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Eine Olympiamedaille fehlt noch in Ragettlis Sammlung
An den "Heim-Spielen" soll es endlich klappen mit der Olympia-Medaille. Freeskier Andri Ragettli setzt alles auf die Karte Slopestyle und sagt, er fahre so gut wie noch nie.
Mit einem Elan kommt er an den Tisch, als gehöre das Gespräch mit den Medien zur Wettkampfvorbereitung. Die Vorfreude auf den Kampf um die Olympiamedaillen ist Andri Ragettli deutlich anzusehen. Eine Schürfwunde unter dem linken Auge zeugt von den ersten Trainingssprüngen im Snowpark von Livigno. Der 27-Jährige streckt sich, zupft sein Shirt zurecht und sagt mit Blick auf die Aufnahmegeräte: "Ready."
Die Vorlage wird aufgenommen. Wie "ready" er denn wirklich sei, wird Ragettli gefragt. Wettkämpfe hatte er in dieser Saison noch nicht viele - und aufs Podest hat es bisher nicht gereicht. Oder wie es der Bündner selbst ausdrückt: "Wenn man meine Resultate in diesem Winter anschaut, denkt man vielleicht: 'Hmm'." Die Plätze 11 und 7 im Weltcup sowie Rang 4 an den X-Games sind eine solide Ausbeute. Doch von einem Ragettli, der vor wenigen Wochen beim Weltcup in Laax festhielt, er fahre so gut Ski wie noch nie, wird eben mehr erwartet.
Deshalb fügt Ragettli an: "Aber wenn man beim Blick auf die Resultate etwas dahintergeht, sieht es anders aus." Oft seien es ein oder zwei kleine Fehler gewesen, die den Sprung aufs Podest verhindert hätten. Es ist ein Beleg dafür, wie hoch das Niveau bei den Freestylern ist. Natürlich müsse er aus den Fehlern lernen, so Ragettli. "Aber ich weiss, dass ich ganz vorne dabei bin, wenn alles stimmt. Die Form ist definitiv da, das ist das Wichtigste."
Fast alles gewonnen
Weltmeister wurde er, zwölf Weltcup-Siege und vier Kristallkugeln hat er auf dem Konto, und auch an den X-Games gewann er zweimal Gold. Was Ragettli noch fehlt, ist die Olympiamedaille. Diese in Livigno zu holen, ist sein grosser Traum. Zumal der Ort so nah bei seinem Zuhause liegt, dass Ragettli den olympischen Wettkampf oft seine "Heim-Spiele" nennt. Ein Erfolg hätte einen ganz besonderen Stellenwert in seiner eindrücklichen Karriere - vor allem nach der Enttäuschung in Peking.
Vor vier Jahren verpasste er im Big Air den Finaleinzug, rehabilitierte sich danach im Slopestyle als Qualifikationssieger. Doch als es um die Medaillen ging, fehlte Ragettli das nötige Glück. 1,85 Punkte lag er hinter dem drittplatzierten Schweden Jesper Tjader. Nach dem missglückten dritten Lauf schmetterte Ragettli seine Ski in den Schnee und lehnte sich mehrere Minuten über ein Geländer, um sich zu sammeln.
Es sind Bilder, die Ragettli abgehakt hat. Gleichzeitig gehören sie zu ihm und haben ihn reifen lassen. Der Mann, der in den sozialen Medien immer wieder mit verrückten Stunts begeistert und auch schon einen 100-km-Lauf absolvierte (in gut 10 Stunden), ist noch fokussierter unterwegs. "Ich bin ein schlauerer Sportler geworden", sagt Ragettli. "Früher hätte ich im September oder Oktober vielleicht noch zwei Wochen Pause gemacht, es gemütlicher genommen. Das alles gab es nun nicht - es war immer 'bäm, bäm, bäm'." Er habe härter denn je trainiert und den Fokus auf Fehler der Vergangenheit gelegt. Dazu gehörte auch die Arbeit an den Rails, die lange als seine Schwäche galten.
Verzicht auf Big Air
Zum Fokus gehört, dass Ragettli in diesem Winter auf Big Air verzichtet und sich ganz auf Slopestyle konzentriert. Den Entscheid traf er kurz vor dem Weltcup-Auftakt in Stubai, der wetterbedingt abgesagt werden musste. "Es war nicht einfach, aber im Nachhinein definitiv richtig. Denn ich habe viel mehr Leidenschaft für den Slopestyle." Die Statistik - 24 seiner 33 Weltcup-Podestplätze holte er im Slopestyle - sei zwar nicht ausschlaggebend gewesen, habe aber ebenfalls eine Rolle gespielt.
"Jeder Entscheid, den ich treffe, wird genau abgewogen", sagt Ragettli. Er habe dies auch intensiv mit seinem Team besprochen, ebenso unter dem Gesichtspunkt, dass er tendenziell etwas mehr Regenerationszeit brauche. Mit 27 gehört Ragettli im Ski-Freestyle nicht mehr zu den jungen Wilden. Vielmehr sieht er sich jetzt in seiner "Prime", also in der bestmöglichen Form.
Auch mit dem Druck geht er heute anders um als noch vor Pyeongchang und Peking. "Damals habe ich mich von der Erwartungshaltung rundherum wohl etwas irritieren lassen", sagt Ragettli. Vor allem vor vier Jahren habe er das Gefühl gehabt, unter den Augen der Welt müsse es nun einfach klappen. "Natürlich will ich diese Medaille unbedingt und gebe alles in meiner Macht Stehende, um es zu schaffen. Aber ich mache es nur für mich."
Am Samstag steht die Qualifikation an, am Dienstag findet der Final statt. Bleibt Ragettli ohne Fehler, ist für ihn alles möglich.
















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