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Mit mutigen Änderungen in neue Sphären
Géraldine Di Tizio-Frey läuft in diesem Jahr in eine neue Dimension. Nach ihren Zeiten unter elf Sekunden gehört die Sprinterin an der EM in Birmingham am Montagabend über 100 m zu den Favoritinnen.
"Sehr surreal", antwortet Géraldine Di Tizio-Frey auf die Frage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, wie es sich anfühle, nun zu jenen Athletinnen zu gehören, die über 100 m unter elf Sekunden gelaufen sind. Diese Aussage macht sie vier Tage nach ihren 10,98 Sekunden am Meeting in Bulle am 11. Juli. Die dortige Bahn gilt als sehr schnell, und weil auch die Bedingungen ideal waren, betont die 29-jährige Zentralschweizerin: "Ich habe nicht die Erwartung, dass ich gerade nochmals unter elf Sekunden laufen kann."
Doch genau das gelingt Di Tizio-Frey kurze Zeit später. An den Schweizer Meisterschaften Ende Juli im Zürcher Letzigrund holt sie in 10,96 Sekunden erstmals den Titel über 100 m. Auch wenn sie nicht mit solchen Exploits gerechnet hatte, kommt ihre Topform nicht von ungefähr. Diese ist auf diverse Änderungen zurückzuführen. So trainiert sie nun bei Patrick Saile, dem Sprint-Nationaltrainer von Swiss Athletics, wobei ihr bisheriger Coach Lucio Di Tizio in einer beratenden Funktion immer noch im Team ist.
Neue Impulse
Unter Saile wurde ein neuer Kraftfokus gesetzt. Di Tizio-Frey trainierte nicht nur etwas mehr in diesem Bereich, sie arbeitete auch mit grösseren Gewichten. Zudem nahm sie in der Lauftechnik kleinere Anpassungen vor. "Ich schaffe es nun, den Fuss richtig zu setzen und so möglichst viel Kraft in die Bahn hineinzudrücken, damit alles schön nach vorne geht", sagt Di Tizio-Frey und fährt fort: "Da ich nicht sehr schnell in die Saison eingestiegen bin, brauchte es auch ein bisschen Mut, am Plan festzuhalten und die technischen Aspekte so umzusetzen, wie wir es uns vorgenommen haben. Das hat sich jetzt ausbezahlt."
Was hat sie zum Trainerwechsel bewogen? "Ich ging letztes Jahr schon ab und zu bei Patrick ins Training. Wir haben uns immer sehr gut verstanden. Lucio ist im vergangenen Jahr 74 Jahre alt geworden, deshalb haben wir uns gerade auch im Hinblick auf den nächsten Olympia-Zyklus dazu entschieden, die Verantwortung an einen anderen Coach abzugeben, um ihn ein bisschen zu entlasten. Er bringt sich aber immer noch gerne ein und übernimmt auch ab und zu ein Training."
Lucio Di Tizio ist ihr Schwiegervater, denn sie ist mit dessen Sohn Luca verheiratet. Dieser war früher Zehnkämpfer, erlitt jedoch 2019 einen schweren Bandscheibenvorfall und hörte mit dem Spitzensport auf, kommt aber oft ins Training mit. Dass Lucio Di Tizio, der über viele Jahre bei Swiss Athletics tätig war, ihr Trainer wurde, war reiner Zufall. Er hatte die nötige Zeit, weil er pensioniert war. Die Zusammenarbeit bezeichnet sie als "mega cool. Wenn wir ein Trainingslager machten, war es immer auch wie Familienferien. Es hat immer sehr gut funktioniert", sagt sie.
Eine späte Einsteigerin
Géraldine Di Tizio-Frey hat erst spät mit Leichtathletik begonnen - "mit etwa 14, 15 Jahren". Wie ihre Eltern spielte sie zuvor Wasserball und sie machte auch Geräteturnen. In der Leichtathletik hat sich dann rasch abgezeichnet, dass ihr Talent im Sprint liegt, denn sie besitzt viele schnelle Muskelfasern. 2017 gewann sie mit der 4x100-m-Staffel an den U23-Europameisterschaften in Bydgoszcz die Bronzemedaille. 2022 an den Weltmeisterschaften in Eugene war sie dann erstmals an einem Grossanlass im Freien in der Elite-Kategorie dabei. Seither nahm sie regelmässig an internationalen Meisterschaften teil, so auch 2024 an den Olympischen Spielen in Paris.
Zwar könnte sie von der Leichtathletik "knapp leben, je nachdem, wie die Sponsoren-Situation aussieht". Dennoch arbeitet sie seit vergangenem Oktober nebenbei in einem 50-Prozent-Pensum in einem Gesundheitskonzern. Sie ist in einem Team untergebracht, das für Gesundheitsdienstleistungen in Apotheken verantwortlich ist. Am Dienstag arbeitet sie normalerweise am Hauptstandort in Bern und trainiert dann nicht. Ansonsten kann sie flexibel im Homeoffice arbeiten, oder sie stattet mal einer Apotheke einen Besuch ab. Im Sommer zuvor hatte sie ihr ETH-Studium in pharmazeutischen Wissenschaften abgeschlossen. "Ich mache gerne nebenbei noch etwas anderes, damit der Kopf nicht immer nur beim Sport ist", sagt Di Tizio-Frey.
Mit Lockerheit zum nächsten Höhepunkt
Die Olympischen Spiele in Paris waren ihr grosses Ziel. Danach sagte sie zu sich, dass sie Jahr für Jahr nehme. Nun startet sie als schnellste Europäerin der Saison 2026 an den Europameisterschaften in Birmingham und gehört dort zu den Mitfavoritinnen über 100 m. Zwar hat sie sich an einem Grossanlass als Einzelläuferin bislang noch nie für einen Final qualifiziert, allerdings wäre alles andere als ein Einzug in diesen eine Enttäuschung. Es ist ihr jedoch wichtig, sich nicht zu viel Druck zu machen. Denn sie möchte auch am Montagabend nach Halbfinal und Final wieder das Wort surreal in den Mund nehmen.

















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