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Sarganserland
Gianluca Volpe | Dienstag, 22. September 2026

Raupenalarm im Sarganserland: «Plötzlich waren sie überall»

Eine Raupeninvasion sorgt in Sargans und Heiligkreuz für Aufsehen: Tausende Tiere haben Wiesen leergefressen und sich auf Strassen und Hauswände ausgebreitet. Die Gemeinde kann vorerst nur abwarten.

Als der zehnjährige Tim Sieber am vergangenen Dienstag nach Hause kam, bot sich ihm ein einmaliges Bild. «Für mich war das ein Schock», erzählt er. Im Eingangsbereich tummelten sich etwa 100 Raupen, wie er schätzt. «Zwei Tage später waren es dann 1000 und jetzt würde ich mehr als eine Million schätzen». Ein Augenschein zeigt: Am Haus an der Staatsstrasse wimmelt es von Raupen. Auch auf der Einfahrt und an den Hauswänden sind die Krabbeltiere unterwegs. Und die Wiese vor dem Haus hat sich bereits etwa zur Hälfte braun gefärbt. «Die fressen uns gerade alles weg und ziehen dann weiter», sagt die Mutter Nadja Sieber. «Sie machen zwar nichts ausser Pflanzen kaputt. Aber sie sind grausig, kommen bis ins Haus und scheissen dort alles voll.» Bei den Siebers ist die Plage im Eingangsbereich mittlerweile so gross, dass sie nur noch durch die hintere Garagentür ins Haus gehen. Diese ist von der Sonne abgewandt, was die wärmeliebenden Raupen etwas fernhält.

Beim Landwirtschaftlichen Zentrum Salez geht man davon aus, dass es sich um eine Art der Graseule-Raupe – umgangssprachlich auch Heerraupe genannt – handelt. Besonders auffällig war für Sieber ihre Bewegung Richtung Hauptstrasse: Tausende Raupen machten sich offenbar auf den Weg, viele von ihnen endeten unter den Rädern vorbeifahrender Autos und hinterliessen eine gut sichtbare «Bremsspur».

Für Sieber war zuerst unklar, was da überhaupt vor sich ging. Sie habe so etwas in all den Jahren noch nie erlebt. «Im Quartier ist das gerade Gesprächsstoff Nummer eins». Waren zuerst nur die Siebers und die an die Wiese angrenzende Häuserreihe betroffen, haben die Raupen mittlerweile die Wiesen im Torggelfeld leergefressen und seien auch bereits die Heiligkreuzer Halde angekommen und in Richtung Sarganser Dorfkern unterwegs.

Raupe verbreitet sich

«Die Raupen ziehen weiter auf der Suche nach mehr Gras zum Fressen oder nach einem geeigneten Platz, um sich zu verpuppen», erklärt Hannes Schumacher. Er ist Mitglied der Biodiversitätskommission Sargans und dort für das Thema invasive Neophyten zuständig.

Stehen auf keiner grünen Wiese mehr: Die Siebers versuchen es mit allen Mitteln, die Raupenplage in ihrem Garten zu bekämpfen.

Die Thematik wurde auch von nationalen Medien aufgegriffen und ebenso wirft die Raupeninvasion in Fachkreisen ihre Wellen. «Dabei handelt es sich in Sargans um ein Erstereignis auf der Alpennordseite», weiss Andreas Kopp vom Naturmuseum St. Gallen Auskunft zu geben. Es handle sich um einen Wanderfalter, der bis dato selten nördlich von den Alpen gefunden wurde. Zuletzt hatte man 2016 einen solchen Ausbruch im Tessin beobachtet. Dort würden sich diese Ereignisse jeweils etwa alle zehn Jahre beobachten lassen. «Daraus lässt sich nun auch schliessen, dass in diesem Zeitraum auch im Sarganserland wieder mit einem grösseren Auftreten der Eulenraupe zu rechnen sein könnte», so Kopp.

Auch Gemeinde ist machtlos

«Für die betroffenen Anwohnenden ist das eine sehr unangenehme Situation. Kurzfristig sind die Handlungsmöglichkeiten allerdings begrenzt», sagt Schumacher. Kieselgur könne möglicherweise helfen, einzelne Zugänge zu Gebäuden vorübergehend zu begrenzen. Die Anwendung müsse jedoch gemäss den Angaben des dafür zugelassenen Produkts erfolgen. Das Pulver besteht aus winzigen, scharfkantigen Teilchen, die sich an die Schadinsekten anheften. Dadurch wird deren äussere Schicht beschädigt und sie trocknet aus und stirbt ab.

Auch bei der Familie Sieber sind schon allerlei Mittel zum Einsatz gekommen. «Vom Waschmittel über den Wasserschlauch bis hin zum Bunsenbrenner und Verdünner haben wir schon alles versucht», so Sieber. Einzig Kieselgur habe etwas genutzt. «Dieses hat die Raupen aber einfach dazu geführt, einen anderen Weg suchen zu müssen.

«Eine flächige chemische Bekämpfung wäre aus ökologischer Sicht problematisch, weil sie auch andere Insekten beeinträchtigen könnte», sagt Schumacher. Im Torggelfeld und Heiligkreuz heisst die Devise momentan weiterhin: «Abwarten und auf die Kälte hoffen». Ob bereits eine einzelne Frostnacht genügt, lasse sich derzeit jedoch nicht sicher sagen. Mit anhaltend tieferen Temperaturen dürfte die Aktivität deutlich zurückgehen, ist man sich sowohl bei der Gemeinde als auch beim Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez einig.

Mit Blick auf die Wettervorhersagen ist das noch reines Wunschdenken. «Also bleibt uns nichts anderes übrig als abwarten und optimistisch zu bleiben», sagt Sieber. «Wir hoffen einfach, bald die Vordertüre wieder nutzen zu können», sind sich Tim und sein grösserer Bruder Florian einig.

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