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|   Sarganserland

«Wir sind müde und erschöpft, wir sind am Anschlag»

Die Coronapandemie hält die Schweiz in Atem. Während Politik und Volk über Regeln, Zertifikate und Massnahmen debattieren, steht das Gesundheitspersonal auf den Ostschweizer Intensivpflegestationen «nahe an der Dekompensation». Dies sagt Anna*. Seit 18 Monaten pflegt Anna Covid-Patienten. Im «Sarganserländer» erzählt sie von ihrem Alltag.

mit Anna* sprach Reto Vincenz

Die Coronapandemie polarisiert, es droht die Spaltung der Gesellschaft. Während in der Öffentlichkeit debattiert und gestritten wird, liegen auf den Intensivstationen des Landes die Covid-Patienten. Gepflegt werden sie von Menschen wie Anna. Anna kommt aus der Region und arbeitet auf einer Ostschweizer Intensivpflegestation (IPS). In den letzten 18 Monaten sind dort auch Sarganserländerinnen und Sarganserländer an Covid-19 gestorben. Dem «Sarganserländer» hat Anna ein exklusives Interview gegeben. Es ist ein eindrücklicher Situationsbericht von «ganz unten», wie sie es nennt. Von dort, wo das Virus sein wahres Gesicht zeigt. Und Anna täglich mit ihm konfrontiert ist.

Anna, Sie sind Expertin Intensivpflege auf einer Intensivstation in der Ostschweiz: Erzählen Sie uns von Ihrem Alltag.

ANNA: Ich arbeite seit vielen Jahren auf dieser Intensivstation. Aber die aktuelle Situation ist in keiner Art und Weise vergleichbar mit allem, was ich bisher erlebt habe. Wir, das Personal, sind nach mittlerweile 18 Monaten Pandemie extrem erschöpft. Wir waren immer ein sehr aufgestelltes Team, jetzt ist nur noch wenig davon übrig. Kollegen, die vorher nie gejammert haben, denen keine Arbeit zu viel war, sagen heute, dass sie einfach nicht mehr können. Wir sind am Anschlag. Wir hatten in den letzten 18 Monaten nie eine Erholungsphase. Es begann mit der ersten Welle im Frühling 2020. Danach machte Covid eine Pause, dafür wurden in den Sommer- und Herbstmonaten alle aufgeschobenen Operationen nachgeholt. Das hat uns wieder an die Grenzen gebracht. Und dann folgte ab dem Spätherbst 2020 eine Covid-Welle nach der anderen. Unsere Abteilung war immer voll. Ich spüre es bei meinen Kolleginnen und Kollegen, aber auch bei mir selber: Unsere Energie ist aufgebraucht.

«Ich spüre es bei meinen Kolleginnen und Kollegen, aber auch bei mir selber: Unsere Energie ist aufgebraucht.»

Sie sagen, die Intensivstation, auf der Sie arbeiten, war immer voll: Offiziell spricht man aber von einer IPS-Auslastung in der Schweiz von «nur» 70, vielleicht 80 Prozent …

Eine durchschnittlich grosse Intensivstation hat acht, zehn, zwölf Betten. Bei uns ist es so, dass selten ein Platz frei ist und wenn, wird er in kürzester Zeit wieder besetzt. Wir müssen sehr häufig IPS-Patienten notfallmässig in andere Spitäler oder gar auf unsere Überwachungsstation verlegen, was gerade noch einigermassen vertretbar ist. Einfach deshalb, weil wir auf der IPS selber eigentlich nicht verfügbaren Raum schaffen müssen für Menschen, die sterben könnten, wenn sie nicht sofort intensivmedizinisch behandelt werden. Gerade Covid-Patienten kommen in der Regel in einem sehr, sehr schlechten Zustand bei uns an. Es ist eine Frage von Stunden, die sie ohne Behandlung noch leben würden. Nicht von Tagen.

Wie gross ist der Anteil an Covid-Patienten auf der IPS, auf der Sie arbeiten?

