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mit Liliana Wildhaber sprach Helen Baur-Rigendinger | Mittwoch, 02. Dezember 2020

Von der Pflegenden zur Polizistin

Polizist ist längst kein Männerberuf mehr. Immer mehr Frauen entscheiden sich für einen Job bei der Polizei. Liliana Wildhaber aus Flums hat ihre Arbeit als Pflegedienstleiterin aufgegeben und eine berufliche Neuorientierung gewagt. Seit Sommer 2019 ist die 43-Jährige bei der Mobilen Polizei Werdenberg-Sarganserland im Einsatz.

Schon im Kindergarten war für Liliana Wildhaber klar: «Ich werde Krankenschwester.» Die Ausbildung hat sie 1999 in Ilanz abgeschlossen. Nach Stationen im Prättigau und im Zürcher Oberland zog es die Pflegefachfrau HF zurück in ihre Heimat, wo sie im Altersheim Kirchbünte in Flums sieben Jahre mit Herzblut als Pflegedienstleiterin anpackte. Sie ging gegen die Vierzig, als sie sich Gedanken über ihre Zukunft machte und sich zum Eignungstest bei der Polizei anmeldete. Diesen bestand sie mit Bravour. Nach Absolvierung der Polizeischule Ostschweiz folgte das einjährige Praktikum auf verschiedenen Fachstellen im Kanton St. Gallen. Liliana Wildhaber ist Mutter von zwei Kindern in Ausbildung und wohnt in Flums. Heute arbeitet sie mit einem 100-Prozent-Pensum bei der Mobilen Polizei Werdenberg-Sarganserland (Stützpunkt Mels).

Frau Wildhaber, hat sich mit der Ausbildung zur Polizistin ein Traum erfüllt?

LILIANA WILDHABER: Da muss ich etwas ausholen. Die Arbeit im Altersheim Kirchbünte in Flums war mein Ein und Alles. Ich habe den neuen Weg nicht gesucht. Er kam zu mir. Während einer herausfordernden Zeit machte ich mir Gedanken über meine Zukunft, stellte mir unter anderem die Frage, ob ich den Sporttest bei der Polizei schaffen würde.

Sie bestanden den Eignungstest auf Anhieb – und zögerten doch kurz. Warum?

Es lief alles super. Meine Bedenken betreffend Alter wurde zerstreut und ich wurde ermuntert, mich zu bewerben. Dafür benötigte ich eine gewisse Zeit. Da war mein Job im Altersheim, meine Passion, eine Arbeit, die ich nicht loslassen wollte. Ende 2016 war ich dann soweit. Ich schickte die Bewerbungsunterlagen ab und wurde zu einem weiteren Auswahlverfahren eingeladen.

Was muss eine Polizistin oder ein Polizist mitbringen?

Anwärter sollten eine abgeschlossene Ausbildung haben und im Besitz des Schweizer Bürgerrechts sein. Weiter sind ein einwandfreier Leumund, Selbst- und Sozialkompetenz und Schreibgewandtheit Voraussetzungen für den Polizeiberuf.

Die Kantonspolizei St. Gallen wirbt auf Social Media mit Videos für den Beruf Polizist. Können Sie sich erklären, warum die Rekrutierung immer schwieriger wird?

Der Fachkräftemangel macht sich auch bei der Kantonspolizei bemerkbar. So wie die Industrie und die Wirtschaft ist man bestrebt, die besten Leute zu rekrutieren. In unserer schnelllebigen Zeit bringt heute nicht jeder die Bereitschaft mit, im Schichtbetrieb und auch in der Nacht und an Wochenenden zu arbeiten. Ich stelle fest, dass junge Leute heutzutage oft schnell Karriere machen möchten. Karrierechancen sind auch bei der Polizei vorhanden – aber es braucht Zeit (Diensterfahrung).

Wann erhielten Sie grünes Licht aus St. Gallen? Wie reagierten Sie?

