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Keystone-SDA | Donnerstag, 15. Oktober 2026

Wie der Mensch die Tsunamigefahr in Seen vergrössert

Menschliche Eingriffe in die Landschaft können die Gefahr von Tsunamis in grossen Seen über Jahrhunderte hinweg erhöhen. Das zeigt eine Studie mit Berner Beteiligung am Beispiel des Iseo-Sees in Norditalien.

Landwirtschaft, Abholzung und Siedlungsbau beschleunigen die Bodenerosion. Dadurch gelangt mehr Sediment in die Seen, was Unterwasserhänge an Flussdeltas instabil machen kann, wie die Universität Bern am Donnerstag mitteilte.

Bei Erdbeben können diese Hänge abrutschen und grosse Wassermengen verdrängen. Die dadurch ausgelösten Wellen können sich innert kurzer Zeit über den See ausbreiten und an den Ufern schwere Schäden verursachen.

Für die in der Fachzeitschrift "Nature Communications" veröffentlichte Studie rekonstruierten die Forschenden anhand geologischer Spuren, Computersimulationen sowie historischer und archäologischer Belege zwei Tsunamis im Iseo-See, die durch Erdbeben in den Jahren 1117 und 1222 ausgelöst worden waren.

Der Tsunami von 1117 könnte nahe dem nördlichen Seeufer eine Höhe von mehr als 50 Metern erreicht haben. Das Wasser drang der Simulation zufolge bis zu zwei Kilometer ins Landesinnere vor und erreichte nahegelegene Siedlungen innerhalb etwa einer Minute.

Tsunami-Potenzial auch in der Schweiz

Seit dem letzten grossen Hangrutsch im Jahr 1222 hat sich an dem Delta erneut Sediment abgelagert. Die über Jahrhunderte durch menschliche Aktivitäten beschleunigte Erosion könnte laut der Universität Bern die Unterwasserhänge damit wieder anfällig für Rutschungen machen.

Auch Schweizer Seen bergen Tsunamipotenzial. Eine 2020 im Fachblatt "Frontiers in Earth Science" veröffentlichte Übersichtsarbeit, an der wie an der aktuellen Untersuchung Flavio Anselmetti von der Universität Bern beteiligt war, listet mehrere historische Ereignisse auf: Flutwellen am Vierwaldstättersee (1601 und 1687) sowie am Walensee (1924 und 1946). Am Brienzersee löste 1996 ein Einsturz des Aaredeltas eine kleinere Tsunamiwelle aus.

Die Forschenden empfehlen deshalb, bei der Einschätzung von Naturgefahren nicht nur Erdbeben, sondern auch langfristige Veränderungen durch die Landnutzung und die Ablagerung von Sedimenten zu berücksichtigen. Vergleichbare unterseeische Erdrutsche, die Tsunamis auslösten, wurden laut den Forschenden auch an Seen in der Schweiz, in Alaska und in Neuseeland beobachtet.

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