Er liegt aktuell ziemlich konstant bei 50 Prozent. Auch das muss man verstehen: Unsere IPS war bereits vor der Pandemie sehr gut bis voll ausgelastet. Nun steht uns für den «normalen Betrieb» nur noch die halbe Kapazität zur Verfügung. Eigentlich sollte sich jeder vorstellen können, was das bedeutet. Ich kann die Diskussion um die angeblich vertretbare Auslastung auf den IPS in keiner Art und Weise nachvollziehen. Sie können eine solche Abteilung nicht zu 100 Prozent auslasten, weil sie immer ein, zwei Betten frei haben müssen, um einen Notfall überhaupt aufnehmen zu können. Dabei geht es nicht nur um Covid-Patienten. Wir sprechen auch von Unfallopfern, Menschen mit einem Herzinfarkt oder Patienten, bei denen es während einer Operation Komplikationen gegeben hat. Das sind Akutsituationen, in denen keine Zeit bleibt, ein freies Bett zu schaffen. In diesem Moment müssen wir dieses freie Bett bereits haben. Ich glaube, viele Leute verstehen das nicht, wenn sie über diese Zahlen diskutieren. Eine hundertprozentige Auslastung einer IPS ist eine Katastrophe.

Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sind am Anschlag: Reden wir hier von einer psychischen oder einem physischen Limit, das erreicht worden ist?

Es ist beides. Die Arbeit auf einer IPS ist immer körperlich anstrengend, aber bei den Covid-Patienten sind diese Herausforderungen für uns noch einmal ungleich grösser. Es hat sehr schwere Menschen darunter, die man regelmässig umlagern und oft auch auf den Bauch drehen muss. Während der ersten Welle konnte eine sehr aufwendige Bauchlagerung noch von fünf Personen durchgeführt werden. Jetzt sind es wegen des Personalmangels noch drei Teammitglieder, die für diese Arbeit eingesetzt werden. Man ist ständig auf den Beinen, rennt von Ort zu Ort, sollte überall gleichzeitig sein und hat kaum einmal mehr Zeit, um eine Arbeit in Ruhe fertigzumachen. Hinzu kommen die Schutzanzüge, die FFP2-Masken, die wir tragen. Der Schweiss rinnt einem den Rücken hinunter, doch wir haben während der Schicht nicht einmal mehr Zeit, um genügend zu trinken. Wir sind am Abend dehydriert. Wir können stundenlang nicht aufs WC, weil es viel zu lange dauern würde, die Schutzbekleidung aus- und wieder anzuziehen. Ich gehe am Abend meist mit starken Rückenschmerzen und Kopfweh nach Hause. Die psychische Erschöpfung ist ebenfalls gross. Da sind die schweren Schicksale, mit denen wir täglich konfrontiert werden. Schlimm ist aber auch, dass wir den Patienten mehr und mehr fast nicht mehr gerecht werden können. Wir haben keine Zeit mehr, sie so zu pflegen, wie wir das nach unseren eigenen Grundvorstellungen eigentlich gerne tun würden. Ich habe den Patienten gegenüber immer öfters ein schlechtes Gewissen. Niemand von uns hat sich das so vorgestellt, als er sich für diesen Beruf entschieden hat.

Belastet diese Situation auch Ihr Privatleben, oder können Sie das trennen?

Ich bringe meinen Kopf nicht mehr frei. Meine Gedanken sind rund um die Uhr bei der Arbeit, auch wenn ich zu Hause bin. Mein ganzes soziales System ist aus den Fugen geraten. Ich habe eine Familie, für die ich Energie brauche, aber ich merke, dass ich keine Nerven mehr für sie habe. Ich bin permanent erschöpft und müde, abends würde ich gerne um acht Uhr ins Bett. Aber das Kopfkino läuft permanent, ich finde keine Ruhe mehr. Ich brauche meine Freizeit im Wesentlichen nur noch dafür, um irgendwie wieder Energie zu tanken, damit ich die nächsten Schichten überstehe. Dafür gehe ich in die Natur, bewege mich oft, das hilft. Aber ich habe mittlerweile das Gefühl, dass es nicht mehr viel braucht, bis ich an einem Tiefpunkt ankommen könnte, aus dem ich nicht mehr von alleine heraus finden würde.

«Man weiss seit Jahren, dass es in der Pflege einen Personalnotstand gibt. Man hat nichts gemacht und reagiert auch heute nicht. Es macht mich wütend.»