Im Frühling 2017 informierte mich die Kapo, dass ich aufgenommen sei. Ich fiel aus allen Wolken – und freute mich sehr. Mir kam sicher zugute, dass ich einen Job hatte und deshalb gelassen das Auswahlverfahren durchlaufen konnte. Ich versuchte, das Beste zu geben, gab mich so, wie ich immer bin.

Und wie sind Sie?

(lacht) Ich bin lebensfroh, offen, zielstrebig, schätze Selbstständigkeit. Wenn ich etwas in die Hand nehme, möchte ich es richtig machen. Zudem arbeite ich gerne mit Menschen zusammen. Ihre Einzigartigkeit und ihre Lebensgeschichten faszinieren mich. Natürlich habe ich auch Kanten und Ecken. Da ist meine Ungeduld, eine Direktheit auch, die nicht immer verstanden wird.

Wie hat Ihre Familie auf die neuen Berufspläne reagiert?

Alle, Eltern, Geschwister und Kinder waren hell begeistert und sicherten mir vollumfänglich ihre Unterstützung zu (strahlt). Das hat mich getragen und motiviert. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie erlebten Sie die Ausbildung?

Streng, aber schön. Ein Jahr bin ich jeden Tag zwischen Flums und Amriswil gependelt und habe versucht, Schule, Kinder, Haus und Hund unter einen Hut bringen. Die Ausbildung erfolgte in vier alters- und geschlechterdurchmischten Klassen (über 90 Schülerinnen und Schüler). Etwa ein Drittel davon waren bei uns Frauen. Werde ich dem Stoff gerecht? Wie werden die jüngeren Mitschüler auf mich, die zweitälteste weibliche Schülerin, reagieren? Diese und andere Fragen stellte ich mir – und hatte ein wenig Bammel. Die Bedenken waren unbegründet. Der Unterricht war extrem spannend. Der Klassengeist top. Noch heute pflege ich Freundschaften, die während der Ausbildung geknüpft worden sind.

Neu wird die Ausbildung zur Polizistin oder zum Polizisten schweizweit vereinheitlicht und auf zwei Jahre verlängert – das zweite Jahr wird neu zum Praktikum im Polizeikorps. Sie gehörten noch zu den Polizeischülern, die sich bereits nach einem Jahr Ausbildung in der Praxis bewähren mussten. Wo packten Sie an?

Im Praktikumsjahr habe ich Fachstellen in verschiedenen Regionen durchlaufen. Zuerst war ich bei der mobilen Polizei in Schmerikon eingeteilt, danach folgte das Kripopraktikum in St. Gallen, ein Einsatz bei der Mobilen Polizei Werdenberg-Sarganserland und am Schluss war ich auf der Polizeistation Flums eingeteilt.

Und danach gings weiter nach Mels.

Genau (strahlt). Nach dem Praktikum wurde ich im Sommer 2019 bei der Mobilen Polizei Werdenberg-Sarganserland eingeteilt, die ihren Stützpunkt im Werkhof Mels hat. Dort verrichte ich meine Arbeit mit viel Freude.

Schlägt das Herz der Polizistin manchmal etwas schneller?

Kein Einsatz ist Routine. Anspannung gehört dazu. Während meiner langjährigen Tätigkeit in der Pflege habe ich viel erlebt. Ich wurde auch immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Da sind Feinfühligkeit und Empathie gefragt. Ich bin dankbar, dass ich in schwierigen Situationen Angehörige unterstützen und begleiten durfte. Das hilft mir heute auch im Polizeialltag.

Die Kantonspolizei setzt auf «Diversität». Sie haben eine reiche Erfahrung im Fach Pflege. Wie sah das bei den anderen Anwärtern aus?

Da war beinahe jede Berufssparte vertreten – angefangen beim Elektroinstallateur über den Schreiner, den Sanitär und den kaufmännischen Angestellten bis hin zum Studenten. Das bringt viel Ressourcen und Farbe in den Alltag.

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?

