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"Mache mir keine Sorgen, dass Franjo abheben könnte"
Im Schweizer Ski-alpin-Team brillieren die Männer in Bormio, die Frauen gehen in Cortina bisher leer aus. Alpin-Direktor Hans Flatscher zieht ein Zwischenfazit der Winterspiele 2026.
Hans Flatscher, es sind goldene Tage hier in Bormio. Wie haben Sie diese Woche miterlebt?
"Es war tatsächlich einmalig - und historisch. Bei den Männern hat es das noch nie gegeben, dass einer bei denselben Spielen sowohl die Abfahrt als auch den Super-G gewinnt. Natürlich überstrahlt Franjo mit seiner Leistung alles. Aber auch das Teamergebnis insgesamt ist bemerkenswert. Mich macht besonders stolz, dass die Athleten im entscheidenden Moment geliefert haben."
Was nicht immer einfach ist.
"Genau. Wir hatten zwar eine gute Ausgangslage, weil wir schon vor den Spielen erfolgreich waren. Aber genau das erzeugt zusätzlichen Erwartungsdruck. Entscheidend ist dann, dass das Team ruhig bleibt und sich auf die Aufgabe konzentriert. Und das ist uns gelungen."
Franjo von Allmen gewinnt in drei Rennen dreimal Gold. Helfen Sie bitte, das einzuordnen.
"Es ist etwas, was erst zwei Fahrer vor ihm geschafft haben (Jean-Claude Killy 1968, Toni Sailer 1956, die Red.). Und weil das schon eine Weile her ist, war es fast undenkbar, dass so etwas heute noch geht. Dafür muss alles zusammenpassen und müssen so viele Details stimmen. Einige kann man beeinflussen, einige aber auch nicht. Dass es ihm gelungen ist, ist eine wunderschöne Geschichte."
Jetzt prasselt viel auf den 24-Jährigen ein. Was ist aus Ihrer Sicht nun wichtig für Franjo von Allmen?
"Ich denke, seine Bodenständigkeit hilft ihm. Seine Herkunft, sein Umfeld, seine Freunde und Rückzugsorte - all das gibt ihm Halt. Er ist zwar noch jung, aber mental sehr weit. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen, dass er abheben könnte. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben. Natürlich wird sich rund um ihn viel verändern. Er wird fast überall erkannt werden. Das kann manchmal anstrengend sein. Aber ich bin überzeugt, dass er damit sehr gut umgehen wird."
Marco Odermatt hat auch zwei Medaillen gewonnen, ist aber nur bedingt zufrieden. Wie ordnen Sie seine Situation ein?
"Vielleicht ist es für Aussenstehende schwer nachvollziehbar, warum jemand mit Medaillen nicht ganz zufrieden ist. Aber genau diese Haltung macht ihn aus. Wenn er nicht so ehrgeizig wäre, hätte er nicht so viel gewonnen. Die ganz Grossen funktionieren so. Er ärgert sich kurz, ist hart zu sich selbst, aber dann kann er loslassen und sich wieder voll auf das Nächste konzentrieren. Diese Fähigkeit ist eine enorme Stärke und wird ihn weiter voranbringen."
Zu Beginn gab es den Ausbruch von Niels Hintermann, der einen Trainerentscheid nicht verstanden hat.
"Ich war selbst überrascht von der Diskussion. Wir haben in einer Sitzung alle Varianten besprochen, Wetter, Trainingsleistungen, sämtliche Fakten berücksichtigt und dann den Qualifikations-Modus festgelegt. Wir haben uns den Entscheid nicht leicht gemacht und wollten die bestmögliche und sportlich faire Lösung finden. Dass Niels nicht glücklich war, gehört dazu, und das muss man aushalten können."
Hat es denn eine Qualifikation in der Abfahrt gebraucht? Stefan Rogentin ist im Abfahrts-Weltcup klar hinter Niels Hintermann klassiert. Und nun haben Sie einen der elf begehrten Olympia-Startplätze an einen Fahrer gegeben, der letztlich kein Rennen bestritten hat.
"Wenn wir so viele starke Athleten haben, müssen wir vor Ort so viele Optionen wie möglich berücksichtigen. Erst auf der Strecke, mit den konkreten Bedingungen, kann man wirklich beurteilen, wer am besten zurechtkommt. Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber alle betroffenen Athleten gehören zur Weltspitze."
Sie reisen zwischen Bormio und Cortina hin und her. Den Schweizerinnen läuft es noch nicht wie gewünscht.
"Natürlich hofft man immer auf eine positive Überraschung. Aber man muss die Resultate auch realistisch einordnen. Die Athletinnen haben das Skifahren nicht verlernt. Es sind vielmehr die Umstände, die im Moment dazu führen, dass sie nicht ihr volles Potenzial abrufen können. Der Grund-Speed ist da, das sieht man immer wieder."
Was fehlt?
"Es fehlt jedoch am letzten Vertrauen, um das in jeder Passage kompromisslos durchzuziehen. Wir sind mit den Platzierungen nicht zufrieden, das ist klar. Aber die Athletinnen wissen selbst, woran es liegt. Einige kommen aus schwierigen Phasen zurück. Da braucht es Geduld, auch wenn Geduld im Rennsport ein seltenes Gut ist. Ich bin überzeugt, dass wir wieder auf Kurs kommen werden."
Nun lastet der Druck vor allem auf Camille Rast. Das kann für eine Athletin brutal sein.
"Eigentlich ist der Druck schon den ganzen Winter über da. Sie ist diejenige, die regelmässig Podestplätze einfährt. Das Gute ist: Sie hat mehrfach bewiesen, dass sie mental extrem stark ist."
Noch vier Rennen stehen an. Was erwarten Sie insgesamt in den technischen Disziplinen?
"Wir dürfen Erwartungen haben. Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern sind Athleten am Start, die zu den Medaillenanwärtern zählen. Das ist eine schöne Ausgangslage."
Konkret: Wird der Rekord von Peking 2022, fünf Goldmedaillen, übertroffen?
"Ich bin grundsätzlich vorsichtig mit Prognosen, wie viele Medaillen am Ende möglich sind. Aber die Chance lebt. Bei den Männern stehen wir aktuell unglaublich gut da. Und auch bei den Frauen ist es so, dass die Disziplinen, in denen wir unsere grössten Stärken haben, erst noch kommen."
















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