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Ein Jahr nach der Staatskrise: Wie sich Südkorea verändert hat
Vor fast einem Jahr rief Südkoreas damaliger Präsident wegen angeblicher kommunistischer und staatsfeindlicher Kräfte in der Opposition überraschend das Kriegsrecht aus - und stürzte sein Land in eine tiefe Krise. Heute ist Yoon Suk Yeol entmachtet und wegen Hochverrats angeklagt, sein Nachfolger fährt in vielen Bereichen einen radikal anderen politischen Kurs.
Was passierte vor 12 Monaten?
In den Abendstunden des 3. Dezembers 2024 rief der konservative Yoon im Zuge eines Haushaltsstreits völlig überraschend das Kriegsrecht aus. In einer Fernsehansprache sprach er davon, die freiheitliche Ordnung des Landes gegen eine linke Opposition schützen zu wollen, die angeblich von chinesischen und nordkoreanischen Kräften unterwandert sei. Beweise legte der einstige Staatsanwalt für seine kühnen Behauptungen nicht vor.
Was folgte, war die wohl grösste Krise für Südkoreas Demokratie seit den ersten freien Wahlen im Land 1987. In den Nachtstunden landeten Armeehelikopter auf dem Dach der Nationalversammlung in Seoul, am Boden riegelten Soldaten das Gelände vollständig ab. Dennoch gelang es insgesamt 190 Abgeordneten, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Abstimmung einzuberufen, in der sie einstimmig das Kriegsrecht ausser Kraft setzen konnten. Der Spuk war damit jedoch noch lange nicht vorbei.
Die Zivilgesellschaft und weite Teile der Bevölkerung fürchteten eine Rückkehr Südkoreas in autoritäre Zeiten. Internationale Investoren zeigten sich besorgt um die Stabilität des ostasiatischen Tigerstaates - und hielten fortan ihre Investitionen zurück. Weltweit litt das Ansehen des Landes, das im Westen zuvor stets als politisches und wirtschaftliches Vorbild in der Region gegolten hatte.
Was hat sich seitdem verändert?
Die politische Landschaft hat sich in den letzten zwölf Monaten stark gewandelt. Yoon Suk Yeol wurde seines Amtes enthoben, verhaftet und muss sich mittlerweile vor Gericht verantworten - genau wie die meisten seiner Kabinettsmitglieder und hochrangigen Militärs. Theoretisch droht Yoon sogar die Todesstrafe, denn ihm wird mit "Aufruhr" ein besonders schwerwiegender Strafbestand vorgeworfen. Es wird erwartet, dass der Ex-Präsident viele Jahre hinter Gitter muss.
Sein Nachfolger im Amt ist seit diesem Sommer der einstige Oppositionsführer Lee Jae Myung, der die Wahl im Juni vergleichsweise deutlich gewonnen hatte. Der 61-Jährige, in den Medien oft als Linkspopulist bezeichnet, gilt politisch als geradezu diametraler Gegensatz zu Yoon Suk Yeol: Lee setzt sich für einen starken Arbeitnehmerschutz ein, für erneuerbare Energien und wählt in seinen Botschaften stets eine bodenständige, teils kontroverse Sprache.
Erholter Aktienmarkt, aber angespannte Stimmung
Zumindest der südkoreanische Aktienmarkt hat sich nach der Staatskrise rasch erholt. Im Zuge des Amtsantritts des neuen Präsidenten, der versprach, mit Reformen die grossen Unternehmen zu mehr Transparenz zu zwingen und die Rechte von Minderheitsaktionären stärker zu schützen, trat der Leitindex KOSPI in einen anhaltenden Bullenmarkt. Seit Jahresbeginn ist er um mehr als 60 Prozent gestiegen - so stark wie kein anderer Leitindex eines G20-Staates im selben Zeitraum.
Doch innerhalb der Bevölkerung bleibt die Stimmung angespannt: Die Lebensmittelpreise sind hoch, die Wohnkosten insbesondere im Grossraum Seoul steigen rasant und auch der Arbeitsmarkt zeigte zuletzt Zeichen der Schwäche.
Strukturell steht Südkorea zudem vor riesigen Herausforderungen: Die Alterung der Bevölkerung schreitet so schnell wie in kaum einem anderen Industriestaat voran, die Geburtenrate zählt mit 0,7 zu den niedrigsten der Welt. Hinzu kommt, dass die stark von Exporten abhängige Volkswirtschaft überproportional unter der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump leidet. Ebenfalls haben südkoreanische Firmen mit einer erstarkenden Konkurrenz aus China zu kämpfen.
Neuer aussenpolitischer Kurs
Während der konservative Yoon gegenüber Nordkorea klare Kante gezeigt hat, fährt sein Nachfolger Lee Jae Myung eine sanfte Annäherungspolitik. So versucht Seoul den zivilgesellschaftlichen und kulturellen Kontakt zwischen den zwei Ländern, der zuletzt vollkommen zum Erliegen gekommen ist, wiederzubeleben. Bislang jedoch zeigt der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un die kalte Schulter.
Geopolitisch lässt sich bei Lee Jae Myung bislang kaum eine klare Linie erkennen. So versucht er, inmitten erhöhter Spannungen, mit allen Seiten die Beziehungen zu verbessern - sowohl gegenüber China als auch Japan und dem traditionellen Verbündeten USA.
Gesellschaft bleibt gespalten
Die südkoreanische Bevölkerung ist traditionell in zwei Lager gespalten: Rund die Hälfte der Gesellschaft befürwortet eine konservative, marktfreundliche Politik und eine starke Bindung gegenüber den USA. Das linke Lager hingegen steht der Gewerkschaftsbewegung nahe, möchte eine Annäherung mit Nordkorea und steht der Schutzmacht USA kritisch gegenüber. Verstärkt wird die Polarisierung auch durch das präsidiale System Südkoreas - ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, wo sich Demokraten und Republikaner erbittert gegenüberstehen.
















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