Woher nehmen Sie die Motivation, weiterhin zur Arbeit zu gehen? Sie hätten kaum Probleme, eine einfachere Anstellung zu finden…

Der Gedanke, warum ich mir das überhaupt noch antue, kommt immer wieder hoch. Aber verstehen Sie, es geht hier um Menschenleben. Ich kann die Leute auf der IPS nicht einfach im Stich lassen. Die Patienten dort, sie brauchen mich. Ausgebildetes IPS-Personal ist extrem rar, der Markt ist total ausgetrocknet. Ich hätte auch meinen Arbeitskollegen gegenüber ein schlechtes Gewissen, sie jetzt in dieser schlimmen Situation alleine zu lassen. Der Personalmangel bei uns ist bereits jetzt krass. Wir haben nicht einmal mehr alle Stellen besetzt, die es brauchen würde, um alle unsere Betten zu betreuen, wenn sie mit normalen Patienten besetzt wären. Jetzt kommen aber noch die Covid-Erkrankten dazu, deren Betreuung massiv aufwendiger ist. Die Stellen sind ausgeschrieben, aber es kommen nicht einmal mehr Bewerbungen herein. Vom Personal, das im Laufe dieses Jahres gegangen ist, konnte nur noch ein Drittel ersetzt werden. Der Rest fehlt einfach. Und nun weiss ich bereits wieder von Kolleginnen und Kollegen, die gekündigt haben und spätestens Ende Jahr weg sein werden. Andere überlegen sich diesen Schritt intensiv. Weil sie einfach nicht mehr mögen und nicht mehr können. Es ist eine Katastrophe.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Sehr. Und das macht mich richtig «hässig». Man weiss seit Jahren, dass in der Pflege Personalnotstand herrscht. Das hat sich immer mehr zugespitzt, die Pandemie hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Aber man hat zuvor schon nichts gemacht, und man reagiert auch heute nicht. Man schaut zu und nichts passiert. Es wird nichts unternommen, um unseren Berufsstand attraktiver zu machen, und ich finde, es fehlt uns gegenüber komplett an Wertschätzung. Ich habe das Gefühl, dass wir zum Spielball der Politik geworden sind. Wir ganz unten müssen den Schlamassel, der während Jahren angerichtet worden ist, ausbaden. Ja, das macht mich wütend.

In den Medien wird über Situation berichtet, in denen IPS-Patienten per Telefon von Ihren Familienangehörigen Abschied nehmen mussten. Oder die verzweifeln, weil sie sich gegen die Impfung entschieden haben. Skeptiker werfen uns vor, wir Journalisten würden mit solchen Berichten bewusst Angst und Schrecken verbreiten. Gibt es diese Momente oder sind das Erfindungen der «Mainstream-Medien», wie auch der «Sarganserländer» schon bezeichnet wurde?

Die Besucherregeln sind nicht in allen Kantonen gleich. Man hat aus der ersten Welle gelernt. Aktuell sollte es im Normalfall möglich sein, dass sich mindestens die allernächsten Verwandten persönlich verabschieden können. Das ist auch richtig und enorm wichtig. Aber es ist wahr, es gab diese Momente, und es gibt sie immer noch. Ich habe sie selber erlebt. In besonderer Erinnerung ist mir ein Mann geblieben. Er war sogar geimpft, aber er hatte so viele Vorerkrankungen; es war klar, dass er schlechte Karten haben würde, wenn wir ihn intubieren müssen. Bevor es dann so weit war, hat er noch seine Tochter im Wissen angerufen, dass es das letzte Gespräch sein könnte, das er mit ihr führen wird. Und so kam es dann auch, er ist einige Tage später verstorben. Das sind extreme Situationen, die auch mir in Erinnerung bleiben.

Die Covid-Impfung ist ein riesiges Thema in der Öffentlichkeit. Spielt es für Sie eine Rolle, ob Ihre Patienten geimpft sind oder nicht?

Wenn ein Covid-Patient zu uns kommt, ist das sicher eine der ersten Fragen, die wir stellen. Auch die Ärzte tun das, obschon die Antwort auf den Verlauf der Behandlung letztlich keinerlei Einfluss hat. Wir pflegen Ungeimpfte nicht schlechter als Geimpfte. Was aber bleibt ist die Tatsache, dass zwar nicht alle, aber die aller-, allermeisten Menschen mit einem schweren Verlauf ungeimpft sind. Und das ist keine Statistik, die irgendwo publiziert worden ist. Sondern das ist das, was ich in meinem Arbeitsalltag erlebe.

Macht es Sie wütend, dass sich viele Leute nicht impfen lassen?

