Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Federers Liebesbrief an seine Familie und seinen Sport
Roger Federer gehört seit Samstagabend offiziell der Tennis Hall of Fame an. Bei seiner Aufnahmezeremonie verzückt er mit einer Liebeserklärung an das Tennis und seine Frau Mirka.
Langsam geht die Sonne hinter dem fast 150 Jahre alten Newport Casino unter. Die Atmosphäre auf dem so genannten "Hufeisen-Court", einem Tennisplatz alter Schule, ist fast intim, es sind mehrheitlich Freunde, Verwandte der beiden Neumitglieder der Hall of Fame- neben Roger Federer die amerikanische TV-Moderatorin Mary Carillo - sowie Tennisgrössen der Vergangenheit in festlicher Kleidung dabei. Im grossen Stadion daneben schauen aber viele Fans auf einer Grossleinwand zu. Und auf dem Dach zehn ab und zu recht lautstarke Möwen. Die Seefahrtsgeschichte Newports lässt grüssen.
Am Ende fliessen noch Tränen, wie das eigentlich erwartet werden konnte. "Tränen der Freude", beeilt sich Federer zu erklären. Natürlich Tränen der Freude. Die Aufnahme in die Ruhmeshalle des Tennis war im Fall des 20-fachen Grand-Slam-Champions eine Formsache. Doch auch hier setzt der 45-Jährige neue Standards. Keiner seiner über 200 Vorgängerinnen und Vorgänger wurde so zelebriert wie diese Woche der Schweizer. Auch das Wetter spielt perfekt mit.
Mirka Federers grosser Stolz
Federer wird natürlich für seine sportlichen Erfolge geehrt. Aber nicht nur. Das zeigt schon die Auswahl der Laudatorin. Nicht, wie von manchen erwartet, Rafael Nadal richtet sich an das Publikum, sondern Mirka Federer. Die ehemalige Spitzenspielerin, die den damaligen Teenager Federer an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney kennengelernt hatte, tut dies auf sehr persönliche, bewegende Art.
"Ich habe die Arbeit, die Disziplin, den Einsatz gesehen", erzählt Mirka Federer. "Und selbst, nachdem ich tausend Matches von ihm gesehen habe, hat er nie aufgehört, mich zu beeindrucken." Etwas anderes sei aber viel wichtiger: "Es war nie sein Tennis, das mich am meisten beeindruckte, sondern der Mensch dahinter." Die Familie komme bei ihm immer zuerst. "Er ist der Sohn, der Freund, der Ehemann und der hingebungsvollste Vater, den sich unsere Kinder wünschen konnten. Am stolzesten macht mich nicht, was Roger erreicht hat, wenn die Welt zuschaute, sondern wie er ist, wenn niemand schaut."
Für Lacher sorgt die Ostschweizerin, als sie daran erinnert, dass Federer früher zum Teil mit ihr eingespielt habe. "Ich erinnere mich, wie Andy Roddick nach dem Final in Cincinnati scherzend meinte: 'Ich glaubs nicht, dass ich gegen einen verloren habe, der sich mit seiner Freundin aufwärmte.' Wir lächeln noch heute darüber." Im Publikum schmunzelt auch besagter Roddick.
Nie den Ruhm gesucht
Bis Federer selber die Bühne betritt, ist es dunkel geworden. Das Scheinwerferlicht ist er sich ja eigentlich gewöhnt, ein bisschen nervös macht es ihn aber doch. Der Moment bedeutet ihm viel, das wird deutlich. "Ein Teil dieser Geschichte zu sein, einen Platz hier zu haben, bedeutet mir enorm viel", betont er. "Es heisst Hall of Fame, und Fame bedeutet Ruhm. Aber das war nie mein Ziel. Ich wollte einfach Spass haben, meine Zeit mit etwas und Leuten verbringen, die ich liebe."
Er habe auf allen grossen Courts vor vielen Fans gespielt. "Aber wenn ich meine Augen schliesse und vom Tennis träume, dann sehe ich das: Ich bin in Basel, 13-jährig, an den Swiss Indoors. Und ich bin kein Wettkämpfer, sondern Balljunge."
Federers persönliche Hall of Fame
Richtig emotional - und tränenreich - wird Federer, als er anfängt, sich bei all den Menschen zu bedanken, die seine Karriere begleitet haben. Die Eltern Lynette und Robert ("Robi Federer, der echte RF"), die Schwester Diana, Freunde wie sein Manager Tony Godsick, Coaches von Pierre Paganini über Stefan Edberg bis Severin Lüthi, frühere Idole, Martina Hingis, Marc Rosset, "der wie ein Bruder war für mich und für die Schweiz Olympia gewonnen hat, 16 Jahre, bevor ich die Ehre hatte, mit Stan (Wawrinka) das Gleiche zu schaffen." Die Liste ist lang. "Sie alle gehören in meine Hall of Fame."
Als er sich dann bei Mirka bedankt, ist es um Federers Fassung endgültig geschehen. "Ich brauche Taschentücher, Sonnenbrille, alle Hilfe, die ich kriegen kann", sagt er. "Aber ich verspreche, bis die Sonne aufgeht, bin ich durch." So lange dauert es dann nicht.
Die Schweiz sei ein guter Platz gewesen, um aufzuwachsen und es sei eine riesige Ehre, die Farben der Schweiz zu vertreten. "Heute, wenn mein Name hier aufgenommen wird, bin ich stolz darauf, dass die Schweiz mit mir mitkommt." Federer schliesst seinen "Liebesbrief" mit der Erkenntnis: "Ich habe mich nie als Athleten, sondern als Tennisspieler gesehen. Das entscheidende Wort ist trotz der ganzen Arbeit spielen." Es ist ein Hauptgrund, warum er den Fans so viel Freude bereitet hat - und es als Tennisrentner weiter tut. Nur die Möwen, die wollten nicht bis zum Ende bleiben.


















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