Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Urs Lehmann will den Weltverband für die Zukunft fit machen
Urs Lehmann ist seit 100 Tagen CEO der FIS und voller Tatendrang. Im Interview mit Keystone-SDA erzählt der langjährige Swiss-Ski-Präsident, welche Pläne und Visionen er beim Weltverband verfolgt.
Nach dem einst fast chronisch erfolglosen Schweizer Skiverband will Lehmann auch die in veralteten Strukturen verharrende FIS "so schnell wie möglich" auf Vordermann bringen. Der Verband müsse "den Fahrersitz einnehmen", sagt der 56-jährige Aargauer, der eng mit Johan Eliasch zusammen spannt. Dem schwedisch-britischen Milliardär war er 2021 im Kampf um das FIS-Präsidium deutlich unterlegen.
Urs Lehmann, sind Sie nach Ihrem Wechsel zur FIS auf dem Weg vom Aargau ins bernische Oberhofen vielleicht einmal falsch abgebogen?
"Sie meinen zum Hauptsitz von Swiss-Ski? Nein, keineswegs. Das GPS führt mich zuverlässig nach Oberhofen. Einzig in Thun habe ich bei einem der gefühlt 700 Kreisel einmal die falsche Ausfahrt genommen."
Dann gelang Ihnen die Umstellung vom "ewigen" Swiss-Ski-Präsidenten zum FIS-CEO nahtlos?
"Was heisst nahtlos? Es war ein bewusster und positiv assoziierter Entscheid, aber letztlich doch eine grössere Umstellung als zunächst gedacht. Ich war 19 Jahre bei Swiss-Ski, davon 17 Jahre als Präsident. Man muss sich das wie in einer langen Ehe vorstellen, alles ist eingespielt und läuft. Das kann positiv wie negativ sein. Ich stelle fest, dass der Wechsel bei mir zusätzliche Energie freigeschaltet hat. Es besteht eine Freude auf das Neue."
Sie verliessen mit Swiss-Ski einen sicheren Hafen und Ihre persönliche Komfortzone, um den Skisport weltweit weiterzuentwickeln, wie es bei der Bekanntgabe Ihres Wechsels hiess. Ist die Aufgabe vergleichbar mit dem, was sie vor knapp zwei Jahrzehnten bei Swiss-Ski vorgefunden haben?
"Ja. Damals herrschte absolut keine Einigkeit, teils waren die Sparten gar verkracht und sprachen nicht miteinander. Es gab dennoch Leute, die nicht nur Freude an mir hatten, dass ich aufzuräumen begann. Auch um die Finanzen war es schlecht bestellt. Bei Swiss-Ski galt es damals vieles aufbauen. Meine Inspiration ist es, Ähnliches nun auch auf internationaler Ebene zu erreichen."
Sie arbeiten seit knapp 100 Tagen als CEO der FIS. Wie fällt Ihre Analyse des Weltverbandes aus?
"Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, der vom Präsidenten (Johan Eliasch – Red.) angestossen worden ist. Es gibt sehr viele spannende und innovative Projekte, teils natürlich auch schwierige Themen. Aber die gibt es in jedem Unternehmen."
Können Sie konkreter auf einige Themen eingehen?
"Ein interessantes Projekt in diesem Transformationsprozess ist das FIS-TV. Damit wollen wir nicht in Konkurrenz zu bestehenden Anbietern wie SRG und ORF treten, sondern vielmehr in Ergänzung zu diesen. Es sollen möglichst alle unsere Wettkämpfe und Orte auf dieser Welt abgedeckt werden, die Reichweite soll generell gesteigert werden. Ebenfalls ein spannendes Thema ist die digitale Transformation."
Und weiter?
"... suchen wir zum Beispiel bei der Vermarktung neue Arten. Auch die einzelnen Produkte, wenn ich die zehn FIS-Disziplinen so nennen darf, sind immer ein Thema: also von Ski alpin über Ski nordisch bis hin zu Freestyle. Dazu gibt es dann auch wichtige Dossiers wie zum Beispiel die Sicherheit im alpinen Skirennsport. In allen genannten Themen sind wichtige Sachen angestossen worden. Nun geht es darum, dies weiterzuentwickeln - sei es konzeptionell oder teils auch schon in der Ausführung. In einer solchen Phase dazuzustossen, finde ich äusserst spannend. Es wurde einiges erreicht, nun geht es an die Umsetzung."
Was aber mit den bestehenden Strukturen nicht nur einfach wird.
