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Keystone-SDA | Dienstag, 21. Juli 2026

Alex Capus: "Ein Roman erzählt immer Geschichte"

Eine Entdeckung auf dem Flohmarkt war Ausgangspunkt für Alex Capus' neuen Roman "Querfeldein". Der Schriftsteller recherchierte eine wahre Schmugglergeschichte aus der Schweizer Grenzregion. Im Interview sagt er, was für ihn einen guten historischen Roman ausmacht.

Keystone-SDA: Alex Capus, Wie sind Sie auf die Geschichte in "Querfeldein" gekommen?

Alex Capus: Über eine Ansichtskarte, auf der der Gasthof zur Moskau in Schaffhausen abgebildet war, zufällig auf dem Flohmarkt. Die Karte hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte wissen, was da los war. Das Dorf Ramsen SH hat einmal in der Geschichte Schlagzeilen gemacht - und das war eben jene Episode, die ich dann recherchiert habe.

Sie waren früher Journalist. Ist die Recherche für historische Stoffe in Ihren Büchern ähnlich?

Ich habe Geschichte studiert. Kennt man die Findmittel, dann ist die Recherche eine mechanische Sache. Ich erarbeite mir einen umfangreichen Fundus an Material zu einer Geschichte, die ich erzählen will. Die Auswahl funktioniert wie im Journalismus: Was ist relevant, was ist bildstark, was trägt zu meiner Geschichte bei? Und was ist nur eine hübsche Anekdote, aber tut nichts zur Sache und muss ich leider beiseitelassen? Das Beiseitelassen ist sehr wichtig: Sonst hebt das Flugzeug nicht mehr ab, wenn es zu schwer wird.

Sie erwähnen Anekdoten. Welche Quellen nutzen Sie noch?

Ich habe für diese Geschichte in den Archiven, vor allem im Bundesarchiv, recherchiert. Und ich schaue mir an, was online verfügbar ist. Dann Fachliteratur: Zum Schmuggel in den 1930er-Jahren gibt es sehr gute Dissertationen. In einer wird der Schmuggler Hermann Weber namentlich über mehrere Seiten erwähnt - da war ich sehr dankbar. Und ich gehe natürlich hin. Ich schaue mir diesen Gasthof an und stelle mir vor, wo ich langlaufen würde, wenn ich ein Schmuggler wäre und nach Singen wollte. Das sind immer sehr emotionale Momente, weil mich dann von meinem Helden nicht mehr sehr viel trennt. Ein bisschen Zeit, aber der Ort ist derselbe.

Wie entstehen Ihre Figuren?

Wie die Figuren denken, fühlen und aussehen, steht nur selten in den Archiven. Da sind Name, Vorname, Konfession, geboren dann und dort, und dann hört es schon bald auf. Alles Weitere - wie die Person gewesen sein könnte, wie sie getickt hat und was sie weshalb als Nächstes getan hat - muss man sich ausdenken. Ich staune oft, dass bei Dingen, die ich mir vorgestellt habe, sich in den Archivrecherchen dann ergibt, dass sie tatsächlich so geschehen sind, weil es in der Logik der Sache liegt.

Sie haben auch schon Bücher über Menschen geschrieben, die Sie persönlich kannten. Bei "Querfeldein" ist das nicht der Fall.

Offen gestanden: Mir ist es lieber, wenn ich keinen kenne, und noch lieber, wenn alle tot sind. Dann kann ich eigentlich machen, was ich will.

Wie viel von Ihnen selbst ist in Ihren Büchern?

Die Figuren, wie man sie zeichnet, entsprechen eigentlich immer dem eigenen Wesen oder dem Gegenteil. Sie sind eine Spiegelung dessen, was man selber ist oder was man am meisten fürchtet. Das ist alles eigentlich meins.

Wann ist ein historischer Roman ein guter historischer Roman?

Ich mag das Etikett historischer Roman eigentlich nicht. "Historischer Roman" ist eigentlich ein Pleonasmus. Ein Roman erzählt immer Geschichte. Die Kriterien sind dieselben: Eine Geschichte ist eine gute Geschichte, wenn der Erzähler sie gern erzählt und sie von jemandem gern gehört wird. Wenn der Funke überspringt, ist es eine gute Geschichte.

Beim Lesen macht es für mich einen Unterschied, ob ich weiss, dass die historischen Ereignisse tatsächlich so stattgefunden haben.

Was stimmen kann, muss stimmen. Die Faktizität muss überprüfbar sein, das finde ich schon. Dass Joseph Goebbels 1933 in Genf mit Aussenminister Giuseppe Motta über die Ereignisse sprach, die für den Roman relevant sind, darf ich nicht erfinden.*

*Dieses Interview von Young-Sim Song, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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