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Olympiasiegerin Nina Christen tritt zurück
Nina Christen hat genug. Die Nidwaldner Schützin, die in Tokio 2021 Olympiasiegerin wurde, beendet Ende Jahr ihre Karriere.
Wenn es im Schiesssport um den Bruchteil eines Millimeters geht, entschied bei Nina Christen oft nicht nur das Auge, sondern das Herz und der Kopf. Nun hat die 31-Jährige den wohl schwierigsten Entscheid ihrer Karriere getroffen: Sie stellt das Gewehr in den Schrank. Ende 2025 ist Schluss. Mit ihr verliert der Schweizer Spitzensport eine seiner stillen Gigantinnen – eine Frau, die den Lärm der Welt ausblenden konnte, um im entscheidenden Moment voll da zu sein.
Die Tage von Tokio
Es sind Bilder, die im kollektiven Gedächtnis der Schweizer Sportfans verankert bleiben: Die Olympischen Spiele von Tokio, ausgetragen im Hitzesommer 2021. Dort sorgte die Nidwaldnerin für Schweizer Festspiele.
Zuerst die Bronze-Medaille mit dem Luftgewehr über 10 Meter – ein Auftakt nach Mass. Doch ihr Meisterstück folgte im Dreistellungskampf über 50 Meter. In einem nervenaufreibenden Final deklassierte Christen die russische Konkurrenz, behielt die Nerven, als es darauf ankam, und schoss sich mit einem olympischen Final-Rekord zu Gold. Es war das erste Schiess-Gold für eine Schweizer Frau überhaupt. Mehr noch: Nina Christen wurde zur ersten Schweizer Athletin der Geschichte, die an denselben Sommerspielen zwei Einzelmedaillen gewann. Sie hatte das scheinbar Unmögliche möglich gemacht.
Die Leere nach dem Triumph
Dass Tokio kein Zufallsprodukt war, bewies ihre Konstanz über Jahre. Christen war keine Athletin für den einen grossen Tag, sie war eine Arbeiterin. Den Europameistertitel 2019 in Bologna oder den Medaillenregen an den European Games 2023 in Krakau (unter anderem Gold im Team und Mixed-Team) erarbeitete sie sich mit eiserner Disziplin. Sie hob den Schweizer Schiesssport, der oft eher mit Tradition als mit Hochleistung assoziiert wurde, auf ein neues, professionelles Level.
Doch Ninas Christens Vermächtnis bemisst sich nicht nur in Edelmetall. Vielleicht noch wichtiger war ihr Umgang mit der Leere nach dem Triumph. Offen sprach sie über die mentale Erschöpfung nach dem Olympiasieg, über den Druck und die Schwierigkeit, sich neu zu motivieren. Sie gab dem Erfolg ein menschliches Gesicht und zeigte, dass auch Olympiasiegerinnen verletzlich sind.
Dass sie sich zurückkämpfte und die Schweizer Delegation an den Olympischen Spielen 2024 in Paris gemeinsam mit Mountainbike-Legende Nino Schurter als Fahnenträgerin anführen durfte, war die logische Konsequenz ihrer Stellung im Schweizer Sport. Es war eine Ehre, die ihre Karriere abrundete, auch ohne weitere Medaille an der Seine.
Ein Abgang mit Stil
Nun also der Rücktritt. Er kommt, wie Nina Christen geschossen hat: überlegt, ruhig und zum richtigen Zeitpunkt. Sie tritt nicht zurück, weil sie muss, sondern weil sie ihre Ziele erreicht hat. Sie hinterlässt eine Lücke im Kader, aber auch einen Pfad für die nächste Generation, der zeigt, dass es auch Schweizer Schützinnen an die Weltspitze schaffen können.
















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