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Keystone-SDA | Donnerstag, 16. Juli 2026

Argentiniens historische Chance, Tuchel im Kreuzfeuer

Argentinien ringt England im WM-Halbfinal nieder und greift nach der ersten Titelverteidigung seit 1962. Während Lionel Messi mit zwei Vorlagen glänzt, gerät Englands Thomas Tuchel in die Kritik.

Es gibt diese Momente im Fussball, in denen Taktiktafeln, Formationen und Matchpläne ihre Bedeutung verlieren. Wenn das nackte Überleben auf dem Rasen von purer Willenskraft und individueller Genialität diktiert wird. Der WM-Halbfinal zwischen England und Argentinien war genau ein solches Spiel. Ein Drama, das nicht nur die Comeback-Qualitäten des amtierenden Weltmeisters offenbarte, sondern auch zwei fundamentale fussballerische Wahrheiten dieser Ära in Stein meisselte: Lionel Messi ist der kompletteste Offensivspieler der Geschichte, und Englands Warten auf den zweiten Stern bleibt eine schier ewige, tragische Odyssee.

Die Kunst der Wiederauferstehung

Als Anthony Gordon die englische Nationalmannschaft in Führung brachte, schien der argentinische Traum von der Titelverteidigung akut in Gefahr. Trainer Thomas Tuchel hatte die "Three Lions" in ein engmaschiges Defensivkorsett gezwängt. Doch im Moment grösster Bedrängnis zeigte die "Albiceleste" ihr wahres Gesicht. Diese Mannschaft bricht nicht auseinander, sie wächst am Widerstand. Argentinien bewies eine bemerkenswerte mentale Resilienz.

Anstatt in Aktionismus zu verfallen, zogen die Südamerikaner die Schlinge um den englischen Strafraum unbarmherzig zu. Es ist diese Siegermentalität, die den Weltmeister von 2022 auch 2026 zum ultimativen Hindernis macht. Nun bietet sich Argentinien die historische Chance, als erstes Team seit dem legendären Brasilien von 1962 einen WM-Titel erfolgreich zu verteidigen.

Messis zwölfter Streich

Das Auge im Zentrum dieses argentinischen Sturms war einmal mehr Lionel Messi. Die Diskussionen um den 39-Jährigen drehen sich oft um seine Torgefahr – immerhin ist er Rekordtorschütze seines Landes. Doch Atlanta zeigte Messis womöglich noch grössere Gabe: seine unvergleichliche Qualität als Spielmacher. In der 85. Minute, als die Verzweiflung auf den Rängen wuchs, behielt er im Chaos die Übersicht, bediente Enzo Fernandez zum Ausgleich und bereitete schliesslich auch den späten Siegtreffer in der Nachspielzeit vor.

Damit verbuchte Messi seine WM-Assists Nummer 11 und 12. Eine beeindruckende Zahl, die unterstreicht, dass "La Pulga" nicht nur der eiskalte Vollstrecker, sondern der ultimative Architekt des argentinischen Spiels ist. Er diktiert das Tempo, erfindet Räume, wo scheinbar keine sind, und orchestriert die Angriffe mit einer Präzision, die selbst eine massierte, von Tuchel instruierte Fünferkette in die Knie zwingt. Messi ist Rekordtorschütze und Rekordvorbereiter in Personalunion - eine historische Symbiose.

Das 60-jährige Trauma der Three Lions

Auf der anderen Seite der Medaille steht das englische Drama. 60 Jahre sind seit dem mythischen Triumph von Wembley 1966 vergangen. 60 Jahre des Hoffens, Scheiterns und Leidens. Unter Thomas Tuchel schien England die pragmatische Reife gefunden zu haben, um diesen historischen Fluch zu brechen. Nur wenige Minuten fehlten den "Three Lions" zum ersehnten Finaleinzug. Doch als der argentinische Druck in der Schlussphase immer grösser wurde, verfielen die Engländer in alte Muster. Die Kräfte schwanden, die Entlastung fehlte. Captain Harry Kane fasste die Ohnmacht treffend zusammen: "Nach dem Tor war es einfach Angriffswelle auf Angriffswelle. Wir konnten keinen Druck mehr auf den Ball ausüben und wurden völlig zurückgedrängt."

Obwohl Englands Torhüter Jordan Pickford mehrfach mit Glanzparaden rettete, war der Ausgleich die logische Konsequenz. Der späte K.o.-Schlag tief in der Nachspielzeit - ein wuchtiger Kopfball von Lautaro Martinez in der 92. Minute - war das bittere Ende einer weiteren gescheiterten Mission und versetzte die argentinischen Fans in Ekstase, während auf der Gegenseite reihenweise englische Herzen brachen.

Tuchels Pragmatismus auf dem Prüfstand

Nationalcoach Thomas Tuchel dürfte in den kommenden Tagen ein paar unangenehme Fragen zu seinen taktischen Überlegungen beantworten müssen. Schon bei seinem Amtsantritt blies dem Deutschen aufgrund seiner nicht englischen Herkunft auf der Insel ein rauer medialer Gegenwind ins Gesicht. Dass er seiner Mannschaft nach der Führung eine ultradefensive Strategie verordnete, wird den Kritikern neue Munition liefern. Es war seine erste Defensiv-Einwechslung, die den Druck auf den englischen Strafraum überhaupt erst ermöglichte. Als Tuchel in der 82. Minute mit Dan Burn und Nico O’Reilly (für Declan Rice und Reece James) zwei weitere Abwehrspieler brachte, standen sechs gelernte Verteidiger auf dem Platz. Das Momentum liess sich so nicht mehr verschieben.

Die Reaktionen der britischen Fussball-Legenden fielen entsprechend verheerend aus. Wayne Rooney sagte bei der BBC: "Wir haben uns in eine so gute Position gebracht und wussten dann nicht, was wir tun sollten. Wir haben uns zurückgezogen und sie kommen lassen. Die Wechsel haben uns nicht geholfen - ich bin am Boden zerstört." Matt Upson blies ins selbe Horn: "Wir haben das Tor gemacht und dann schlicht aufgehört, das zu tun, was uns das Spiel gewinnen würde." Und Ex-Stürmer Alan Shearer nannte es auf Social Media schlicht "frustrierend", mit sechs Verteidigern in die letzten 25 Minuten zu gehen, wodurch dem Team jegliche Anspielstation nach vorne geraubt wurde.

Tuchel selbst stellte sich nach dem Schlusspfiff schützend vor seine Entscheide, die in vorherigen Spielen noch gefruchtet hatten: "Die Lücken waren viel zu offen. Sie haben jedes Kopfballduell gewonnen und immer wieder geflankt, also haben wir auf eine Fünferkette umgestellt, um die Räume zu schliessen", argumentierte der 52-Jährige. "Natürlich liegt die Verantwortung beim Trainer. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass uns offensive Wechsel geholfen hätten."

Trotz Kritik käme es überraschend, müsste Tuchel seinen Posten vorzeitig räumen. Allein im Sinne der sportlichen Nachhaltigkeit und um Geld zu sparen, dürfte der englische Verband an seinem Trainer festhalten - und in vier Jahren den nächsten Anlauf nehmen, auf den globalen Fussballthron zurückzukehren.

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