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Keystone-SDA | Samstag, 23. Mai 2026

"Das rot-weisse Meer da draussen ist unglaublich"

Goalie Reto Berra hat in seiner Karriere mehrere Rückschläge wie eine Rückenoperation überwunden. An der Heim-WM bietet sich ihm die Chance, seine Karriere mit dem Titel zu krönen.

Reto Berra singt mit den Fans inbrünstig mit, als nach dem 4:1 gegen Grossbritannien, dem fünften Sieg im fünften Spiel an der Heim-WM, zum Lied "W. Nuss vo Bümpliz" von Patent Ochsner gefeiert wird. Der 39-jährige Torhüter bestritt seine erste Partie an diesem Turnier, nachdem ihn in der Woche zuvor eine Lungenentzündung ausser Gefecht gesetzt und er erst am Sonntagabend zur Mannschaft stossen konnte.

Trotz des bitteren Zeitpunkts der Krankheit haderte Berra nicht: "Ich akzeptierte, dass der Körper sagte: 'Es ist etwas viel gewesen'. Für mich geht die Gesundheit ganz klar vor. Nun fühle ich mich voller Energie. Das rot-weisse Meer da draussen ist unglaublich. Ich geniesse jeden Moment."

Schwerer Verletzung getrotzt

Bei Berra ist zu spüren, dass er mit sich im Reinen ist und über die Jahre, in denen er auch viele Tiefs erlebte, gewachsen ist. Er ging durch das Stahlbad der NHL, bestritt insgesamt 76 Partien in der besten Eishockey-Liga der Welt - dies mit den Calgary Flames, den Colorado Avalanche, den Florida Panthers und den Anaheim Ducks für vier verschiedene Teams. Bei den Colorado Avalanche blieb er saisonübergreifend 203:02 Minuten ohne Gegentor, erhielt dort jedoch auch heftige Kritik vom legendären Goalie und damaligen Cheftrainer Patrick Roy, der ihm fehlenden Hunger vorwarf. Er wurde mit Linienläufen in Vollmontur an seine Grenzen getrieben. Mehr als in der NHL kam Berra jedoch in der wenig glamourösen AHL zum Einsatz (93 Spiele), in denen ihm sogar einmal ein Tor gelang.

2018 kehrte Berra nach fünf Jahren in Nordamerika in die Schweiz zurück und schloss sich Fribourg-Gottéron an. Am 1. November 2022 musste er sich einer Rückenoperation unterziehen, nachdem er lange versucht hatte, diese zu umgehen. Die Schmerzen, die bis in die Beine ausstrahlten, liessen ihm aber keine andere Wahl. Er stellte sich die Frage, ob es das gewesen sei.

Das prägte ihn nachhaltig und öffnete ihm noch mehr die Augen. "Sobald ich nicht meine Sachen mache, habe ich sofort wieder Rückenschmerzen", sagte er im Rahmen der Euro Hockey Tour in Ängelholm. "Es ist nicht einfach, nach einer solchen Rückenoperation herauszufinden, was einem gut tut, da jeder Mensch anders ist. Das braucht enorm viel Geduld. Du darfst nicht frustriert sein, sondern musst dranbleiben. Ich bin stolz darauf, alles sauber gemacht zu haben. Ich weiss nun, was gut für mich ist, kann es abrufen und durchziehen."

Erster Meistertitel als Nummer 1

Berra ist in dieser schwierigen Phase weiter gewachsen, "das spüre ich enorm". Nun fühlt er sich "absolut top, top, top" und das unterstrichen seine Leistungen in den diesjährigen Playoffs, in der er eine enorme Ruhe ausstrahlte. Mit einer Abwehrquote von über 92 Prozent trug er massgeblich zum ersten Meistertitel in der Vereinsgeschichte von Fribourg-Gottéron bei. Zwar wurde er bereits 2010 mit Davos Meister, im entscheidenden siebenten Finalspiel gegen Kloten (2:1) erhielt jedoch Leonardo Genoni den Vorzug.

Ohnehin stand er oft in dessen Schatten. Die beiden bestreiten die achte gemeinsame WM, insgesamt ist es die elfte von Berra. An der WM 2013 hexte er die Schweiz im Halbfinal gegen die USA (3:0) zwar in den Final, in diesem musste er aber Martin Gerber den Vorzug lassen. Auch 2018 und 2024 gehörte er zu den Silberteams, kam jedoch in der K.o.-Phase nie zum Einsatz - es stand stets Genoni vor dem Tor.

Beim Meistertitel mit Fribourg lastete nun die ganze Verantwortung auf ihm, und er meisterte die vielen heiklen Momente bravourös - es war für ihn wohl die letzte Chance auf den Meisterpokal, da er bei Gottéron keinen neuen Vertrag erhielt und zu Kloten wechselt. "Das gibt schon einen enormen Schub", sagte Berra. Stolz ist er auch darauf, dass er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters nicht zurücklehnt: "Ich bin ganz klar im Kopf, weiss, was ich will und arbeite dafür."

Nun möchte er den Lohn der harten Arbeit auch an der Heim-WM einfahren. Berra gibt zu, dass es langweilig tönt, "aber wir leben im Moment, konzentrieren uns auf jene Details, die wir umsetzen wollen. Darum geht es für uns. Solange wir in dieser Bubble sind, ist alles gut." Der nächste Gegner ist am Samstag um 16.20 Uhr Ungarn. Dann soll der nächste Sieg folgen - nicht auszurechnen, wie Berra nach einem allfälligen WM-Titel bei "W. Nuss vo Bümpliz" abgehen würde.

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