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Keystone-SDA | Freitag, 05. Juni 2026

Die Elftal strebt nach dem ersten Stern

Die Niederlande gehört an grossen Turnieren traditionell zum Favoritenkreis. Einen WM-Titel hat sie trotz drei Finalteilnahmen jedoch noch nie gewonnen. In Übersee soll es nun endlich klappen.

Die 62. Spielminute im WM-Final 2010 von Johannesburg ist angebrochen. Arjen Robben läuft alleine auf Iker Casillas zu. Der spanische Goalie bleibt lange stehen, macht dann jedoch die vermeintlich entscheidende Bewegung in die falsche Richtung. Der Weg zum Führungstreffer für Oranje ist frei. Doch statt den Ball über den bereits geschlagenen Casillas hinweg ins Tor zu lupfen, schiesst Robben dem Keeper den Ball an den rechten Fuss. Weg ist die goldene Chance auf den goldenen WM-Pokal, den sich die Spanier dank eines Treffers von Andres Iniesta kurz vor dem Ende der Verlängerung holen.

Die Szene steht sinnbildlich für das niederländische Abschneiden an Weltmeisterschaften. Dreimal stand die Elftal in einem Final. Den Jules-Rimet-Pokal hat sie nie gewonnen. 1974 und 1978 zog man gegen Deutschland respektive Argentinien den Kürzeren. Dass Oranje nicht mehr als einen EM-Titel (1988) vorweisen kann, ist in Anbetracht von Spielern wie Johan Cruyff, Marco van Basten, Dennis Bergkamp oder Clarence Seedorf schon erstaunlich, zumal es gleich mehrere Goldene Generationen gab.

Van der Vaart pessimistisch

Die jetzige Elftal als Goldene Generation zu betiteln, wäre zu hoch gegriffen. Wenn es nach Rafael van der Vaart geht, ist sie sogar meilenweit davon entfernt. "Bis auf Virgil van Dijk hätte bei uns keiner eine Rolle gespielt", so der Mittelfeldspieler, der 2010 das entscheidende Gegentor gegen Iniesta nicht verhindern konnte. Van Dijk wird die Mannschaft mit seinen bald 35 Jahren gemeinsam mit Mittelfeldstratege Frenkie de Jong führen.

Die Mischung aus erfahrenen Spielern und aufstrebenden Talenten stimmt. Das Tor dürfte Bart Verbruggen hüten. Der 23-Jährige entwickelte sich seit seinem Wechsel vor drei Jahren von Anderlecht zu Brighton zu einem der besten Goalies der Premier League. Ronald Koeman hat auf praktisch jeder Position die Qual der Wahl - trotz Ausfällen wie jenen von Matthijs de Ligt und Xavi Simons. Aus freien Stücken und überraschend verzichtete der Bondscoach auf Aussenverteidiger Jeremie Frimpong vom FC Liverpool.

Fragezeichen hinter der Torfabrik

Einzig im Sturmzentrum fehlt Oranje etwas die Durchschlagskraft. Zwar erzielte Koemans Stammstürmer Memphis Depay in der Qualifikation acht Tore. Doch die Gegner waren mit Finnland, Litauen, Malta und Polen keine allzu grossen Gradmesser. Zudem kehrte der 32-Jährige erst kurz vor der WM von einer Verletzung zurück. Und: Der Rekordtorschütze (55 Tore) spielt nicht mehr auf allerhöchstem Niveau, verdient sein Geld seit zwei Jahren in Brasilien.

Im aufstrebenden Brian Brobbey, der bei Sunderland an der Seite von Granit Xhaka ansprechende Leistungen gezeigt hat, scharrt ein junger Stürmer mit den Hufen. Und im 33-jährigen Wout Weghorst hat Koeman einen Brecher in der Hinterhand, der schon vor vier Jahren im Viertelfinal gegen Argentinien bewiesen hat, dass er immer für ein (oder auch zwei) Tor(e) gut ist.

Seit 1974 hat die Niederlande bei ihren WM-Teilnahmen stets die K.o.-Runde erreicht. Ein Ende dieser Serie steht im Land des Totaalvoetbal nicht zur Diskussion. Die Vorrunde dürfte - auch wenn die Gruppe F eine der am stärksten besetzten des Turniers ist - nur eine Zwischenstation sein. Zum Auftakt trifft die Elftal, die ihr Basecamp in Kansas City aufschlagen wird, auf Japan. Es folgt das Duell mit Schweden, ehe zum Abschluss der Vorrunde Tunesien wartet.

Eine verheissungsvolle Voraussage

Bei den Buchmachern stehen die Niederländer nicht sonderlich hoch im Kurs. Die grossen Favoriten auf den Titel heissen Spanien und Frankreich. Auch England, Brasilien, Argentinien und Portugal wird mehr zugetraut. Und selbst dem verhassten Nachbarn Deutschland werden grössere Chancen zugerechnet.

Hoffnung machen dürfte den Niederländern jedoch ausgerechnet ein deutscher Ökonom und Anlagestratege. Joachim Klement hat mit seinem Prognosemodell die letzten drei Weltmeister richtig vorausgesagt. Und nun tippt er - auf die Niederlande. "Die Niederländer haben nicht die Starspieler wie Frankreich oder Spanien", sagte er dem "Focus". "Aber es ist ein Team, das sehr ausgeglichen ist. Auf jeder Position sind Weltklassespieler." Klement prognostiziert, dass die Niederlande im Halbfinal auf Spanien trifft. "Und da ist es schlicht und ergreifend diese Glückskomponente, die in meinem Modell für die Niederlande spricht und sie in den Final führt." Es wäre eine späte Revanche für den verlorenen Titel von 2010.

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