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Nestor Clausen erklärt, wie eine Schweizer Überraschung möglich ist
In Nestor Clausens Brust schlagen zwei Herzen: Der argentinische Weltmeister von 1986 hat Wurzeln in der Schweiz - und er traut dem Team von Murat Yakin im WM-Viertelfinal die Überraschung zu.
Wenn die Schweiz in der Nacht auf Sonntag im WM-Viertelfinal auf Argentinien trifft, ist das für Nestor Clausen eine emotionale Angelegenheit. Der 63-jährige Argentinier ist in seiner Heimat eine Legende: 1986 stemmte er an der Seite von Diego Armando Maradona den Weltmeisterpokal in die Höhe.
Clausen hat aber auch Oberwalliser Abstammung und ist als Doppelbürger eng mit der Schweiz verbunden. Zwischen 1989 und 1994 prägte der frühere Aussenverteidiger die goldene Ära des FC Sion mit, gewann den Schweizer Cup und feierte 1992 sensationell den Meistertitel. Später kehrte er gleich zweimal als Trainer in die Schweiz zurück. Erst zu Sion, wo er bereits nach kurzer Zeit für Schlagzeilen sorgte, als er bei einem Cupspiel der Sittener in La Chaux-de-Fonds sein Amt in der Halbzeit zur Verfügung stellte, weil er "kein Sklave" von Präsident Christian Constantin mehr sein wollte, nachdem dieser in die Kabine geplatzt war. Von März 2008 bis Januar 2009 stand er zudem bei Xamax an der Seitenlinie.
Heute lebt Clausen in Bolivien und arbeitet als TV-Experte. Vor dem historischen WM-Duell analysiert er für die Nachrichtenagentur Keystone-SDA die Qualitäten beider Teams - und er weiss genau, wie die Nati den grossen Favoriten um Lionel Messi ins Wanken bringen kann.
Nestor Clausen, am Samstagabend Ortszeit spielt das Schweizer Nationalteam nach dem historischen Einzug in den WM-Viertelfinal ausgerechnet gegen ihr Heimatland Argentinien. Für wen schlägt ihr Herz mehr?
"Das werde ich in diesen Tagen öfters gefragt. Gerade auch vorhin von einem Journalisten. Da habe ich ihm ein Foto gezeigt vom argentinischen und vom Schweizer Pass. Ich habe beide Pässe und trage beide Nationen im Herzen. Insofern ist es schon ein sehr spezielles Spiel für mich, und ich wünsche beiden Mannschaften Erfolg. Aber ein Team wird am Ende verlieren müssen."
Sie verfolgen das Turnier als Experte fürs bolivianische Fernsehen. Wie erleben Sie Argentinien und die Schweiz bis anhin?
"Vor der WM habe ich gesagt, Argentinien sei ein Titelkandidat. Aber von Spiel zu Spiel merkt man, dass etwas fehlt. Das Spiel über die Flügel findet kaum statt. Sie hängen viel zu sehr von Lionel Messi ab. Es ist sehr gefährlich, zu glauben, dass dir ein einziger Spieler immer den Sieg bringt. Auch wenn dieser Messi heisst."
Das tönt nicht so, als wäre die Schweiz gegen den amtierenden Weltmeister chancenlos.
"Nein, absolut nicht. Die Schweizer haben sich sicher den Achtelfinal von Ägypten gegen Argentinien angeschaut. Ägypten hat eine sehr gute, intelligente Partie gemacht. Sie haben am Ende wohl nur verloren, weil sie dachten, sie hätten den Sieg nach dem zwischenzeitlichen 2:0 bereits in der Tasche. Aber solange Messi auf dem Platz steht, darf man nie glauben, dass ein Spiel gewonnen ist."
Wie können die Schweizer Messi denn stoppen?
"Das erfordert eine Teamleistung. Ein einzelner Spieler reicht für die Manndeckung nicht aus. Wenn er den Ball mit Zeit und Raum annehmen kann, dribbelt er dich aus. Es braucht sofortige Absicherung. Entscheidend ist aber, was die Schweiz nach der Balleroberung macht. Genau dann muss sie das Tempo anziehen, denn Argentinien ist defensiv nicht schnell."
Also sind Konter und schnelles Umschaltspiel die Schlüssel zum Erfolg für das Team von Murat Yakin?
"Ja. Die Schweiz hat die Elemente, um für eine Überraschung zu sorgen. Sie ist sehr gut eingespielt und defensiv sehr stabil. Das hat sie nicht nur in diesem Turnier gezeigt, war aber auch im Achtelfinal gegen Kolumbien entscheidend."
Ist Argentinien denn heute schwächer als noch vor vier Jahren beim WM-Titel in Katar?
"Ja, ganz klar. Im Fussball zählt nicht die Vergangenheit. Argentinien ist derzeit nicht übermächtig. Heute fehlt beispielsweise ein Spieler wie Angel Di Maria, der über die Flügel Tempo ins Spiel brachte. Und Julian Alvarez war in Katar enorm gefährlich, aktuell erreicht er dieses Top-Niveau nicht."
Was ist heute anders als noch bei Ihrem WM-Titel 1986 in Mexiko? Fehlt ein Maradona?
"Das natürlich auch (lacht). Das Team von damals ist vergleichbar mit dem von 2022. Wir hatten Maradona, ja. Aber wir waren vor allem ein starkes Team. Vor vier Jahren wurde Messi viel besser unterstützt, und es gab andere Spieler, die im 1 gegen 1 Risiken eingingen. Heute fehlen die Akteure, die Verantwortung übernehmen. Alles lastet auf Messi."
Argentinien ist das einzige verbliebene Team im Turnier aus Südamerika. Was machen die Europäer derzeit besser?
"Für mich ist Brasilien ein Sinnbild. Früher flössten sie den Gegnern Angst ein. Heute fehlen ihnen die absoluten Topspieler. Früher hatten sie mehrere Akteure auf allerhöchstem Niveau, heute ist das Niveau gesunken. Es gibt keinen Ronaldinho mehr. Die Aussenverteidiger sind nicht mehr vom Kaliber eines Roberto Carlos oder Cafu. Sie haben viele Probleme. Das ist durchaus vergleichbar mit Argentinien. Die Europäer arbeiten oft gelassener und verstehen es, aus Einzelspielern ein starkes Kollektiv zu formen."
Das ist Murat Yakin auch in der Schweiz gelungen. Denken Sie, dass die Schweizer sogar noch weiter vorstossen können?
"Im heutigen Fussball ist alles möglich. Bei dieser WM haben viele kleine Teams ohne weitreichende Historie den grossen Nationen Kopfzerbrechen bereitet. Argentinien hatte schon gegen Kap Verde riesige Mühe. Kap Verde ist ein WM-Neuling und hat keine Fussballgeschichte, aber Argentinien hatte Kopfschmerzen. Genauso wie gegen Ägypten. Und am Samstag werden sie womöglich auch gegen die Schweiz Kopfschmerzen bekommen."

















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