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Keystone-SDA | Sonntag, 07. Juni 2026

"Ich habe versucht, wie Roger zu sein"

Mit 19 Jahren ist Mirra Andrejewa Grand-Slam-Siegerin. In Paris spielt die Russin erstmals ihr ganzes, riesiges Potenzial aus. Auch, weil sie an Roger Federer denkt.

In ihrer Siegesrede nach dem überzeugenden 6:3, 6:2-Finalsieg gegen Maja Chwalinska bedankt sich Mirra Andrejewa bei ... sich selbst. Es ist ein Markenzeichen, das sie einst als Jux angefangen hatte, um die Zuschauer zum Lachen zu bringen. "Die Leute sollten sehen, wie lustig ich bin und wie viel Humor ich habe", erzählt sie lachend. Dann aber merkte sie: "Wieso sollte ich mir nicht danken? Schliesslich bin ich es, die die Arbeit macht. Ich bin es, die die Nerven spürt. So realisierte ich, dass es wichtig ist, mir zu danken."

Die 19-jährige Andrejewa aus Krasnojarsk in Sibirien ist keine gewöhnliche Tennisspielerin. Bereits mit 15 Jahren gilt sie als eigentliches Wunderkind. Via Moskau findet sie den Weg nach Cannes, im Süden Frankreichs trainiert sie ab 2022 in der Akademie, in der schon Landsmann Daniil Medwedew gross wurde. Wimbledon-Achtelfinal mit 16, French-Open-Halbfinal mit 17, erstmals in den Top Ten mit 18, der Aufstieg erfolgt kontinuierlich, wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell, wie manche dachten.

Mit Conchita Martinez zum Erfolg

Einen wichtigen Schritt macht Andrejewa vor zwei Jahren mit dem Engagement von Conchita Martinez. Die Spanierin verlor vor 26 Jahren im French-Open-Final gegen Mary Pierce, triumphierte aber 1994 in Wimbledon und führte bereits Garbiñe Muguruza als Coach zu zwei Grand-Slam-Titeln. Sie sei nicht immer einfach, verrät Martinez über ihren Schützling. Ins Detail will sie nicht gehen. "Aber es gibt Tage, da ist es schwierig. Da ist ihre Einstellung schwierig." Eine Einschätzung, die Andrejewa im Übrigen durchaus teilt. "Ihr Potenzial ist aber riesig", so Martinez. "Und sie kann überall noch besser werden."

Die grosse Aufmerksamkeit, die ihr seit jungen Jahren zuteil wird, störe sie auch nicht, im Gegenteil. "Ich mag es, auf Social Media zu sein", versichert die Russin. Sie hat aber einen Reifeprozess durchgemacht, das zeigen die letzten zwölf Monate gut. Im letzten Jahr scheiterte sie in Paris als haushohe Favoritin im Viertelfinal gegen die französische Aussenseiterin Loïs Boisson, die Nummer 361 der Welt. In diesem Frühling gelingt ihr die Hartplatz-Saison auch nicht optimal, doch auf Sand spielt sie skonstant tark. Und hat diesmal auch ihre Nerven im Griff.

Grand-Slam-Titel machen süchtig

Die Zusammenarbeit mit einem Psychologen hat Andrejewa geholfen. "Was du selber wählen kannst, ist, wie du auf den Platz gehst, wer du bist", habe sie zum Beispiel gelernt. "Und ich habe beschlossen, dass ich ein Fighter bin." Dann verrät der Teenager noch ein erstaunliches Erfolgsgeheimnis. Sie habe viele Matches von Roger Federer geschaut, von dem sie ein grosser Fan ist. "Ich werde natürlich nie seine Aura haben, das wird niemand. Aber ich wollte wirklich auf dem Platz so sein wie er. Nicht frustriert aussehen, sondern immer meine beste Seite zeigen und kämpfen." Das sei doch auch für die Leute viel schöner.

In Paris funktioniert dies in Perfektion. Einzig in der 2. Runde verliert Andrejewa gegen Marina Bassols einen Satz, gewinnt aber 3:6, 6:1, 6:1. Danach ist sie nicht mehr zu stoppen. In den folgenden fünf Partien - darunter dem Achtelfinal gegen Jil Teichmann - gibt sie nur noch insgesamt 23 Games ab. Und das macht Lust auf mehr. "Dieses Ding (Grand-Slam-Siege) macht ein bisschen süchtig", stellt sie fest. "Ich werde mein Bestes geben, das ein zweites Mal zu erleben." Mindestens.

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