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Die nächste Schweizer Medaillenjagd
Die Schweizer Leichtathletik schreibt derzeit Schlagzeile um Schlagzeile. Der Höhenflug soll an den am Montag beginnenden EM in Birmingham fortgesetzt werden. Sieben Medaillen sind das Minimalziel.
5, 4, 6 und 9 - so viele Medaillen gewann die Schweiz an den letzten vier Leichtathletik-Europameisterschaften. Das sind genauso viele wie an den ersten 22 kontinentalen Titelkämpfen zusammen. Das Ende des Höhenflugs ist aktuell nicht abzusehen. Nicht nur tritt Swiss Athletics in Birmingham mit einem so grossen Team wie noch nie bei Europameisterschaften an - es sind 67 Athletinnen und Athleten selektioniert und damit sieben mehr als bei der bisherigen Bestmarke vor zwei Jahren in Rom. Auch die Qualität ist immens.
Allen voran zu nennen ist Audrey Werro. Die 22-jährige Freiburgerin stellt derzeit das Mass der Dinge über 800 m dar. Sie ist in diesem Jahr über die zwei Bahnrunden im Freien noch unbezwungen, gewann unter anderem die Diamond-League-Meetings in Rabat, Stockholm und Paris.
In Stockholm bezwang sie die britische Olympiasiegerin Keely Hodgkinson, der sie im März an der Hallen-WM in Torun noch unterlegen war. Dabei unterbot Werro mit 1:53,98 erstmals die magische 1:54-Minuten-Marke. In der französischen Hauptstadt steigerte sie ihre Bestzeit auf 1:53,80 Minuten. Sie ist die einzige Läuferin überhaupt, die zweimal unter 1:54 Minuten geblieben ist. In der ewigen Bestenliste liegt sie bloss hinter der Tschechin Jarmila Kratochvílová (1:53,28/1983) und der für die Sowjetunion gestarteten Nadeschda Olisarenko (1:53,43/1980).
Auch Annik Kälin ist die Topfavoritin
Werro führt nicht als einzige Schweizerin die Weltjahresbestenliste an. Annik Kälin ist im Siebenkampf die Nummer 1. Ende Mai gewann die 26-jährige Bündnerin das prestigeträchtige Mehrkampf-Meeting in Götzis mit 6726 Punkten, knapp einen Monat später steigerte sie in Ratingen ihren Schweizer Rekord nochmals auf 6819 Punkte. Beide Punktzahlen sind heuer unerreicht.
Auch Simon Ehammer hält im Zehnkampf mit 8778 Punkten die Weltjahresbestmarke. Allerdings wird der 26-jährige Appenzeller in der zweitgrössten Stadt Grossbritanniens im Weitsprung auf Medaillenjagd gehen, da Starts in beiden Disziplinen nicht möglich sind. Im Weitsprung sprang in diesem Jahr nur der zweifache griechische Olympiasieger Miltiadis Tentoglou (8,66 m) weiter als Ehammer, der in Götzis mit 8,51 m die eigene nationale Bestmarke aus dem Jahr 2022 um sechs Zentimeter verbesserte.
Vier Schweizer Titelverteidiger
Als Titelverteidiger treten Timothé Mumenthaler (200 m) und Dominic Lobalu (10'000 m) sowie Mujinga Kambundji (200 m) und Angelica Moser (Stabhochsprung) an. Der 23-jährige Mumenthaler gewann vor zwei Jahren in Rom quasi aus dem Nichts die Goldmedaille über die halbe Bahnrunde. Nun muss sich zeigen, wie er mit der neuen Rolle umgeht, wobei eine Wiederholung ein weiterer Coup wäre. Sechs Konkurrenten waren in diesem Jahr schneller.
Lobalu bewies beim Sieg über 5000 m am Diamond-League-Meeting in Monaco seine Endschnelligkeit, kämpfte danach aber mit muskulären Verspannungen im unteren Rücken. Nun fühlt sich der 27-Jährige aber bereit.
Moser hat schon mehrmals bewiesen, dass sie an Grossanlässen ihre Leistung abrufen kann. Zwar erlitt sie Ende Juni beim Triumph am Diamond-League-Meeting in Paris eine Bänderverletzung im rechten Fuss, dennoch bestritt sie im Juli noch drei Wettkämpfe. Mit der 28-jährigen Zürcherin ist in Birmingham auf jeden Fall zu rechnen.
Anders präsentiert sich die Situation bei Mujinga Kambundji, die im November 2025 erstmals Mutter wurde. Zwar ist die 34-jährige Bernerin nach ihrem Comeback überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein, doch konnte sie sich über 100 m nicht für die EM qualifizieren. Über die doppelte Distanz ist sie als Titelverteidigerin gesetzt, allerdings bestritt sie in diesem Jahr erst ein Rennen über 200 m (23,37).
Was ist von Ditaji Kambundji zu erwarten?
Ein Fragezeichen steht hinter ihrer Schwester Ditaji Kambundji. Die letztjährige Weltmeisterin über 100 m Hürden erlitt Ende Juni eine Zerrung im vorderen Oberschenkel, ihr letztes Rennen absolvierte sie am 31. Mai in Rabat. Das Fragezeichen ist umso grösser, als ihre Bestzeit 2026 bei 12,62 Sekunden liegt. Zudem ist sie an der EM bereits für die Halbfinals gesetzt, den Vorlauf zu bestreiten, wäre ihr lieber gewesen.
Géraldine Frey nimmt die EM als schnellste Europäerin in diesem Jahr über 100 m in Angriff. Jason Joseph, EM-Dritter 2024 in Rom, darf sich über 110 m Hürden ebenfalls Medaillenchancen ausrechnen. Fabienne Hoenke ist über 200 m die viertschnellste Gemeldete, die Speerwerferin Leonie Hügli geht als Nummer 5 an den Start. Bei den Staffeln kann insbesondere das Frauen-Quartett über 4x100 m auf einen Podestplatz hoffen.
Das Schweizer Team ist also mehr als gut aufgestellt, dementsprechend hoch sind die Ambitionen. "Mindestens 15 Top-8-Plätze, davon sieben Medaillen, sind ein durchaus realistisches Ziel für Birmingham", sagt Philipp Bandi. Der Chef Leistungssport von Swiss Athletics hofft zudem auf einen weiteren Meilenstein für die Schweizer Leichtathletik, nämlich dass in allen fünf Disziplinengruppen - Sprint/Hürden, Lauf, Sprung, Wurf und Mehrkampf - eine Top-8-Klassierung herausschaut. Das gelang an der gleichen EM noch nie. Nun sind die Chancen dazu intakt.

















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