Sicher nicht wütend, nein. Aber es löst beim Pflegepersonal auf meiner Abteilung ein gewisses Unverständnis aus. Es gäbe jetzt etwas, womit man einen schweren Verlauf höchstwahrscheinlich verhindern könnte, das helfen würde, so viel Leid zu verhindern. Und doch wird es nicht gemacht. Wir fragen uns einfach, warum das so ist. Ich habe aber nicht ständig im Hinterkopf, dass ein Patient nicht geimpft ist, wenn ich ihn pflege. Und ich hege ganz sicher auch keinen Groll ihm gegenüber. Für mich ist das ein Mensch, den ich behandeln will und den ich in seiner schlechten Situation, in der er sich gerade befindet, vorwärtsbringen möchte. In diesen Momenten hat die Impffrage keine Relevanz mehr. Ich habe es bis jetzt nicht erlebt, dass auf meiner IPS eine ungeimpfte Person schlechter behandelt wurde als eine Geimpfte. Fairerweise muss ich aber zugegeben, dass ich auch nur sehr wenig Vergleichsmöglichkeiten habe. Wie gesagt, der allergrösste Teil der Covid-Patienten auf meiner IPS ist nun einfach einmal ungeimpft.

«Ich hege keinen Groll, wenn ein Patient nicht geimpft ist. Für mich ist das ein Mensch, den ich behandeln will und vorwärts bringen möchte.»

Die Impfdiskussion wird hoch emotional geführt. Können Sie das nachvollziehen?

Es ist die persönliche Entscheidung jedes einzelnen Menschen. Zu sagen, jemand müsse sich impfen lassen, ist ein grosser Eingriff in die Freiheit einer Person. Wir wissen, dass es generell bei Impfungen zu Nebenwirkungen kommen kann. Jeder muss selber abwägen, was für ihn das grössere Risiko ist: eine möglich Impfkomplikation oder ein schwerer Covid-Verlauf. Ich verurteile niemanden, der sich nicht impfen lässt. Was ich aber wichtig finde ist, dass sich jeder mit dieser Thematik ernsthaft auseinandersetzt und diese Risiko-Abwägungen, soweit es ihm denn überhaupt möglich ist, auch macht. Mühe habe ich nur mit Leuten, die sich nicht seriös informieren und einfach grundsätzlich und aus Prinzip gegen die Impfung sind.

Sind Sie geimpft?

Ja, ich bin geimpft, muss aber zugeben, dass ich zunächst dieser Impfung gegenüber sehr kritisch gewesen bin. Ich fand wie andere auch, dass ich sehr gesund lebe und auch sehr gesund bin. Ich stufte mein persönliches Risiko für einen schweren Covid-Verlauf als eher gering ein. Demgegenüber stand die Impfung, von der ich weiss, dass sie Nebenwirkungen haben kann. Schlussendlich habe ich aber gesehen, dass die Leute bei uns, die einen schweren Verlauf machen, praktisch alle ungeimpft sind. Ich habe nicht beatmete Menschen mit Covid betreut, die massive Atemnot hatten. Als Pflegende neben ihnen am Bett zu stehen und diese Situationen aushalten zu müssen, ist mir sehr, sehr nahe gegangen. Irgendwann wusste ich dann, dass ich das selber nie, aber wirklich nie, durchmachen will und dass ich deshalb die Chance, dieses Risiko mit der Impfung minimieren zu können, nutzen muss. Und sollte ich trotzdem irgendwann in diese Situation kommen, dann will ich mir keine Vorwürfe machen müssen, sondern wenigstens die Gewissheit haben, dass ich alles, was möglich war, um mich zu schützen, auch unternommen habe.

Impfkritiker werden das lesen und den Nutzen des Piks trotzdem in Abrede stellen …

Das ist mir bewusst. Ich kann aber letztlich nur das erzählen, was ich persönlich jeden Tag erlebe und das ist, dass sich Geimpfte zwar weiterhin mit Covid infizieren können, dass das Risiko für sie, einen schweren Verlauf zu machen, aber praktisch eliminiert ist. Das ist doch der entscheidende Faktor. Ich habe Ausnahmen gesehen, aber diese Menschen hatten wirklich massivste Vorerkrankungen.

Sie haben vor diesem Interview auf unsere Bitte hin die «Sarganserländer»-Ausgaben der letzten Wochen bzw. die Covid-Diskussionen in den Leserbriefspalten und den verschiedenen Tribünenbeiträgen gelesen. Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?

