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Keystone-SDA | Montag, 08. Juni 2026

Werro gegen Hodgkinson - Duell als Weltrekordjagd

Die 800-m-Läuferin Audrey Werro bezwingt in Stockholm die Olympiasiegerin Keely Hodgkinson und läuft in neue Dimensionen. Das nächste Kapitel ihres Duells folgt spätestens im August bei der EM.

Als Audrey Werro am Sonntagabend die Ziellinie überquerte, riss sie nicht die Arme hoch. Sie schrie nicht. Sie schlug sich nicht auf die Brust. Die Freiburgerin schüttelte nur den Kopf. "Diese Zeit ist crazy", sagte sie später. Es werde dauern, bis sie das verarbeitet habe.

Die 22-Jährige hatte gerade eines der grössten Rennen der jüngeren Leichtathletik-Geschichte geliefert. In 1:53,98 Minuten siegte sie in Schwedens Hauptstadt über 800 m, pulverisierte ihren Schweizer Rekord um fast zwei Sekunden und wurde zur ersten Läuferin seit mehr als vier Jahrzehnten, die die magische Marke von 1:54 Minuten unterbot. Vor allem aber schlug sie jene Frau, die derzeit als Massstab über die zwei Bahnrunden gilt: Keely Hodgkinson.

Es war mehr als ein Sieg. Es war das vorläufige Highlight einer Rivalität, die den 800-m-Lauf in den kommenden Jahren prägen könnte. Audrey Werro und Keely Hodgkinson sind mit 22 beziehungsweise 24 Jahren noch jung. Beide treiben sich zu Leistungen an, die vor wenigen Monaten insbesondere für die Schweizerin noch kaum vorstellbar schienen.

Torun machte den Anfang

Bereits im März an der Hallen-WM in Torun liefen die beiden in einer eigenen Liga. Während der Rest des Feldes um Bronze kämpfte, machte das Duo Gold unter sich aus. Damals setzte sich die Olympiasiegerin und WM-Zweite durch. Die Schweizerin gewann Silber und sicherte sich ihren ersten Podestplatz an einem grossen Elite-Championnat. Audrey Werro verliess Polen zwar geschlagen, aber mit einer wichtigen Erkenntnis: Sie gehört nun definitiv zu den Besten der Welt. Und sie glaubt seither mehr denn je daran.

"Ich glaube, dass Kelly in der Lage ist, den Weltrekord zu brechen", hatte Audrey Werro Anfang Mai in Bern bei einem Medientreff erklärt. Wie sich nun zeigt, war dies keine Floskel, sondern eine ehrliche Einschätzung. Gleichzeitig fügte sie einen Satz an, der damals mutig klang und heute beinahe prophetisch wirkt: "Ich glaube auch, dass ich Kelly schlagen kann. Niemand ist unschlagbar."

Wer die 22-Jährige abseits der Bahn erlebt, trifft auf eine junge Frau, die noch immer zurückhaltend wirkt. Audrey Werro spricht bedacht, in kurzen Sätzen, und sucht kaum das Rampenlicht. Sobald jedoch der Startschuss fällt, zeigt sie ein anderes Gesicht. "Im Wettkampf bin ich nicht dieselbe Person wie im Alltag", sagt sie. "Inzwischen schaffe ich es, im Rennen richtig hart zu sein." Diese Wandlung war womöglich der entscheidende Schritt auf ihrem Weg in die Weltklasse.

Uralt-Weltrekord wackelt

Seit 1983 hält die Tschechin Jarmila Kratochvilova mit 1:53,28 Minuten den Weltrekord. Jahrzehntelang wirkte diese Marke wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Generationen von Läuferinnen scheiterten daran, unter ihnen auch die intergeschlechtliche Caster Semenya. Während die Südafrikanerin wegen ihres erhöhten Testosteronspiegels als körperlich begünstigt galt, stammt die Bestmarke von Kratochvilova aus einer Epoche, in der die Leichtathletik die Dopingproblematik nicht im Griff hatte. Der grösste Vorteil der heutigen Generation liegt hingegen vor allem in den deutlich verbesserten Laufschuhen.

Audrey Werro griff in Stockholm den Weltrekord ohne Ankündigung an. Zunächst profitierte sie von der perfekten Vorarbeit der Tempomacherin Rachel Klopfenstein. Keely Hodgkinson attackierte auf der Gegengeraden, wie sie es schon oft getan hatte. Doch diesmal verlief die Geschichte anders. Audrey Werro liess sich nicht abschütteln. Sie blieb dran - und zog auf den letzten Metern vorbei. Die Britin lief in 1:54,33 Minuten britischen Rekord. Trotzdem reichte es nicht, weil Audrey Werro an diesem Abend noch stärker war.

Beide wissen nun, dass sie die jeweils andere brauchen, um noch schneller zu werden. Audrey Werro fehlen nur gerade sieben Zehntelsekunden zum Weltrekord, Hodgkinson gut eine Sekunde. Nach Stockholm stellt sich deshalb die Frage: Welche von beiden wird die Marke zuerst brechen? Oder kommt ihnen eine Konkurrentin zuvor? Spitzenleistungen ziehen weitere Spitzenleistungen nach sich. Genau das geschieht derzeit. Der 800-m-Lauf der Frauen ist so stark besetzt wie lange nicht mehr. Die Disziplin befindet sich in Bewegung. Bereits Ende Mai hatte die Schweizerin in Marokkos Hauptstadt Rabat im Rahmen der Diamond League gewonnen - nicht gegen Keely Hodgkinson, aber gegen starke Konkurrenz aus Afrika.

Wer holt Gold?

Das nächste Kapitel folgt spätestens im August in Birmingham. Für Keely Hodgkinson wird es eine Heim-EM, für Audrey Werro die nächste grosse Gelegenheit, sich mit der Olympiasiegerin zu messen. Wieder werden alle Augen auf die beiden gerichtet sein. Wieder dürfte der Rest des Feldes versuchen, den Anschluss zu halten. Und wieder könnte das Rennen weit über die Vergabe von Gold hinaus Hinweise liefern.

An einer EM geht es zwar in erster Linie um Medaillen und nicht um Zeiten. Doch das dachte man auch im vergangenen September bei der WM in Tokio. Am Ende blieben gleich drei Läuferinnen unter 1:55 Minuten.

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