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Ajoie entdeckt das Gewinnen
Fünfmal in Folge beendet der HC Ajoie die Saison als Letzter. Nun erleben die Jurassier den besten Saisonstart der Klubgeschichte. Hinter dem überraschenden Aufschwung steckt ein grundlegender Wandel.
Der Hockey-Club Ajoie ist weit mehr als ein Eishockeyverein. Er ist der sportliche Stolz des Jura, des jüngsten Schweizer Kantons, und der Leuchtturm einer ganzen Region. Doch seit dem Cupsieg 2020 und dem Wiederaufstieg im Jahr darauf leuchtete beim 1973 gegründeten Klub sportlich vor allem die rote Laterne. Fünf Saisons, fünfmal Letzter. Ajoie als der Prügelknabe der National League.
Doch nun ist in Pruntrut plötzlich vieles anders. Wo die treuen Anhänger des HC Ajoie trotz anhaltender Niederlagen jahrelang für eine stimmungsvolle Kulisse sorgten, herrscht wieder Aufbruchstimmung. Die Mannschaft gewinnt Spiele, die sie früher verloren hätte. Nach zwölf Partien stehen 16 Punkte und Rang 6 zu Buche. Es ist der erfolgreichste Saisonstart in der obersten Liga überhaupt.
Der Wandel ist umso bemerkenswerter, als Ajoie weiterhin zu den finanzschwächsten Klubs der Liga gehört. Sportchef Julien Vauclair sieht im erfolgreichen Auftakt allerdings keine Überraschung, sondern das Ergebnis einer bewussten Neuausrichtung.
Schluss mit Ausreden
Es ist nicht der erste Versuch, den Verein auf Kurs zu bringen. Seit der langjährige Lugano-Verteidiger Anfang 2022 das Amt des Sportchefs bei seinem Jugendklub übernahm, sprang er nach Trainerentlassungen bereits viermal selbst an der Bande ein. Nun scheint es, als habe der WM-Silbermedaillengewinner von 2013 endlich an den richtigen Stellschrauben gedreht.
Nach einer weiteren enttäuschenden Saison, die mit vier Niederlagen gegen Ambri-Piotta im Playout endete, blieb im Jura kaum ein Stein auf dem anderen. Rund 15 neue Spieler kamen, ähnlich viele verliessen den Klub. Auch hinter der Bande und im Betreuerstab wurde kräftig umgebaut.
"Wir wollen dafür sorgen, dass es keine Ausreden mehr gibt", erklärte Vauclair vergangene Woche im Interview mit "Le Temps". Neben dem neuen Cheftrainer Ville Peltonen wurden unter anderem ein neuer Konditionstrainer und ein neuer Mentalcoach engagiert.
Dafür investierte der Klub auch finanziell. Das Budget wurde um 1,5 Millionen auf 15,6 Millionen Franken erhöht. Im Vergleich zu den Schwergewichten der National League ist das weiterhin bescheiden. Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Mittel geschickt einzusetzen.
Ein Weltmeister als Hoffnungsträger
Der wohl wichtigste Schritt gelang mit der Verpflichtung von Ville Peltonen. Der 53-jährige Finne, der 1995 als Spieler und im vergangenen Frühling als Mitglied des Trainerstabs mit der "Suomi" Weltmeister wurde, soll Ajoie eine neue Identität verleihen.
Peltonen brachte mit Samuel Tilkanen einen langjährigen Weggefährten mit. Mit Petteri Nummelin ist auch der zweite Assistenztrainer ein Finne. Gemeinsam wollen sie eine Mannschaft formen, die mutig auftritt, den Puck kontrolliert und sich auch vor vermeintlich übermächtigen Gegnern nicht versteckt.
Die neue Handschrift ist erkennbar. Ajoie spielt aggressiver, sucht häufiger den Weg nach vorne und tritt mit deutlich mehr Selbstvertrauen auf. Sinnbildlich dafür stehen die beiden 5:4-Heimsiege gegen Lugano und die SCL Tigers, als die Jurassier jeweils einen 1:4-Rückstand wettmachten. Am Mittwoch beim 3:6 in Lausanne blieb eine weitere spektakuläre Wende hingegen aus. Nach einem 1:5-Rückstand verkürzte Ajoie nochmals auf zwei Tore, wurde für seine Aufholjagd diesmal aber nicht belohnt.
Finnen-Fraktion und familiäres Umfeld
Einen wesentlichen Anteil am Aufschwung haben die ausländischen Verstärkungen. Insbesondere Kristian Tanus erwies sich als Glücksgriff. Der 26-jährige Finne stiess im Sommer aus seiner Heimat zu Ajoie und führt mit fünf Toren und zwölf Assists sogar die Skorerliste der Liga an. Zusammen mit seinen Landsleuten Julius Nättinen und Jerry Turkulainen bildet er eine rein finnische Sturmlinie. Auch die finnischen Brüder Anttoni und Julius Honka setzen als Verteidiger wichtige offensive Akzente.
Gerade bei Schweizer Spielern kann Ajoie qualitativ und finanziell nur schwer mit der Konkurrenz mithalten. Umso wichtiger sind die ausländischen Verstärkungen. Doch nicht nur die sportliche Perspektive, auch die geografische Randlage erschwert die Rekrutierung. Der vermeintliche Standortnachteil hat aber auch seine Vorzüge.
Klubpräsident Patrick Hauert brachte den besonderen Reiz des Jura einmal mit einer Anekdote auf den Punkt: Manche Auswärtige würden zweimal weinen - bei der Ankunft, weil ihnen die Annehmlichkeiten der grossen Welt fehlten, und beim Abschied, weil sie die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen vermissten. Das familiäre Umfeld wird gross geschrieben.
Ein neues Selbstverständnis
Doch mit der Rolle des sympathischen Aussenseiters will sich Ajoie nicht länger zufriedengeben. Sportchef Vauclair hatte bereits vor Saisonbeginn die Playoffs als Ziel ausgegeben und damit für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Er ist sich bewusst, wie hoch die Hürde liegt. Doch die Ansage ist Teil seiner Strategie, die Denkweise innerhalb des Klubs zu verändern.
"Es ist ein sehr, sehr hohes Ziel, und das ist mir bewusst. Aber es ist eine Möglichkeit, die Spieler vor ihre Verantwortung zu stellen. Eine andere Mentalität zu schaffen", sagte der Sportchef gegenüber "Le Temps". Andere vermeintliche Aussenseiter wie Kloten oder Rapperswil-Jona hätten schliesslich ebenfalls gezeigt, was möglich sei.
Peltonen hält sich mit Prognosen dagegen zurück. Ihm geht es darum, eine Mannschaft zu entwickeln, die über 60 Minuten konstant spielt und für jeden Gegner schwer zu bezwingen ist. Die Vergangenheit soll dabei keine Rolle mehr spielen. Schon vor Saisonbeginn machte der Finne deutlich, wohin der Blick gerichtet sein soll: "Wir haben eine grosse Frontscheibe und einen ganz kleinen Rückspiegel."

















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