"Grundsätzlich ist es so, dass sich die FIS in einer früheren Phase und unter dem früheren Präsidenten bis 2021 deutlich zu wenig bewegt hat. Es gab keine Reformation, man verharrte viel zu lange in alten Positionen. Der Stillstand dauerte über mehrere Jahre hinweg. Als Folge dessen wurde Johan Eliasch als eher Aussenstehender gewählt (im Sommer 2021 - Red.), weil es hiess: 'Jetzt muss endlich etwas gehen.' Aber die FIS hat historisch gewachsene Strukturen, die es teils schwierig machen, um vorwärtszukommen. Das geht bis hin zu verkrustet."
Sie sagen es selbst: Ein dynamischer Verband sieht anders aus als die FIS. Ist das Ihre grösste Herausforderung?
"Es ist leider so: Wer will, dass etwas nicht zustande kommt, der lässt ein Thema in einem der unzähligen FIS-Komitees oder in einer Arbeitsgruppe diskutieren. Das ist fast der Garant, dass es nie umgesetzt wird. Dass wir auch bei wichtigen Themen nicht schnell genug vorwärtsmachen können, ist eine Herausforderung."
Haben Sie ein Beispiel?
"Bei der Sicherheit der Athleten. Nach einem tödlichen Trainingsunfall (des Italieners Matteo Franzoso im Herbst in Chile - Red.) wurden in Sölden in der FIS-Abteilung für Athletengesundheit Diskussionen geführt. Die Massnahmen, die man ergreifen sollte, wären ungefähr klar, und man könnte einiges bis im Frühling erarbeiten. Aber mit der Struktur, wie wir sie in der FIS haben, geht danach alles in die dafür vorgesehenen Komitees. Bis es da dann durch ist, dauert es nochmals bis zu zwei Jahre."
Eine lange Zeit...
"...sehr. Wir können bei der Sicherheit - und auch nicht in anderen Bereichen - fast drei Jahre warten, bis wir etwas ändern können. Wie wollen wir da den Skisport weiterentwickeln? Aber klar: Auch in diesem Bereich habe ich meine Vorstellungen. Zusammen mit Johan werde ich versuchen, diese Ideen durch die vorhandenen Strukturen durchzubringen."
Sie sprechen vom nächsten Kongress in Serbien, nicht wahr?
"Genau. Wir haben einen klaren Plan. Aber obwohl sehr viele einen Change (Wechsel) fordern, wird es Widerstand geben. Das ist ein bekanntes Phänomen: Sobald man vom Wechsel betroffen ist, will man ihn plötzlich nicht mehr. Aber das System muss uns die Chancen geben, dass wir effizienter, schneller und agiler werden können. Die Veränderungen, die von allen gefordert worden sind, müssen nun zugelassen werden. Das ist schlicht ein Muss. Eine Mission von mir ist es, dass man der Führung der FIS Vertrauen schenkt und dass sich die FIS im Fahrersitz befindet und nicht als Beifahrer unterwegs ist."
Was wollen Sie möglichst schnell anpacken?
"Das muss Ski alpin sein. Die Zahlen zeigen, dass Alpin die Disziplin ist, die am meisten Wertschöpfung generiert. Freestyle ist das jüngste Kind, aber vielleicht das mit dem grössten Potenzial. Wer unternehmerisch, betriebswirtschaftlich und strategisch vorgeht, der muss zuerst seinen "Rockstar" - bei uns also Alpin - auf das nächste Level bringen."
Was heisst das?
"Wir wollen nicht weniger, sondern mehr Rennen pro Saison. Alle, die fordern, dass es weniger Rennen geben soll, sehen das grosse Ganze nicht. Im Skirennsport wird acht Monate trainiert, aber nur während vier Monaten Rennen gefahren. Meine Vision - und da spreche ich nicht nur für den alpinen Bereich - ist, dass wir globaler werden. Der Wachstumsmarkt ist definitiv nicht in Europa, sondern in Asien und den USA."
Aber zum Beispiel China hat keine alpine Tradition.
"Deshalb müssen wir uns auch überlegen, ob wir in China statt Alpin nicht eher Freestyle, Snowboard und Frauen-Skispringen pushen wollen. Da sind sie viel weiter und haben auch bereits Topathleten und sogar Stars. Es braucht Events und Topstars. Dann kann man eine Geschichte erzählen."
Zurück zum alpinen Bereich: Können Sie uns Ihre Pläne näherbringen?
"Wir müssen den Weltcup-Kalender weiterentwickeln. Es gilt, die Saison zu verlängern. Einerseits soll der Weltcup-Final eine Woche nach hinten verlegt werden, andrerseits soll der erste Teil der Saison verdichtet werden. Nach Sölden soll kein Loch von zwei rennfreien Wochen bestehen. Auch müssen wir die Rennen in den verschiedenen Disziplinen cleverer als zum Beispiel in dieser Saison verteilen."
Wie meinen Sie das?
