Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Dank Krämpfen zur Erlösung
Alexander Zverev ist nach seinem Sieg in Paris endlich ein Grand-Slam-Champion. Eigentlich logisch - und doch lange erdauert. Am Ende spielen Krämpfe des Deutschen eine positive Rolle.
In Deutschland hat schon seit einiger Zeit ein geflügeltes Wort die Runde gemacht: Alexander Zverev ist der beste Spieler der Geschichte, der nie ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Zunächst stehen meist Rafael Nadal oder Novak Djokovic im Weg, danach ist es das neue Super-Duo Carlos Alcaraz und Jannik Sinner. Sein hartnäckigster Gegner war aber Zverev selber. Bis er nun am French Open die einmalig günstige Konstellation nutzen konnte.
"Man kann mich jetzt auch den schlechtesten Grand-Slam-Sieger aller Zeiten nennen. Das wäre mir herzlich egal", scherzte der 29-jährige Hamburger am Sonntagabend zu später Stunde in der Medienrunde. Schon leicht beschwipst, wie er zugab. Vom Sohn des ehemaligen, gleichnamigen sowjetischen Davis-Cup-Spielers fiel mit dem Fünfsatzsieg gegen den italienischen Aussenseiter Flavio Cobolli eine riesige Last ab. "Da müssen wir nicht um den heissen Brei herumreden", hatte Tennislegende und TV-Experte John McEnroe schon letzte Woche betont. "So gross wie jetzt war der Druck auf Zverev noch nie."
Nach der verletzungsbedingten Absage des zweifachen Titelverteidigers Carlos Alcaraz war in der 2. Runde auch noch der verbliebene Topfavorit Jannik Sinner in der Hitze eingegangen und sensationell ausgeschieden. Wann, wenn nicht jetzt, sollte es für Zverev endlich klappen?
Zu passiv, zu ängstlich
Gerade mal 20-jährig gewann Zverev in Rom und Montreal seine ersten Masters-1000-Titel. Ein Jahr später triumphierte er an den ATP Finals, 2021 ein zweites Mal. Auch an den Olympischen Spielen holte er Einzel-Gold. Auf der allergrössten Bühne des Tennissports, bei den Grand-Slam-Turnieren, versagte Zverevs jedoch stets. Dreimal verlor er im Final, zweimal in fünf Sätzen.
Zverevs Problem ist nicht die Fitness, die ist top. Mit seiner Grösse von 1,98 m bewegt er sich ausgesprochen gut, die Rückhand gehört zu den besten der Welt, der erste Aufschlag ebenfalls. Das Problem des Norddeutschen ist der Kopf. Wenn es darauf ankommt, wird er passiv und hofft auf Fehler des Gegners. Das reicht gegen fast alle, jedoch nicht an der absoluten Spitze. Da gibt es keine Geschenke.
Mehr Risiko wegen den Krämpfen
Auch im sonntäglichen Final zeigte sich das altbekannte Muster. Im vierten Satz vergab Zverev Chance um Chance und war drauf und dran, den Sieg zu verspielen. Da bekam er Krämpfe. "Ich denke nicht, dass es einen physischen Grund gab. Ich habe mich einfach verkrampft", sagte Zverev danach sehr offen. Er verlor zwar den vierten Satz, im fünften war er gegen einen körperlich stark abbauenden Cobolli aber der klar bessere Spieler. "Die Krämpfe haben mir sogar geholfen", glaubte Zverev. "Ich musste mehr riskieren und meine Schläge mehr gehen lassen."
Am Ende konnte er sich als Sieger in den Sand legen, die Erleichterung, die enorme Last, die von seinen Schultern fiel, war förmlich spürbar. "Jetzt bin ich ein Grand-Slam-Champion. Das kann mir niemand mehr nehmen. Selbst wenn ich einen nächsten Final wieder verlieren sollte." Die Erlösung könnte aber auch dazu führen, dass Zverev in Zukunft mental stärker sein wird. Er wäre in guter Gesellschaft.
Auf den Spuren von Agassi und Lendl
Auch ein Andre Agassi verlor seine ersten drei Grand-Slam-Finals, noch dazu jedes Mal als Favorit. Bei Ivan Lendl und Andy Murray waren es sogar vier verlorene Major-Finals, ehe sie erstmals triumphierten. Und bei allen drei kam der erste Titel in fünf Sätzen - wie bei Zverev. Und für alle drei blieb es nicht bei dem einen.
"Ich hoffe, dass auch mental bei mir irgendwas durchbrochen ist", sagt Zverev. Der Sieg gebe ihm "etwas Freiheit" und "etwas mehr Ruhe". "Denn hätte ich auch hier verloren, wäre mein Selbstvertrauen deutlich gesunken", meinte der Hamburger. "Aber jetzt, da ich gewonnen habe, habe ich das Gefühl, dass ich es wieder schaffen kann."
Dann hätte er auch sein letztes "Problem" vom Sonntagabend nicht mehr. Auf die Frage, wie er nun den grössten Erfolg seiner Karriere feiern werde, lächelte Zverev und meinte nur: "Ich weiss es nicht. Ich habe bis jetzt noch nie eine Feier gemacht."

















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