Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Das Erlebnis der dezentralen Spiele variiert von Ort zu Ort stark
Die dezentralen Olympischen Spiele in Italien polarisieren unter den Sportlerinnen und Sportler. Je nachdem, wo die Wettkämpfe ausgetragen werden, kommt mehr oder fast gar kein Olympia-Feeling auf.
In Cortina d'Ampezzo gehen Schweizer Skifahrerinnen, Curler oder Rodlerin Natalie Maag auf Pin-Jagd und machen Fotos mit jamaikanischen Bobfahrern. In Mailand spricht Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer, der bei seinen fünften Olympischen Spielen als Spieler oder Coach weilt, sogar vom "besten olympischen Dorf", das er erlebt habe.
Ganz anders klingt es bei den Schweizer Skifahrern in Bormio, und das, obwohl sie bisher mit Abstand am meisten Medaillen gesammelt haben. "Olympia-Feeling kommt hier keines auf", sagte Marco Odermatt noch vor dem Start, und Stefan Rogentin meint auch nach drei gefahrenen Rennen auf die Frage nach dem olympischen Fieber: "Null. Das fühlt sich wie ein Weltcuprennen an." Für Odermatt herrschte sogar bei den Corona-Spielen in China ohne Publikum mehr "Olympia-Spirit".
Der Austausch wird vermisst
Die unterschiedlichen Wahrnehmungen sind eine Folge der dezentralen Spiele, bei denen die Wettkämpfe auf bestehenden Anlagen stattfinden sollen - und damit auch räumlich voneinander getrennt. Besonders hart getroffen hat dies eben die Skifahrer, die in Bormio eine bewährte Piste vorfinden, aber isoliert sind vom Rest der Spiele. Auch die auf verschiedene Orte verteilte Eröffnungsfeier verlief ohne Beteiligung der Alpinen.
Ein wenig besser ist es im rund eine Fahrstunde entfernten Livigno, wo die verschiedenen Freestyle-Disziplinen konzentriert sind. Neben den eindrücklichen Sportanlagen erzeugen auch Transparente oder Eis-Skulpturen eine mitreissende Stimmung. Wie in Bormio werden die kurzen Wege zu den Wettkampfstätten geschätzt. "Trotzdem vermisse ich die Athletinnen und Athleten der anderen Sportarten", sagt nicht nur Sarah Höfflin, Slopestyle-Olympiasiegerin von 2018.
Am meisten Olympia-Feeling kommt wohl in Cortina auf, wo immerhin fünf verschiedene Sportarten mit zum Teil grossen Teams vereint sind. Zudem sorgt viel Schnee für winterliche Gefühle.
Hotel statt Olympiadorf
Zum Teil sind die Sportler allerdings auch selber schuld, wenn das grosse olympische Zusammensein nicht mehr so gelebt wird. So entschieden sich beispielsweise die Schweizer Skifahrerinnen in Cortina oder die Langläufer im Val di Fiemme dafür, nicht ins jeweilige olympische Dorf zu ziehen, sondern bevorzugten Hotels in unmittelbarer Nähe der Strecken, die sie aus den jeweiligen Weltcups kennen und schätzen.
Sie legten aber Wert auf Besuche im olympischen Dorf, um sich genau diese Inspiration durch Begegnungen mit anderen Sportlern zu holen, die Olympia eigentlich ausmachen. Die Skifahrer in Bormio haben diese Option kaum und müssen ihre Medaillen im kleinen Kreis feiern.
In Mailand gaben sich Kanadas Eishockey-Stars im Gegensatz zu den US-Boys mit den eher spartanisch eingerichteten Zweibettzimmern nicht zufrieden und zogen in ein Hotel um. Für den Schweizer Nati-Captain Roman Josi unvorstellbar. Dass er im Gegensatz zu anderen NHL-Stars mit seinen Teamkollegen im olympischen Dorf wohnt, erscheint ihm nicht als Tugend, sondern als Normalität. "Ich bin dort, wo die Mannschaft ist."
Konzept der Zukunft
So fühlen sich diese Spiele mit den grossen Distanzen zwischen den einzelnen "Cluster" für viele wie etwas grössere Weltmeisterschaften oder nur Weltcuprennen an. Es ist aber das Konzept, das in den nächsten Jahren auch 2030 in den französischen Alpen, vier Jahre später im US-Bundesstaat Utah und, wenn es nach den Promotoren geht, auch 2038 im Grundsatz Bestand haben wird. Nachhaltigkeit hat eben seinen Preis.
















Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar