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"Lokomotive" Meillard hat das Rezept für Grossanlässe gefunden
Loïc Meillard ist offiziell im Olymp angekommen. Der Mann, der lange nur als Trainingsweltmeister galt, beweist einmal mehr, dass er auch dem Druck bei Grossanlässen standhält.
Loïc Meillard kniet im Zielbereich von Bormio und wartet auf den letzten Fahrer im Starthaus. Atle Lie McGrath, der beste Slalomfahrer dieses Weltcup-Winters, liegt mit fast sechs Zehnteln Vorsprung in Führung. Doch der Norweger bekundet von Beginn an Mühe mit dem Kurs. Dann - noch vor der ersten Zwischenzeit - kommt der Einfädler. Während McGrath seine Stöcke wegwirft, sich durch die Streckenabsperrung zwängt und durch den Schnee in Richtung des Waldes stapft, schüttelt Meillard unten im Zielraum ungläubig den Kopf.
Der 29-Jährige hat es geschafft: Er ist nicht nur Weltmeister im Slalom, sondern nun auch Olympiasieger. Was für eine Antwort des im Wallis lebenden Athleten, der im Slalom der Team-Kombination noch Mühe mit dem speziellen Hang bekundet und lediglich die 15.-schnellste Zeit erzielt hatte.
Auf seine Emotionen im Ziel angesprochen, sagt Meillard, der seine gewohnt analytische Art rasch wiederfindet, er habe sich selbst am meisten unter Druck gesetzt. Die Last, die bereits bei seiner Zieleinfahrt von ihm abgefallen ist, war enorm.
Meynet: "Kneift mich, bitte"
Einer, der es ebenfalls kaum fassen kann, ist der Schweizer Slalomtrainer Thierry Meynet. Er steht nur wenige Meter entfernt, als McGrath einfädelt, und bricht unmittelbar danach in Jubel aus. "Für Atle ist es bitter, das tut mir leid für ihn. Aber auf diesen Moment habe ich lange gewartet", sagt er später in der Interviewzone. Dass die Schweiz im Slalom, in einer Disziplin mit enormer Leistungsdichte, nun sowohl den Weltmeister als auch den Olympiasieger stellt, ist für ihn kaum zu begreifen. "Kneift mich bitte."
Vom Potenzial Meillards war Meynet allerdings schon lange überzeugt. "Nach der Team-Kombination war er etwas enttäuscht. Aber ich wusste immer, dass Loïc eine Woche später wieder liefern würde." Denn wenn einer seine Fehler akribisch analysiere, dann Meillard. Bereits im Riesenslalom am Samstag hatte er mit Bronze gezeigt, dass er seine Schlüsse gezogen hat und die eher flache Piste durchaus beherrscht. Das ist auch ein Verdienst des Trainerteams, das im Vorfeld intensiv daran gearbeitet hatte, die Bedingungen von Bormio im Training möglichst realistisch zu simulieren.
Nef: "Er ist eine brutale Lokomotive"
Und in eben diesen Trainings zeigte sich Meillard bereits in bestechender Form, was allerdings kaum noch jemanden überrascht. Teamkollege Daniel Yule formuliert es pointiert: "In den letzten sieben oder acht Jahren war ich im Training wohl nie schneller als Loïc. Und vielleicht gab es fünf Einheiten, in denen er nicht der Schnellste von uns allen war." Das sei nun aber sicher übertrieben, wird ihm entgegengehalten. Yule schmunzelt und sagt: "Ja, vielleicht. Aber nur ein bisschen."
Auch Tanguy Nef, in der Sommervorbereitung meist Meillards Zimmerkollege, bestätigt diesen Eindruck: "Er ist eine brutale Lokomotive im Training." Besonders auf sehr technischen Strecken könne Meillard seine Stärken ausspielen. "Ich bin nicht überrascht, dass er heute gewonnen hat. Er ist technisch enorm präzis und kann mit wenig Grundspeed viel Tempo aufbauen." Auf einem stark drehenden Kurs wie in Bormio ist das Gold Wert.
Meillard: "Der Traum ist Realität geworden"
Lange Zeit bestand allerdings das Problem darin, dass Meillard seine konstant starken Trainingsleistungen nicht in gleicher Regelmässigkeit in Wettkämpfe übertragen konnte. Abgesehen von einem Erfolg im Parallelrennen musste er bis vor drei Jahren auf seinen ersten Weltcupsieg warten. 2022 an den Winterspielen in Peking, wo er im Slalom Fünfter wurde, in der Kombination und im Riesenslalom jedoch ausschied, blieb er hinter seinen Möglichkeiten zurück. Auch an den Weltmeisterschaften 2021 und 2023 kam er im Slalom nicht ins Ziel, ehe er vor einem Jahr den Titel holte.
In Saalbach gewann Meillard am Ende zweimal Gold und einmal Bronze. In Bormio komplettierte er nun den Medaillensatz. Anders gesagt: In den letzten sechs Rennen an Grossanlässen stand er sechsmal auf dem Podest - dreimal davon zuoberst. Meillard, der im Schweizer Team lange etwas im Schatten von Überflieger Marco Odermatt stand, glänzt inzwischen mit bemerkenswerter Konstanz.
Eine abschliessende Erklärung dafür findet er selbst kaum. Manchmal brauche es im Skisport schlicht Geduld - und natürlich auch das nötige Glück. "Jeder Erfolg hat seine eigene Geschichte", sagt Meillard. "Ich habe hart auf dieses Ziel hingearbeitet - im Wissen, dass nicht jeder Traum Realität wird. Aber heute ist er es geworden."
















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