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Handball-Nationaltrainer Andy Schmid zieht EM-Bilanz
Die Schweizer Handballer schliessen die Europameisterschaft auf dem 12. Platz ab. Nationaltrainer Andy Schmid zieht im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA Bilanz.
Es heisst oft, dass der letzte Eindruck zählt. Schmälert die 21:34-Kanterniederlage gegen Schweden zum Abschluss etwas die Bilanz?
"Ich muss ehrlich sagen: eigentlich gar nicht. Klar standen wir in der zweiten Halbzeit komplett neben den Schuhen, doch auch in dieser Partie waren wir nicht chancenlos. In der 24. Minute führen wir 12:8 und zeigen eine super Leistung. Danach scheiterten wir an einem Mann (Schwedens Goalie Goalie Andreas Palicka zeigte 20 Paraden - Red.). Wir hatten genügend Möglichkeiten, auch dieses Spiel offen zu gestalten. Natürlich zählt der letzte Eindruck immer ein Stück weit, ich versuche aber, die gesamte EM zu beurteilen. Und da überwiegen bei mir die positiven Gefühle, ohne etwas zu beschönigen."
Was macht Sie besonders stolz?
"Dass wir in jedem Spiel, unabhängig vom Gegner, mindestens auf Augenhöhe waren. Dazu kommt die Entwicklung der Mannschaft allein in diesen vier Wochen. Wir sind im Vergleich zum letzten Jahr (als an der WM der 11. Platz herausschaute) nochmals einen deutlichen Schritt weiter- und das mit Spielern in der Startformation, die noch sehr jung sind."
Wo sehen Sie den grössten Schritt des Teams?
"In der Spielfähigkeit, in der Kreativität, in der Variabilität unseres Spiels. Wir haben jeden Gegner vor Probleme gestellt. Gegen Slowenien (35:38), Ungarn (29:29) und Island (38:38) waren wir die bessere Mannschaft. Früher gelang uns das an einzelnen Tagen, nun unterschätzte uns in der Hauptrunde kein Gegner mehr. Alle wussten, was auf sie zukommt und dass sie ans Limit gehen müssen. Dieser Fortschritt macht mich stolz. Wir sind kein No-Name mehr."
Gegen Slowenien gab das Team eine Neun-Tore-Führung aus der Hand, gegen Ungarn reichten sieben Treffer Vorsprung nicht zum Sieg. Wie stark ärgern Sie diese Dellen?
"Ich bin jemand, der immer das Maximum will, darum ärgert mich das natürlich. Aber man kann es immer so oder so drehen. Wir waren mit einem Bein in Zürich (die Hauptrunde wurde nur dank Schützenhilfe erreicht) und mit einem Bein in Herning am Finalwochenende. Das ist die Realität. So ärgerlich die Dellen sind, zeigt es doch, dass wir überhaupt die Fähigkeit haben, gegen Topteams solche Vorsprünge herauszuspielen. Das gibt mir viel Mut. Der nächste Schritt wird sein, in solchen Momenten einen Anker zu haben. Wir brauchen Spieler, die unser Fangnetz sind. Das haben wir noch nicht - auch, weil nur wenige diese Situationen schon oft erlebt haben."
Was nehmen Sie persönlich als grösstes Learning aus diesem Turnier mit?
"Ich nehme die Bestätigung mit, dass wir zu allem fähig sind. Gleichzeitig sehe ich, dass ich in solchen Momenten wohl noch mehr Einfluss nehmen und noch stärker unterstützen muss. Ich habe erst 30 Spiele als Trainer absolviert, und wenn ich sehe, wo wir bereits stehen, ist das top. Wir werden aber nur dann weiter erfolgreich sein, wenn das Teamgefüge funktioniert. Dieses ist für mich der Nährboden, da wir keine herausstechenden Einzelspieler haben, die uns immer eine gewisse Leistung garantieren. Und wir brauchen sehr viel Mut, auch im Coaching. Wir wollen immer agieren und nicht reagieren, müssen die Gegner stets vor neue Aufgaben stellen. Da haben wir einen grossen Schritt gemacht, aber der Weg ist noch nicht zu Ende. Geduld ist wahrscheinlich meine grösste Schwäche, aber diese braucht es einfach. Es gibt zur Spitze keine Abkürzungen."
Verbandspräsident Pascal Jenny träumt von einer Medaille an der Heim-EM 2028. Diese scheint angesichts des noch vorhandenen Entwicklungspotenzials realistisch, oder?
"Ich möchte immer das Maximum. Vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen, mittlerweile ist es ein Gedanke, der mir durchaus auch schon mehrfach durch den Kopf gegangen ist. Ich bin überzeugt, dass mit dieser Mannschaft extrem viel möglich ist. Das Schwierige daran ist, dass ich nun sehr wenig Einfluss darauf habe, was nun passiert, es liegt an den Spielern selbst, sich zu entwickeln. Ich geniesse meine Aufgabe als Nationaltrainer, auch weil es Phasen gibt, in denen ich diesem Hamsterrad entfliehen kann. Gleichzeitig ist es bitter zu sehen, dass ich das Team bis Ende Jahr nur noch 21 Tage betreuen werde, gerade wenn man betrachtet, welche Fortschritte wir in den vergangenen 28 Tagen gemacht haben. Ich muss die Zügel nun aus der Hand geben - und das mache ich nicht gerne."
















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