Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Die verpasste Chance und das Warnsignal
Trotz Detailversessenheit und grosser Euphorie verliert die Schweiz in Zürich auch den fünften WM-Final. War es eine verpasste Chance zu viel?
Es war alles angerichtet. Die Schweizer schienen nach vier verlorenen WM-Finals bereit für den letzten Schritt zu sein. In den letzten Jahren wurde ein Setting mit enormer Detailtiefe geschaffen, bei dem nach jedem Turnier konsequent nach Optimierungsmöglichkeiten gesucht wurde.
So erstellt Benoit Pont, der Berater und Video-Coach der Nationalmannschaft, über jeden Spieler ein Profil mit seinen motorischen und persönlichen Präferenzen. Dieses beinhaltet beispielsweise, welche visuellen Präferenzen ein Spieler hat und wie diese während einer Partie gezielt genutzt werden können. Es zeigt auch auf, wie ein Spieler am besten angesprochen und mit ihm kommuniziert werden kann. Roman Josi arbeitet schon länger auch privat mit Pont zusammen. Er sagt zu dessen Ansatz: "Es geht darum, auf den eigenen Stärken aufzubauen, anstatt zu versuchen, jemand anders zu werden."
Vor drei Jahren holten die Verantwortlichen ausserdem Stefan Schwitter als Performance-Coach zum Team. Dieser optimiert nicht nur die Fitness der Spieler, er arbeitet mit ihnen zudem im Entspannungsbereich und daran, sich auf das Wesentliche fokussieren zu können. Er bringt den Spielern bei, Körper, Emotionen und Gedanken loszulassen. "Denn auch positive Emotionen führen immer zu Stress im Körper und Geist", erklärt der frühere Profi-Wrestler gegenüber der Agentur Keystone-SDA.
Eine starke Einheit
Es wurde alles getan, um diesen letzten Schritt zu schaffen. Bei den Spielern war zu spüren, dass sie im Moment leben. Die Mannschaft wuchs in den letzten Jahren zu einer Einheit zusammen. Nicht umsonst unterstützten die verletzten Kevin Fiala, Jonas Siegenthaler und Andrea Glauser ihre Teamkollegen vor Ort. Der zu Beginn der WM-Vorbereitung wegen eines gefälschten Covid-Zertifikats entlassene Patrick Fischer, der seit Ende 2015 im Amt war, schaffte es, ein Klima zu kreieren, in dem jeder gerne kommt - oder wie es Attilio Biasca salopp ausdrückt: "Wir sind eine so coole Truppe."
Viele Spieler und Staffmitglieder wollten die Absetzung von Fischer rückgängig machen. Es war nicht einfach, das Geschehene zu verarbeiten, doch rückte das Team dadurch noch enger zusammen und war zum Turnierstart bereit. Die ersten neun Partien gewannen die Schweizer mit einem Torverhältnis von 48:8 allesamt. Es entstand eine Symbiose zwischen Mannschaft und Fans, die Euphorie im Land war grenzenlos - ebenso die Überzeugung, dass es diesmal mit dem ersten WM-Titel klappt.
Ältestes Team der WM
Diese Erwartungshaltung war aber möglicherweise genau das Problem. Sie war dem Team anzumerken: Im Final wirkte es lange gehemmt, die Leichtigkeit, die es zuvor ausgezeichnet hatte, fehlte. Dennoch hätte die Partie ebenso gut auf die Seite der Gastgeber kippen können. In der Verlängerung scheiterte Damien Riat (65.) am Gehäuse. Auf der anderen Seite ist es kein Zufall, dass die Schweizer wie schon in den WM-Finals der beiden Vorjahre keinen Treffer erzielten. Simon Knak brachte es auf den Punkt: "Vielleicht müssen wir in einem Final noch etwas mehr riskieren."
Klar ist, dass die Schweizer eine grosse Chance verpasst haben - auch weil sich die Aussichten nicht verbessern. Josi, das Herz des Teams und zum zweiten Mal nach 2013 zum MVP einer WM gekürt, ist mittlerweile 36 Jahre alt. Er liess seine Zukunft im Nationalteam unmittelbar nach der Enttäuschung offen, doch wird es aufgrund der hohen Belastung in der NHL, gerade auch als Captain der Nashville Predators, nicht einfacher für ihn. Nino Niederreiter, der als Einziger bei sämtlichen fünf WM-Finalniederlagen dabei war, ist 33 Jahre alt und musste sich kürzlich am Knie operieren lassen. Der überragende Goalie Leonardo Genoni ist gar bereits 39-Jährig. Überhaupt stellten die Schweizer mit einem Durchschnittsalter von 29,6 Jahren die älteste Equipe des Turniers.
Von daher ist es wichtig, dass jüngere Spieler nachrücken. Doch genau hier liegt ein Problem: Es sind aktuell keine neuen Josis, Niederreiters, Nico Hischiers, Kevin Fialas oder Timo Meiers in Sicht. In den letzten acht NHL-Drafts wurde mit Lian Bichsel (2022, Nummer 18) lediglich ein Schweizer in der ersten Runde berücksichtigt. Vor einem Jahr stieg die Schweiz an der U18-WM ab – ein deutliches Warnsignal. Nino Niederreiter äusserte sich entsprechend besorgt über die Zukunft des hiesigen Eishockeys. Immerhin befinden sich die meisten aktuellen Schweizer NHL-Spieler im besten Alter und dürften noch einige WMs bestreiten.
Nicht alle ziehen am gleichen Strang
Positiv ist auch, dass der Verband einen Teil der erhaltenen Bundesgelder in ein zweijähriges, spezifisches Entwicklungsprogramm für Trainerinnen und Trainer investiert. Ziel ist es, nicht nur die grossen, sondern vor allem die kleineren Vereine in der Peripherie zu stärken, damit Talente dort besser ausgebildet werden können und die Breite im Nachwuchs wächst.
Wichtig wäre jedoch vor allem, dass alle am gleichen Strang ziehen. Doch stattdessen bekämpfen sich die National League und der Verband gegenseitig. Die Liga boomt und schaut in erster Linie auf sich selbst; es sollen sogar Pläne für eine eigene U23-Liga bestehen. Das würde die ohnehin angeschlagene Swiss League weiter schwächen.
Dass auch innerhalb des Verbandes nicht alles rund läuft, zeigt der sofortige Abgang von Präsident Urs Kessler, der erst seit vergangenem Jahr im Amt war. Er spricht von "fortwährenden Diskussionen und einem Neuanfang, den der Verband dringend benötigt". Das lässt tief blicken.
Mit der dritten WM-Silbermedaille in Serie endet auch die Zeit von Lars Weibel als Nationalmannschaftsdirektor. Der 52-Jährige übernahm die Funktion nach der WM 2019 und wird künftig als Sportchef bei Ambri-Piotta arbeiten. Weibel sah sich immer wieder Gegenwind ausgesetzt, hielt jedoch konsequent am eingeschlagenen Weg fest und legte damit eine solide Basis. Davon kann nun sein Nachfolger, der langjährige Spieler Patrick von Gunten, profitieren. Zudem hat Nationaltrainer Jan Cadieux bewiesen, dass er in die grossen Fussstapfen von Patrick Fischer treten kann. Wie er die schwierige Situation meisterte, verdient grosse Anerkennung und lässt darauf hoffen, dass der letzte Schritt doch noch gelingt. Im kommenden Jahr findet die WM in Deutschland statt.


















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