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Die Ski-Grossmacht Österreich ist im Abfahrts-Tief
Die österreichischen Männer stecken in einer Ski-Krise. Die einst dominierende Nation fährt vor allem in der Abfahrt hinterher. Eine Besserung ist nicht in Sicht.
Marco Odermatt vor Alexis Monney und Stefan Rogentin, Vincent Kriechmayr auf Platz 4: Die Abfahrt am Samstag in Garmisch stand sinnbildlich für die momentane (Gemüts-)Verfassung der beiden Ski-Grossmächte. Während den Schweizern seit einigen Jahren alles zu gelingen scheint, hecheln die Österreicher den Athleten von Swiss-Ski und selbstredend auch den eigenen hohen Ansprüchen hinterher.
Die Schweizer Abfahrer bauten ihre Podest-Serie in den bayerischen Alpen auf 21 Rennen aus, die ÖSV-Fahrer stellten gleichzeitig einen Negativrekord auf. Seit nunmehr 23 Rennen respektive drei Jahren wartet Rot-Weiss-Rot auf einen Sieg in der Königsdisziplin. Eine längere Durststrecke gab es für die stolze Skination noch nie. Der letzte Triumph datiert vom März 2023. Damals siegte Vincent Kriechmayr in Soldeu.
Der Fels in der Brandung bröckelt
Ohnehin ist Kriechmayr der einzige aus dem ÖSV-Team, der in der Abfahrt in der jüngeren Vergangenheit konkurrenzfähig war. Die letzten fünf Abfahrtspodeste - herausgefahren seit Ende 2022 in Bormio - gehen allesamt auf das Konto des Oberösterreichers. In Garmisch verhinderte er mit seinem 4. Platz ein Debakel für seinen Verband - der zweitbeste Österreicher war Daniel Hemetsberger im 22. Rang. Doch der Doppelweltmeister von 2021 ist 34 Jahre alt und hat schon mehr als einmal ein nahendes Karriereende angedeutet.
Stellt sich die Frage, wer die Lücke schliessen soll, wenn Kriechmayr seinen Worten dereinst Taten folgen lässt und die Skischuhe an den Nagel hängt. ÖSV-Cheftrainer Marko Pfeifer sagte im Januar gegenüber dem "Standard", er sei nicht besorgt, dass sie in ein komplettes Loch reinfallen würden. "Natürlich ist Kriechmayr unser Fels in der Brandung. Aber ich bin guter Dinge, dass der eine oder andere vorne reinfahren kann."
Die Aussage tätigte Pfeifer nach den Rennen in Wengen, als Kriechmayr mit Platz 2 in der Abfahrt eine Podest-Durststrecke der Österreicher beendete, die bis dahin fast zwei Jahre angehalten hatte. Es war nur ein kurzes Aufbäumen. Ausgerechnet in Kitzbühel folgte die nächste "Watschn". Kriechmayr im 13. Rang war bester Österreicher in der legendären Abfahrt. Es war das schlechteste Resultat des ÖSV in der Geschichte der Hahnenkamm-Rennen.
Verletzungspech schlägt zu
Für die ausbleibenden Ergebnisse mag es viele Gründe geben. Zur Wahrheit gehört, dass unsere östlichen Nachbarn in den vergangenen Jahren vom Verletzungspech nicht verschont blieben. Marco Schwarz zog sich bei einem Sturz im Dezember 2023 in Bormio unter anderem einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu. Bis zum folgenschweren Unfall galt er als grösster Herausforderer von Marco Odermatt im Kampf um die grosse Kristallkugel. Seit seinem Comeback fährt der Kärntner zwar punktuell vorne rein - es fehlen jedoch die Konstanz und vor allem in den Speed-Disziplinen noch das Vertrauen.
Mit Stefan Eichberger und Felix Hacker zogen sich in dieser Saison in Gröden zwei hoffnungsvolle Talente des ÖSV schwere Knieverletzungen zu. "Es tut extrem weh. Leute in dieser Güte gibt es leider nicht en masse", sagte Pfeifer dem "Standard". Der 25-jährige Eichberger, den sein Cheftrainer mit Franjo von Allmen vergleicht, fuhr beim Speed-Auftakt in Beaver Creek sowohl im Super-G (6.) als auch in der Abfahrt (7.) in die Top Ten. "Leider haben wir nicht fünf Eichberger", so Pfeifer, der nicht frei von Kritik und dessen Zukunft im Verband ungewiss ist. Sein Vertrag läuft am Ende der Saison aus.
Der Slalom als zweites Sorgenkind
Balsam auf die geschundene österreichische Speed-Seele sind die Resultate im Super-G. Sieben Podestplätze, verteilt auf vier Fahrer, fuhren sie in dieser Disziplin heraus, darunter zwei Siege durch Kriechmayr in Beaver Creek und Schwarz in Livigno. In der Disziplinenwertung belegen die Österreicher hinter Odermatt die Plätze 2 bis 4, in der Super-G-Nationenwertung liegen sie gar knapp vor der Schweiz.
Weniger erbaulich ist der Blick auf die technischen Disziplinen. Im Riesenslalom ist die Ausbeute mit zwei Siegen und zwei weiteren Podestplätzen durch Stefan Brennsteiner und Schwarz im Vergleich zu den Vorjahren zwar besser. Im Slalom ist der Sieg von Manuel Feller in Kitzbühel neben dem überraschenden Silber von Fabio Gstrein im Slalom aber das einsame Spitzenresultat. Eine Ausnahmeerscheinung wie sie Marcel Hirscher war, sucht man im ÖSV vergeblich. Dass sich an den Kräfteverhältnissen am kommenden Wochenende mit einem Riesenslalom und einem Slalom in Kranjska Gora etwas ändert, ist nur schwer vorstellbar.
Einen Rekord werden die Österreicher, wenn nicht auf ewig, dann immerhin noch für lange Zeit, für sich beanspruchen können. Zwischen 1990 und 2019 gewannen sie unglaubliche 30 Mal in Folge die Nationenwertung. Von dieser Marke ist die Schweiz noch weit entfernt. Die Athletinnen und Athleten von Swiss-Ski peilen in diesem Winter "erst" den vierten Sieg in Serie an.
















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