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Als wegen "Sew Torn" ein Laden in Bad Ragaz explodiert ist
Der Film "Sew Torn" spielt in der Taminaschlucht im Kanton St. Gallen; gedreht wurde er hauptsächlich in Vättis und Bad Ragaz. Der Action-Film hat eine legendäre Explosion ausgelöst - und hohe Wellen geschlagen.
Den Bewohnerinnen und Bewohnern aus der Region und all jenen, die sich im St.Galler Taminatal auskennen, ist es natürlich klar: Wenn im amerikanisch-schweizerischen Kinofilm "Sew Torn - Fäden des Verbrechens" von Jung-Regisseur Freddy Macdonald die Protagonistin Barbara Duggen (Eve Connolly) die Treppe ihrer Wohnung herunter steigt, kommt sie eigentlich in einem anderen Dorf wieder zum Vorschein. Denn die Szenen für die Wohnung wurden im kleinen Dorf Vättis gedreht, jene für Barbaras Stoffladen (im Film befindet sich dieser im Parterre ihrer Wohnung) aber in Bad Ragaz.
Blut und ein Koffer auf der Strasse
In der fiktiven Geschichte, in der Dörfer keine Namen haben, stösst die Näherin Barbara Duggen in den Bergen zufällig auf einen geplatzten Drogendeal - auf Biker, Blutlachen und einen ominösen Koffer auf der Strasse aus dem Tal heraus. Damit bringt sie einiges ins Rollen.
Die Handlung des Spielfilms, der letzten Herbst in den Deutschschweizer Kinos zu sehen war, ist rasant. Sie endet damit, dass Barbaras Shop explodiert: in einer der ältesten Strassen im Kurort Bad Ragaz, in der Badstrasse.
Während es sich in "Sew Torn" um das Nähatelier mit dem Laden der Protagonistin handelt, war es in der Realität bis vor ein paar Jahren tatsächlich ein Wollladen. Heute befindet sich in dem Lokal am Ende einer Häuserreihe ein Fahrrad-Lager sowie ein kleiner Fitnessraum, der zum Hotel gegenüber gehört.
Dort erinnert man sich gern an die Dreharbeiten im Jahr 2023. In der Hotel-Lobby zeigt Esos Samardzic, der Betreiber von "Esos Hotel Quelle" mit zugehörigem Grill, auf den wuchtigen Geschirrschrank neben der Rezeption, wo ein Foto hinter Plexiglas ausgestellt ist: Es zeigt den Laden gegenüber, die Markise ist ausgerollt, auf dem Trottoir steht ein hellblaues Auto und in verschnörkelter Schrift "Sew Torn".
Ja, einige Crew-Mitglieder hätten bei ihm gewohnt, sagt der Hotelbesitzer. Mehr ist nicht aus ihm herauszubekommen. Doch auf seiner Website ist zu lesen: "We are also proud to have featured in the Swiss-American film Sew Torn, adding a touch of cinematic legacy to our storied walls." Frei übersetzt: "Wir sind stolz, dass der Film 'Sew Torn' einen Hauch von Hollywood in unsere historischen Mauern gebracht hat."
Das Highligt war die Explosion
Weniger dramatisch drückt es nur ein paar Türen weiter Alexandra Zaugg aus. Sie führt die "GWunderBoutiquA.Zaugg", ein Geschäft, das Schweizer und Europäische Mode anbietet. "Wir haben alles mitverfolgt und mitgefiebert", sagt sie. Die historische Strasse, die in die Taminaschlucht führt, sei teilweise gesperrt gewesen, erinnert sie sich. Für das Postauto wurde alles jeweils wieder geräumt. Das Highlight sei die Explosion gewesen, sagt die Ladeninhaberin, die während des Drehs ihr Geschäft mit schwarzen Blachen abdecken musste.
Im Film findet diese Explosion gegen Ende statt. Im richtigen Leben markierte sie das Ende der Dreharbeiten. Für den Chef-Filmer Sebastian Klinger wurde dafür extra eine Plexiglasbox gebaut - damit er, der dafür kein Stativ brauchen, sondern von Hand filmen wollte, nahe genug an der explosiven Szene war.
Die Anwohnerinnen durften nicht mehr aus den Häusern, aber aufregend war es trotzdem. Ein Nachbar von Alexandra Zaugg filmte gleich mit. Die Scheiben des Ladenlokals gegenüber mussten bei der einen Explosion zerbersten; sie seien aus dünnem Glas gewesen. "Es war spannend. Zum Beispiel, einmal Hollywood-Feuer, das völlig ungefährlich ist, zu sehen."
Bei genauerem Hinschauen müssen selbst Aussenstehende zugeben: Das gelbe Haus mit den roten Läden eignete sich perfekt für die etwas schräge Story mit wenig Personal. Auch Axel Zimmermann findet die Badstrasse "fotogen". Der Lehrer war damals, als während weniger Wochen gedreht wurde, Gemeindepräsident von Pfäfers, Vättis und Valens. Er zeigt sich als einer der grössten Fans von "Sew Torn".
Stehende Ovationen für den Film
Zur Vorpremiere in der Turnhalle von Vättis kam das halbe Dorf: Von 400 Personen sind 200 erschienen. Das Gemeindeoberhaupt hatte die Flyer eigenhändig in die Briefkästen geworfen. "Es war der grösste Anlass in meinen acht Jahren als Gemeindeammann." Es habe mehrmals Szenenapplaus und am Ende eine stehende Ovation gegeben, erzählt er: wegen der Landschaftsbilder, der bekannten Fassaden oder der Wiederbelebung des Restaurants Calanda mitten im Dorf, wenn auch nur für ein paar Stunden.
Die Vättner Bevölkerung hatte so sehr einen Narren an dem Film gefressen, dass sie an der Fasnacht, die auf die Dreharbeiten folgte, "Sew Torn" zum Hauptmotiv gemacht hat. Man verkleidete sich wie die Filmfiguren, man baute aus Karton das Auto der Näherin nach, das an einen Mini erinnert, man sprach amerikanisch.
Dass die Talschaft selbst nach den Dreharbeiten so mitfieberte, ist vor allem Sebastian Klinger zu verdanken. Der St.Galler ist in der Gegend, die gerade noch dem Kanton St.Gallen zugehört, eine Art Held. Er amtete für "Sew Torn" nicht nur als leitender Kameramann, sondern auch als Location Scout für die vorwiegend amerikanische Crew. Dadurch hat er sowohl bei der Drehortsuche, beim Dreh selber als auch bei der Nachbearbeitung ein schönes Netz gesponnen über das Tal. Nicht einfach so, sondern mit Charme und Freundlichkeit.
Ohne Sebastian, das bestätigt Axel Zimmermann, wäre erstens dieser Film nicht so gut herausgekommen und zweitens hätte der Film nicht bis zur Fasnacht nachgehallt - zumal die Menschen "nur" in der Zuschauerrolle waren. Lediglich für die Restaurantszene brauchte es einige wenige Statistinnen und Statisten.
Allerdings sind seit "Sew Torn" weder das schon vorher bei Touristen beliebte Bad Ragaz noch Vättis prominenter geworden. Und ins Taminatal reisen Interessierte schon immer zahlreich. Jetzt aber transportiert das Postauto Gäste durch die Badstrasse von Bad Ragaz, die meistens nicht wissen, dass die Fenster des Ladenlokals, an dessen Tür heute schlicht "Fahrrad" steht, auch schon explodiert sind.*
*Dieser Text von Nina Kobelt, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
















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