christian Fassnacht an diesem Mittwoch im Februar an den Tisch des Fernsehsenders Blue schlurft, ist ihm anzumerken, dass ihn das Erlebte beschäftigt. Fassnacht hadert - mit sich, aber auch mit der ganzen YB-Mannschaft, die es an diesem 24. Spieltag der Saison zum wiederholten Mal nicht geschafft hat, auf fremdem Terrain zu punkten. Das war einmal ganz anders. Fassnacht weiss nur zu gut, dass dieses YB einmal wie eine gut geölte Maschine über die Schweizer Fussballplätze walzte und den Gegnern allermeistens nur die Rolle der Gratulierenden blieb.
Der Zürcher ist eine der prägenden Figuren der letzten goldenen Ära der Young Boys, die 2018 mit dem ersten Meistertitel seit 32 Jahren eingeläutet wurde. Nur drei Spieler, Jean-Pierre Nsame, David von Ballmoos und er, haben in der 128-jährigen Vereinsgeschichte mit den Bernern so viele Titel gewonnen. Der Stürmer und der Goalie stehen mittlerweile bei sechs, Fassnacht steht bei fünf, weil er sich im Sommer 2023 in ein Abenteuer in England stürzte und sich Norwich in der zweithöchsten Liga anschloss. Den bisher letzten YB-Meistertitel erlebte Fassnacht 2024 also aus der Ferne.
Und doch: Fassnacht kennt das YB nicht, das verliert, sondern nur das, das sich von Erfolg zu Erfolg spielt. An diesem Abend in St. Gallen ist es aber noch etwas anderes als die sportliche Baisse, das den Mittelfeldspieler umtreibt. Sein Kopfballtor in der 95. Minute zum 1:2 ist nämlich nicht nur irgendein nutzloser Treffer für die Statistiker, sondern es ist sein wettbewerbsübergreifendes 100. Tor für die Young Boys. "Ich habe mich so auf diesen Moment gefreut", sagt Fassnacht, ehe er Daumen und Zeigfinger in die feuchten Augen drückt und den Blick gegen den Boden richtet. Er hätte sein Jubiläum nur zu gern mit einem Sieg gefeiert.
Die Stürmer und er
Am letzten Dienstag macht sich Fassnacht wieder auf an den Tisch des Bezahlsenders. Diesmal im Zürcher Letzigrund. Die Tränen vom Februar sind längst getrocknet. Und das Strahlen im Gesicht des 32-Jährigen wird nach dem 4:2-Sieg gegen den FC Zürich noch etwas breiter, als er darauf aufmerksam gemacht wird, dass die drei Tore, die ihm an diesem Abend gelungen sind, ihm einen weiteren Meilenstein bescheren in seiner Karriere. Zweimal mit seinem schwächeren linken Fuss, einmal mit dem stärkeren rechten haut Fassnacht den Ball in die Maschen und hat damit nicht nur klubintern für YB dreistellig geskort, sondern überhaupt in der Super League. Etwas, das vor ihm nur Nsame, Guillaume Hoarau, Marco Streller und Marco Schneuwly gelungen ist.
"Eine schöne Runde", sagt Fassnacht und fügt mit einem verschmitzten Lächeln an: "Die anderen sind ja eigentlich Stürmer." Wer ihn nicht kennt, könnte in so einen Satz vielleicht eine gewisse Arroganz interpretieren - würde Fassnacht damit aber in ein völlig falsches Bild rücken. Er, der sich vom Amateurfussballer in Tuggen und Thalwil bis zum Nationalspieler und zur YB-Legende hochgearbeitet hat, weiss, dass keiner seiner Erfolge selbstverständlich ist. Dass ihm wohl überhaupt niemand zugetraut hätte, auch nur einen Bruchteil dessen zu erreichen, was heute in seinem fussballerischen CV steht. Und dass eine solche Karriere im Profifussball, die für ihn erst als knapp 23-Jähriger in Thun so richtig begonnen hat, im hochprofessionalisierten und von Geld dominierten Geschäft von heute immer unwahrscheinlicher wird.
Als Topskorer an die WM
Als Fassnacht im Januar 2025 nach schwierigen, aber lehrreichen anderthalb Jahren in Norwich zu YB zurückkehrte, sagte er im Gespräch mit Keystone-SDA einmal, dass man ein Umfeld, wie es ihm die Berner bieten können, erst dann so richtig zu schätzen lerne, wenn man es nicht mehr habe. Und er sagte auch, dass er sich wünsche, einmal in einer Super-League-Saison mehr als elf Treffer zu erzielen. Bis dahin hatte er diese Marke viermal erreicht.
Am vorletzten Samstag, vor dem Heimspiel gegen den FC Basel (3:3), wurde Fassnacht im Wankdorf als Torschützenkönig geehrt. In der letzten Saison waren ihm nämlich nicht weniger als 18 Tore gelungen. Ein Wert, der zumindest auf persönlicher Ebene etwas entschädigte für eine sonst sportlich durchzogene Saison der Berner. Zumal davon auch Nationaltrainer Murat Yakin Notiz nahm und Fassnacht einen Platz im WM-Kader des Schweizer Nationalteams offerierte. Im letzten Gruppenspiel gegen Kanada (2:1) absolvierte der Zürcher bei einem Kurzeinsatz sein 24. Länderspiel.
Vielleicht dauerte es auch aufgrund dieses reiseintensiven Sommers ein paar Spiele, bis Fassnacht in der Super League seine Treffsicherheit wiederfand. In der beeindruckenden Offensive der Young Boys, die in sieben Spielen bereits 26 Tore erzielt hat, spielt dies aber offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Die Maschine läuft, egal, wer die Treffer markiert. Fassnacht sagt, das Team hätte schon in der letzten Saison Tore schiessen können. "Aber jetzt haben wir den Motor noch einmal verfeinert und sind eingespielter."
Der Tolggen in der Defensive
Fassnacht spricht von einem "positiven Flow", in dem sich die Mannschaft derzeit befinde. Ihm ist aber nicht entgangen, dass diesem YB aktuell neben der schillernden Offensive auch eine immer mal schlingernde Defensive eigen ist, was zwei Gegentore pro Partie belegen. Am Samstag gegen Luzern verwandelte sich eine Führung zur Pause nach Wiederanpfiff innert nicht einmal fünf Minuten in einen Rückstand. Und erst dank eines späten Treffers von Kaly Sène konnten die Young Boys beim 3:3 überhaupt einen Punkt mitnehmen. Fassnacht sagt, alle Spieler müssten es defensiv besser machen. "Verteidigen beginnt ganz vorne. Wir können nicht einfach den Verteidigern die Schuld geben, wenn wir zu viele Gegentore kassieren."
Sonst muss die Offensivmaschinerie weiter hochtourig laufen, um Punkte einzuspielen. Wobei Christian Fassnacht bestimmt schon die nächsten Meilensteine ins Auge gefasst hat. Auf der ewigen Torschützenliste der Super League liegen Schneuwly und Hoarau drei Tore vor ihm, zu Nsame und Streller sind es noch elf Treffer. Und YB-intern belegt Hoarau mit 118 Treffern Rang 4, neun Goals vor Fassnacht. Gut möglich, dass auch diese Ikonen bald von ihm überflügelt werden.

















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