"Das erste Speed-Rennen der Frauen war in diesem Winter erst Mitte Dezember und nach zuvor sieben technischen Rennen. Das ist schlicht zu spät. Wir müssen das Gleichgewicht wahren und früher mit Speed beginnen."
Eine längere Saison gäbe auch den Sponsoren längere Sichtbarkeit.
"Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Einzig, dass eine Sportart spannend ist, reicht nicht, wenn das nur für vier Monate der Fall ist. Im Idealfall gelingt es uns, das ganze Jahr hindurch Storys zu erzählen. Und bei der FIS haben wir dabei gute Voraussetzungen. Ohne, dass ich jetzt die Lösung schon hätte, frage ich mich: Was machen wir mit der südlichen Hemisphäre?"
Sie denken an alpine Weltcup-Rennen in Argentinien und Neuseeland?
"Warum nicht? Zum Trainieren sind im Sommer eh schon ganz viele Nationen in diesen Ländern. Wenn also Argentinien oder andere Länder die finanziellen Mittel aufbringen, um bei sich einen Weltcup-Slalom zu veranstalten, dann sollten wir ernsthaft darüber nachdenken."
Sollte für Sie auch künftig jedes Rennen die gleiche Wertigkeit haben und möchten Sie, dass die Athletinnen und Athleten möglichst alle Weltcup-Rennen fahren sollten?
"Das sind zwei zentrale Elemente der Vision für die Zukunft. Das Ziel sind für die Frauen und Männer jeweils rund 45 bis 50 Saisonrennen, wenn es keinen Grossanlass gibt. In Saisons mit WM oder Olympischen Spielen wären es leicht weniger. Wir müssen dabei vom Anspruch wegkommen, dass jede und jeder alle Rennen fährt. Bislang ist der Kalender aber dafür angelegt."
Wann soll für Sie die Zukunft beginnen?
"In der Saison 2027/2028 wäre optimal. Dannzumal wird der Weltcup-Final erstmals etwas später ausgetragen, zudem findet im Februar dann kein Grossanlass statt. Das gibt Platz für Neues."
Ihre Vision geht aber deutlich weiter.
"Ab 2030 sollten wir gross denken und eventuell sogar disruptiv."
Wie meinen Sie das?
"Zum Beispiel nur noch ein weltweites Punktesystem. Aktuell haben wir getrennte Punktesysteme für den Weltcup und die fünf Kontinentalcups. Und über das Basissystem - die FIS-Punkte - haben wir da noch gar nicht gesprochen."
Das sind sieben verschiedene Systeme...
"Das ist meines Erachtens nicht zukunftsfähig, das muss vereinheitlicht werden. Aufgrund des gegenwärtigen Systems besteht zum Beispiel für gewisse Athleten null Anreiz, in der südlichen Hemisphäre Rennen zu fahren, obwohl viele der weltbesten Fahrerinnen und Fahrer im Sommer und Herbst sowieso dort trainieren auf der Piste neben dem Rennen. Wir müssen beginnen, anders zu denken, und brauchen ein einheitliches Punktesystem. Andere Sportarten wie Tennis haben ein System, das weltweit und über alle Stufen funktioniert. Solche Sportarten schauen wir uns an. In einer optimalen Welt schaffen wir es, bis in vier Jahren ebenfalls auf ein einheitliches System zu gehen."
Um nicht nur über Ski alpin zu sprechen...
"Die Vierschanzentournee hat ganz klar auch einen sehr hohen Stellenwert. Das ist ein Top-Produkt. Und ab kommender Saison wird es wohl auch eine Frauen-Vierschanzentournee geben. Ein Meilenstein!"
Im Langlauf hatte die Tour de Ski auch mal einen hohen Stellenwert.
"Diese war im Langlauf das Kronjuwel. Da haben sich die Länder fast darum gestritten, wer Veranstaltungen austragen darf. Nun allerdings gilt es die Tour de Ski wieder zu schärfen. Das Interesse an diesem Produkt - und damit auch der Wert - muss wieder deutlich grösser werden."
Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer Beziehung mit Johan Eliasch. Wie arbeiten Sie im Alltag mit ihm zusammen?
"Die Zusammenarbeit funktioniert gut. Wir haben viel Kontakt und telefonieren oft mehrmals am Tag miteinander. Der Einstieg ist gelungen, aber es sind auch erst rund 100 Tage. Wir werden sehen, was wir in einem halben oder ganzen Jahr erreicht haben. Es stehen spannende Monate an. Aber eines möchte ich gerne noch betonen..."
...ja?
"Es geht immer um die Sache und die Weiterentwicklung des Sports - und nicht etwa um die Personen. Wir dienen alle dem Sport. Das muss unsere Mission sein."
















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