Zuerst möchte ich festhalten: Ich gehe extrem gerne arbeiten, erledige dieselben Aufgaben und Einsätze wie meine männlichen Kollegen. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz. Wir lachen oft. Wenn es aber ernst wird, gehts professionell und konzentriert ans Werk. Wir wissen nie, was auf uns zukommt. Wir müssen immer auf Zack sein, bereit für den nächsten Einsatz: Verkehrsunfälle, Diebstähle, Verkehrskontrollen, Einsätze mit Tieren usw. Spannend sind auch die vielen Berührungspunkte. Einmal ist die Zusammenarbeit mit der Spurensicherung, dem Kriminaldienst oder der Verkehrspolizei angesagt, ein andermal muss die Ambulanz, die Feuerwehr oder die KESB kontaktiert werden.

Polizistinnen sind als Teil des Teams längst willkommen. Wie erleben Sie die Arbeit mit ihren männlichen Kollegen?

Ich schätze die Arbeit mit Männern. Sie akzeptieren und respektieren mich. Und ich mag ihre Direktheit. Sie überlegen nicht hundert Mal, ob sie etwas sagen dürfen. Wenn etwas ansteht, wird es ausdiskutiert – und dann ist ein Problem auch mal vom Tisch.

Gibt es Bereiche, wo der Einsatz von Polizistinnen klare Vorteile aufweist?

Weibliche Opfer haben heute Anrecht auf eine Untersuchung durch eine gleichgeschlechtliche Person. Das gilt auch bei Festnahmen. Mitunter gibt es auch bei Kindern oder bei psychisch angeschlagenen Personen Situationen, wo der Einbezug einer Frau geschätzt wird.

Corona ist in aller Munde. Die Grundstimmung, hört man, sei gereizt. Teilen Sie diese Meinung?

Jein. Ausgeprägt negativ erlebe ich die Stimmung nicht. Im Gespräch stelle ich aber fest, dass Corona viele Leute belastet. Sie machen sich Gedanken, was noch auf uns zukommt. Für psychisch labile Menschen ist der Herbst generell eine schwierige Zeit. Die sich anbahnende Dunkelheit und die Kälte schlagen den Menschen aufs Gemüt.

Hat Covid-19 Ihre Arbeit verändert?

Im Frühjahr war weniger Verkehr auf der Strasse – aber für uns gabs und gibts immer etwas zu tun. Allgemein halten sich die Leute hier in der Region gut an die Vorschriften. Bei grösseren Menschenansammlungen mussten wir hie und da einschreiten. In der Regel wurde im Dialog eine einvernehmliche Lösung gefunden. Auch die Maskentragpflicht wird meist gut befolgt.

Was raten Sie Menschen, die Polizistin oder Polizist werden möchten?

Trau dich, glaub an dich, hab den Mut, etwas Neues zu machen. Der Polizeiberuf ist extrem vielseitig. Persönlich konnte ich mich entwickeln, mein Selbstvertrauen wurde gestärkt. Bei der Kantonspolizei St. Gallen mit aktuell 934 Mitarbeitenden stehen einem in unterschiedlichen Fachgebieten unzählige Türen offen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Was meine Zukunft betrifft, bin ich offen. Mein oberstes Ziel ist Gesundheit. Mir ist es wichtig, dass ich auch in fünf Jahren noch jeden Tag gerne arbeiten gehe.

Die Polizei – dein Freund und Helfer: Haben Sie zu guter Letzt noch eine schöne Geschichte für unsere Leserinnen und Leser auf Lager?

Ich habe einen Nachtdienst hinter mir – da muss ich etwas länger überlegen (lacht). Viele Einsätze sind schön. Mich freut es beispielsweise immer, wenn uns Kinder zuwinken. Geblieben ist mir ein Autolenker, den ich im Rahmen einer Verkehrskontrolle überprüfen musste. Er hatte drei Tulpensträusse im Auto, die ich bestaunte. Der Mann wollte mir spontan einen Strauss schenken. Ich habe mich gefreut, aber dankend abgelehnt.

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