Zuerst einmal, ich finde, jeder darf seine Meinung haben und er hat das Recht, diese Meinung auch zu vertreten. Egal, wie kritisch sie auch sein mag. Ich bekomme aber immer dann grosse Mühe, wenn in diesen Leserbriefen Dinge veröffentlicht werden, die weder Hand noch Fuss haben. Da werden Behauptungen, etwa über Intensivstationen verbreitet, die schlichtweg nicht wahr sind. Ich würde mir wirklich wünschen, dass diese Menschen zuerst den Wahrheitsgehalt ihrer eigenen Aussagen überprüfen würden, bevor sie haltlose Behauptungen weiterverbreiten, die sie irgendwo über drei Ecken aufgeschnappt haben.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Behauptung?

In einem Leserbrief stand wörtlich, dass Covid-Patienten komischerweise immer wieder vor dem Wochenende von der IPS nach Hause entlassen werden. Das ist eine absolut ungeheuerliche, schlichtweg falsche Behauptung. Hinzu kommt, dass wahrscheinlich noch überhaupt nie ein Patient direkt von der Intensivstation nach Hause entlassen wurde, weil er immer zuerst auf eine andere Abteilung verlegt wird. Ich sehe, dass viele Leute keine Ahnung haben, sich aber trotzdem das Recht heraus nehmen, alles zu kritisieren. Das macht mich wütend, ich fühle mich nicht ernst genommen. Wir an der Basis müssen derart hart arbeiten, dass wir kurz vor der Dekompensation stehen und diese Kritiker nehmen diese Pandemie nicht ernst. Sie verharmlosen Tatsachen und stellen teilweise alles als Lüge und Verschwörung hin. Sie steigern sich in etwas hinein und wollen die Realität schlichtweg nicht sehen. Wir, ich und meine Kolleginnen und Kollegen auf den IPS, wir werden durch diese Aussagen zutiefst verletzt.

«Wir, das Pflegepersonal auf den IPS, werden durch solche falschen Aussagen und Behauptungen zutiefst verletzt.»

In der Öffentlichkeit wird viel über die Ausweitung des Covid-Zertifikats diskutiert. Können Sie das nachvollziehen oder sind er für Sie Luxusprobleme, wenn man sich vor dem Restaurantbesuch kostenpflichtig testen lassen muss?

Ich verstehe die Aufregung, die entstanden ist. Wir haben so lange auf so viel verzichtet, wir wollen alle wieder leben und frei sein. Weniger Verständnis haben ich dafür, wenn sich Ungeimpfte darüber hinaus auf den Standpunkt stellen, dass es auch keine Massnahmen mehr braucht und sie sich nicht einmal mehr an die Regeln wie etwa die Maskenpflicht halten müssen. Auf der anderen Seite kann ich auch die Ungeimpften verstehen, die frisch getestet an einem Konzert wahrscheinlich die Delta-Variante potenziell weniger verbreiten als Geimpfte. Das ist der Punkt, an dem auch ich diese Massnahmen hinterfrage und das Unverständnis der Ungeimpften nachvollziehen kann. Was schlussendlich aber natürlich nichts daran ändert, dass die Geimpften halt auch kaum ein Risiko mehr haben, einen schweren Covid-Verlauf zu machen.

Kürzlich hat eine Leserin unserer Redaktion gegenüber behauptet, sie wisse aus sicherer Quelle, dass das IPS-Personal in der Schweiz vertraglich dazu verpflichtet worden sei, «Fake News» über die wahren Auslastungszahlen auf ihren Stationen zu verbreiten. Und dass es das Verhältnis zwischen den ungeimpften und geimpften Patienten mit Absicht falsch darstellt. Anna, sind Sie eine Lügnerin?

Das sind Aussagen, die mir gegenüber auch schon in persönlichen Gesprächen gemacht worden sind. Es sind Behauptungen, die mich unheimlich «hässig» machen. Menschen, die keine Ahnung von den Zuständen auf den IPS haben, massen sich an, solche Lügen über mich und meine Kollegen zu verbreiten. Was hätten wir denn davon, wenn wir das tun würden? Wir erzählen, was wir erleben. Nicht mehr, nicht weniger. Das sind Dinge, die mich sprachlos machen und zu denen ich mich eigentlich auch nicht weiter äussern will.

* Name von der Redaktion geändert.

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