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Andrea Brändli ist beim Halbfinaleinzug die gefeierte Heldin
Der Olympia-Traum beginnt für Andrea Brändli hinter verschlossener Tür. Wegen eines Norovirus wird die Schweizer Torhüterin kurz vor Turnierbeginn isoliert. Nun führt sie ihr Team in den Halbfinal.
In den Schlussminuten des letzten Viertelfinalspiels schnüren die Finninnen in Überzahl die Schweizerinnen in deren Drittel ein. Sie schiessen aus allen Lagen auf das Tor von Andrea Brändli. Doch die Schweizer Torhüterin bleibt unbeirrt. "Ich wusste, irgendwann beginnt das Nervenflattern. Wenn irgendjemand ruhig bleiben muss, dann ich." Sieben Sekunden vor Schluss hält sie auch den 40. Schuss auf ihr Tor - dann ist es geschafft.
Die Schweizerinnen gewinnen dank eines Treffers von Alina Müller (35.) 1:0 und stehen am olympischen Turnier in Mailand im Halbfinal. Mit der Schlusssirene springen alle Schweizer Spielerinnen aufs Eis und bilden um ihre Torhüterin eine Jubeltraube. Brändli verschwindet unter Helmen und Handschuhen, wird von allen Seiten beglückwünscht und geherzt.
Die Szene steht im krassen Gegensatz zu jener vor acht Tagen. Statt wie vorgesehen im Startspiel gegen Tschechien im Schweizer Tor zu stehen, erlebt Brändli den 4:3-Sieg nach Penaltyschiessen wegen einer Norovirus-Infektion ganz alleine im olympischen Dorf. "Ich befand mich 48 Stunden lang in Isolation, war im Zimmer eingeschlossen", erzählt die Zürcherin von der "grössten Challenge" ihrer Karriere.
Als Vorsichtsmassnahme muss das ganze Team wegen der hohen Ansteckungsgefahr am Abend nach dem Startspiel sogar auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier im Mailänder Fussballtempel San Siro verzichten.
Ein paar Tränchen vergossen
Für Brändli ist es zunächst ein Schock. Lange hatte sie sich auf ihre dritten Olympischen Spiele gefreut. "Ich war so gut vorbereitet, hatte eine so gute Saison. Und als ich ins Turnier hätte starten können, musste ich in Isolation. Da habe ich schon ein paar Tränchen vergossen", erzählt die routinierte Teamleaderin, die nach Captain Lara Stalder die zweitälteste im Schweizer Olympia-Kader ist.
Seit der WM 2019 ist Brändli der grosse Rückhalt im Nationalteam. Aktuell absolviert sie ihre dritte Saison in Schweden und ist bei Frölunda mit einer Fangquote von über 94 Prozent die Nummer 1 der Liga. Zuvor spielte sie fünf Jahre in der amerikanischen Universitäts-Meisterschaft NCAA und holte 2022 mit Ohio den Titel.
In den USA schloss sie auch ihr Psychologiestudium ab - Wissen, das ihr in der schwierigen Situation in Mailand zugutekommt. Während der Isolation habe sie viele olympische Wettkämpfe im TV verfolgt, im Zimmer so gut es ging trainiert und mit einer Sportpsychologin von Swiss Olympic telefoniert. "Das hat mir geholfen, die Situation zu akzeptieren und den Fokus zu behalten", sagt Brändli. Auch die starken Leistungen von Ersatzkeeperin Saskia Maurer hätten ihr Sicherheit gegeben.
Weiter Geduld gefragt
Nach zwei Tagen ist der Spuk endlich vorbei. "Wir wissen alle, wie der Norovirus sein kann. Ich hatte Glück im Unglück, verspürte kaum Symptome." Aus der Isolation entlassen, kann sie im Eistraining endlich die angestaute Energie loswerden. Doch zum Einsatz kommt die nominelle Nummer 1 im Turnier zunächst nicht. Nationaltrainer Colin Muller setzt auch gegen Kanada (0:4) auf Maurer. Erst im dritten Vorrundenspiel gegen die USA (0:5) steht Brändli zwischen den Pfosten, im abschliessenden Gruppenduell mit Finnland (1:3) wechselt das Trainerteam wieder.
Im Viertelfinal fällt die Wahl erneut auf Brändli - und die zahlt das Vertrauen mit einer überragenden Leistung zurück. Immer wieder hält sie ihr Team im Spiel, pariert in der Schlussphase gegen die heranstürmenden Finninnen Schuss um Schuss und rettet den knappen Vorsprung über die Zeit.
Die Maske hängt, die Medaille fehlt
Ein Stück Olympia-Geschichte von ihr hängt bereits im Olympischen Museum in Lausanne: der Goalie-Helm von den Winterspielen 2022 in Peking. Verziert mit den Wappen aller Schweizer Kantone, zwei Bergen, einem Schweizer Kreuz, dem Familienwappen der Brändlis und der Aufschrift "It’s a great day for hockey", trug sie ihn bis zum bitteren Ende - dem knapp verlorenen Bronzespiel gegen Finnland.
Was Brändli noch fehlt, ist nicht ein weiteres Ausstellungsstück, sondern eine Medaille für zuhause. Vor vier Jahren blieb sie nach der Niederlage gegen Finnland ohne Edelmetall zurück. Nun bietet sich ihr in Mailand die nächste Chance, sich und ihren Teamkollegen diesen Traum zu erfüllen.
Zunächst wartet der Halbfinal gegen den übermächtigen Rekord-Olympiasieger Kanada. Bei einer Niederlage bliebe für die Schweizerinnen im Spiel um Bronze eine zweite Möglichkeit, zum zweiten Mal nach 2014 in Sotschi eine Olympia-Medaille zu gewinnen.
So weit will Brändli jedoch nicht denken. "Wir nehmen es Tag für Tag, erholen uns gut und wollen mental bereit sein für die nächsten beiden Spiele." Die Frage, ob sie im Halbfinal wieder im Tor steht, gibt sie lächelnd weiter. Und Headcoach Muller sagt: "Wir haben zwei ausgezeichnete Torhüterinnen. Ich werde auf mein Bauchgefühl am Spieltag vertrauen."
















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