Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Dem Schweizer Frauen-Radteam droht das Aus
Nur anderthalb Jahre nach der Gründung steht das Schweizer Frauen-Radteam Nexetis bereits vor dem Aus. Das von Swiss Cycling gegründete Nachwuchsprojekt sucht dringend einen Geldgeber.
Der Schweizer Frauen-Radsport erlebt derzeit eine Art Hochphase. Der WM-Titel von Marlen Reusser im Zeitfahren ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auffällig ist jedoch, dass viele der Erfolge nicht primär aus dem klassischen Nachwuchssystem des Verbands hervorgehen. Reusser, Elise Chabbey oder auch Schweizer Meisterin Steffi Häberlin kamen alle über Umwege zum Strassenradsport und stiegen erst spät ein. In gewisser Weise waren es für Swiss Cycling bereits vorhandene Talente, die später ins System integriert wurden.
Der Aufbau eigener Athletinnen aus den unteren Nachwuchsstufen bis in die Weltspitze gelang auf der Strasse bislang nur vereinzelt. Eine der wenigen Ausnahmen ist Noemi Rüegg. Deshalb gründete Swiss Cycling im Nachgang der Heim-WM in Zürich das Frauen-Strassenteam Nexetis. "Wir wollen jungen Schweizer Fahrerinnen den Übergang vom Nachwuchs in den internationalen Spitzensport ermöglichen", begründete Verbands-Geschäftsführer Thomas Peter bei der Teampräsentation im November 2024.
Viel Zuspruch, wenig Investitionsbereitschaft
Der Name Nexetis ist eine Kombination aus den Begriffen Nexus, Next und Ethos und soll ein Symbol für Vernetzung, Zukunft und Haltung im Schweizer Frauenradsport sein. Doch anderthalb Jahre nach der Gründung steht das Projekt selbst vor einer ungewissen Zukunft. Noch immer fehlt ein Hauptsponsor für das Team, das unter der sportlichen Leitung von Nationaltrainer Edi Telser auf der dritthöchsten Stufe fährt.
Die Suche verlief bislang ohne Erfolg. Das Problem ist altbekannt. "Alle wollen Frauen-Radsport, aber kaum jemand ist bereit, zu investieren", sagt Olivier Senn. Der Direktor der Tour de Suisse weiss, wovon er spricht: Die Frauenrundfahrt war stets defizitär, obwohl sie sportlich längst überzeugt. Wer die Rennen verfolgt, erkennt schnell, dass sie jenen der Männer in Sachen Spannung und Attraktivität in nichts nachstehen.
Keine Präsenz beim Heimrennen
Umso wichtiger wäre es für Nexetis gewesen, diese Woche an der Tour de Suisse im Scheinwerferlicht der World Tour die grosse Bühne zu nutzen. Doch Fahrerinnen in den auffallend grellen Trikots sucht man vergebens. Stattdessen sind Jasmin Liechti, die WM-Silbermedaillengewinnerin von 2024 im U23-Zeitfahren, oder die ebenfalls aufstrebende Ginia Caluori im Schweizer Nationaldress unterwegs. Das Nationalteam erhielt vom Internationalen Radsportverband UCI den Vorzug gegenüber Nexetis.
Patrick Müller, Chef Leistungssport bei Swiss Cycling, bedauert diesen Entscheid: "Es wäre natürlich eine sehr gute Möglichkeit gewesen, die Visibilität nochmals zu nutzen und auf unser Anliegen aufmerksam zu machen."
Sportlich schnitt das Team, das aus neun jungen Schweizer Talenten, zwei Japanerinnen, einer Slowenin und einer 37-jährigen Niederländerin besteht, bislang besser als erwartet ab. Allerdings wurden alle acht Saisonsiege in Rennen der unteren Kategorien erzielt.
Während die Rennen der World Tour zunehmend an Attraktivität gewinnen, besteht in den tieferen UCI-Kategorien weiterhin strukturelles Entwicklungspotenzial. Immer wieder kommt es vor, dass Wettkämpfe verschoben oder abgesagt werden, was die Saisonplanung für Teams wie Nexetis erheblich erschwert.
Der nächste Schritt kostet
Swiss Cycling plant deshalb den nächsten Entwicklungsschritt: Das Team soll 2027 in die Pro-Kategorie aufsteigen, die zweithöchste Stufe unterhalb der World Tour. Dafür braucht es jedoch zusätzliche finanzielle Mittel.
Müller sieht den Zeitpunkt für einen solchen Schritt als günstig. Aufgrund der überschaubaren Teamdichte im Frauenbereich könnte Nexetis rasch Zugang zu grossen Rennen erhalten. Das würde die Sichtbarkeit erhöhen und die Suche nach Sponsoren erleichtern. "Die Perspektive eines Starts an einer Grand Tour ist für viele Unternehmen attraktiver als ein reines Nachwuchsprojekt", sagt der frühere Profi.
Das Budget von Nexetis belief sich im vergangenen Jahr auf rund 1,2 Millionen Franken. Viel wichtiger als die finanziellen Dimensionen sei jedoch die Rolle des Teams im Schweizer Frauenradsport. Während auf der Männerseite zahlreiche Nachwuchsstrukturen bestehen, fehlt im Frauenbereich oft die Brücke zwischen Juniorinnen- und Spitzensport. Genau diese Lücke soll Nexetis schliessen, "damit die nächsten Marlen Reussers oder Steffi Häberlins den Weg an die Spitze finden", so Müller.
Doch was passiert, wenn kein Geldgeber gefunden wird und das Team aufgelöst werden muss? "Dann werden wir bei Swiss Cycling uns weiterhin auf den Nachwuchs konzentrieren und dort die Förderung ebenso intensiv fortsetzen wie bisher."

















Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar