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Keystone-SDA | Dienstag, 20. Oktober 2026

Die letzten Bodensee-Berufsfischer trotzen allen Widerständen

Reto Leuch und sein Sohn Roman gehören zu den letzten Berufsfischern auf dem Bodensee. Sie fangen immer weniger und glauben dennoch an die Zukunft der Berufsfischerei. Wie wenig in den Netzen teilweise hängen bleibt, zeigt sich auf einer Bootsfahrt am frühen Morgen.

Es ist kurz nach vier Uhr morgens, der Bodensee liegt im Dunkeln. Reto Leuch steht am Scherzinger Hafen, eine Stirnlampe am Kopf, sein Sohn Roman neben ihm. Zwei Boote liegen bereit, voll beladen mit Netzen und Kisten. Roman löst die Leine, springt in eines der Boote, sein Vater in das andere - routiniert, wie an jedem Arbeitstag. Die Motoren laufen an, der See liegt leer vor ihnen, kein weiteres Boot ist in Sicht.

Zuerst legen sie die Eglinetze aus, sechs pro Person, mehr ist nicht erlaubt. Jedes Netz trägt eine Plombe und ist registriert, per Handy sieht Leuch jederzeit, wo seine Netze liegen. Ein festes Fanggebiet gibt es für ihn nicht mehr. Früher, als es noch mehr Fischer gab, habe man sich das untereinander aufgeteilt, sagt er.

Dann geht es weiter zu den Netzen vom Vorabend. Ein Reiher nähert sich dem Boot. "Manchmal setzen sie sich aufs Boot und wir geben ihnen einen Fisch", sagt Leuch. Auch Möwen sind ihm schon zuvorgekommen: "Manchmal schiessen sie direkt aufs Netz los, kaum ist es aus dem Wasser." Der erste Fisch, den er an diesem Morgen aus dem Netz löst, ist ein Saibling. Danach bleibt das Netz leer.

Eine schrumpfende Berufsgruppe

Reto Leuch (56), Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbandes, sowie sein Sohn Roman (24) gehören zu einer immer kleiner werdenden Berufsgruppe. Im Kanton Thurgau üben noch rund 25 Personen die Berufsfischerei am Bodensee aus. Die meisten von ihnen sind deutlich älter als Roman Leuch. Er ist der einzige Nachwuchs-Berufsfischer der Region.

Bevor er die Ausbildung zum Berufsfischer in Deutschland machte, hatte er zunächst Landmaschinenmechaniker gelernt. "Es ist wie eine Tradition", sagt Roman Leuch. "Es sind fast schon über 100 Jahre, seitdem wir auf den See gehen." Ein zweites Standbein, sagt sein Vater, brauche heute jeder in diesem Beruf: "Von Berufsfischerei allein kann man heute nicht mehr leben."

Das Verbot, das ihren wichtigsten Fisch betrifft

Seit Anfang 2024 gilt für den Bodensee-Obersee ein Fangverbot für Felchen, beschlossen von der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBFK), der Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein angehören.

2022 fingen die Berufsfischer am Obersee nur noch 21 Tonnen Felchen - ein Rückgang von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der tiefste Stand seit 1909. Als Ursache gelten der Stichling, der den Felchen die Nahrung streitig macht und die Quaggamuschel; dem See fehlen zudem generell Nährstoffe.

Der Stichling ist inzwischen zurückgegangen, der Grund dafür ist laut Leuch noch unklar. "Die Fische werden weniger, vor allem hier im Bodensee", sagt er. "Der Konsument möchte Fisch, aber wir können der Nachfrage nicht gerecht werden." Auch Restaurants in der Region würden gerne regionalen Fisch anbieten, doch die Leuchs können nicht beliefern, was gefragt ist. "Es geht nicht nur um den Berufsfischer, der weggeht, sondern auch der Fisch geht weg. Ohne Fisch braucht es auch keinen Berufsfischer."

Felchen dürfen wieder gefangen werden

Mitte Juni 2026 hat die IBFK entschieden, den Felchenfang ab Mai 2027 wieder in begrenztem Umfang zu erlauben - mit weniger Fangtagen und festgelegten Maschenweiten. Im Monitoring seien zuletzt wieder mehr, ältere und grössere Felchen beobachtet worden, teilte die IBFK mit. Am wirtschaftlichen Druck ändert das vorerst nichts: Der Gesamtfang aller Fischarten am Obersee lag 2025 bei knapp 116 Tonnen - erneut ein Tiefstand.

"Wir sind froh, dass das jetzt gelockert wurde", so Leuch. "Glücklich waren wir natürlich mit dem Verbot nicht." Grosse Sprünge erwartet er von der Öffnung nicht: "Es ist sicher ein Schritt, aber wir werden damit sicher nicht ganz grosse Fänge machen können."

Ersetzen könne man die Felchen ohnehin nicht: "Von den Mengen hat es keinen anderen Fisch, der an die Felchen rankommt. Deshalb erhoffen wir uns schon etwas von der Auflockerung des Felchenfangverbots."

Vom Fischen allein leben?

Reto Leuch betreibt daneben Obstbau, andere Berufsfischer am See sind Hafenmeister oder Fischhändler. Das war nicht immer so: "Mein Vater war Fischer in der goldigen Zeit, damals konnte man gut davon leben", sagt Leuch. "Aber diese Zeit wird nicht wiederkommen."

"Boot, Netze, Verarbeitungsräume - das kann man mit den paar Fischen, die man fängt, nicht finanzieren. Die letzten drei Jahre waren schon schwierig, als wir die Felchen nicht fangen konnten", führt Reto Leuch weiter aus.

Dazu die Unsicherheit im Alltag: "Es gibt auch Tage, an denen fangen wir nichts - oder Wochen", so Leuch. Aufgeben will die Familie trotzdem nicht: "Wir glauben schon noch an die Zukunft der Berufsfischer. Aber es werden sicher weniger."

Der Kormoran als Streitpunkt

Auf der Fahrt ziehen grosse Kormoranschwärme über den See. "Seit etwa 30 Jahren ist er ein Thema", so Reto Leuch. Der Vogel habe keine natürlichen Feinde, nehme anderen fischfressenden Arten das Futter weg. Trotzdem: "Der Kormoran hat eine Existenzberechtigung."

Nach seiner Schätzung fressen die Vögel jährlich mehr Fisch, als alle Berufsfischer zusammen fangen. Eine 2017 im Auftrag der IBFK erstellte Studie bezifferte die Fischentnahme 2015/16 auf rund 212 Tonnen, der damalige Fischereiertrag lag bei 294 Tonnen, seither ist er eingebrochen. "Aktuell bewegt sich was", sagt Leuch: Im Januar 2026 erklärte der Thurgauer Grosse Rat eine Motion für erheblich, die eine Regulierung des Kormorans fordert.

Zurück am Hafen

Kurz vor acht legt Reto Leuch am Hafen an. Die Kisten stehen bereit: Egli, dazwischen der Saibling, ein paar Rotaugen. Reto blickt kurz über den See, der jetzt im Tageslicht ganz anders wirkt als noch bei der Ausfahrt in der Dunkelheit. "Ja, wir sind zufrieden mit dem Fang", bilanziert er. "Aber es geht auch besser."

Auf die Frage, was ihn nach all den Jahren noch antreibt, muss er nicht lange überlegen: "Jeder Tag ist eine Überraschung. Das macht den Beruf so schön." Sein Sohn Roman ergänzt: "Man arbeitet für sich und man weiss, wofür man es am Ende des Tages macht."

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