Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Der Traum eines ganzen Kantons
Fribourg-Gottéron ist zum ersten Mal Schweizer Eishockey-Meister - und versetzt einen ganzen, dazu noch zweisprachigen Kanton in Ekstase. Der Triumph mag überraschend kommen, Zufall ist er nicht.
Kaum ein Verein in der Schweiz lebt derart stark von den Emotionen wie der Hockeyclub Fribourg-Gottéron. Diese Leidenschaft ist Fluch und Segen zugleich. Sie kann den Sinn für Realitäten trüben, aber sie hilft, eine unbändige Euphorie zu entfachen und in Notsituationen zusammenzustehen. Was möglich ist, wenn Begeisterung und kluges Management sich vereinen, demonstrierten die Freiburger in dieser Saison eindrücklich.
Im Wort Leidenschaft steckt auch das Wort Leiden. Das erlebten die heissblütigen Anhänger vor allem seit dem Aufstieg der sogenannten "Copains" 1980 in die NLA. Insgesamt fünf zweite Plätze, vier verlorene Playoff-Finals - oft war der Gral vermeintlich zum Greifen nah, doch stets blieb nur die Enttäuschung. Dazwischen stand der Verein auch zweimal dem Bankrott nahe und musste mit Spendenaktionen buchstäblich vor dem Abgrund gerettet werden.
Viele Hindernisse in den Playoffs
Da passt es bestens, dass auch der Weg zum ersten Meistertitel in diesem Jahr mit Hindernissen gepflastert war. Nach einer sehr guten Qualifikation verletzte sich mit Sandro Schmid ausgerechnet der beste Schweizer Stürmer im letzten Spiel vor den Playoffs, Topskorer Marcus Sörensen kehrte erst kurz vor dem Final nach langer Verletzungspause zurück. Im Viertelfinal wendete ein zunächst verkrampftes Team nach Rückstand ein blamables frühes Aus gegen Rapperswil-Jona erst in der Verlängerung des siebten Spiels ab. Im Final gegen ein übermächtig wirkendes Davos siegte Gottéron erneut in der Finalissima und sicherte sich den überfälligen ersten Meistertitel - das nötige Glück war für einmal auf der Seite der Drachen.
Es ist die Krönung einer stetigen Entwicklung vom ewigen, etwas chaotischen Underdog zu einer festen Grösse in den vordersten Positionen der National League. Die letzten Jahre haben den Verein grundlegend verändert. Die Leidenschaft ist noch immer da, doch das Fundament ist professioneller aufgestellt. Der abtretende Captain Julien Sprunger, der bereits 2013 einmal einen Playoff-Final bestritt und gegen Bern verlor, formulierte es so: "Früher feierten wir jeden Sieg, jede überstandene Playoff-Runde. Nun sind die Ziele höher. Man freut sich kurz, weiss aber, dass es noch weitergeht."
Neues Stadion als Initialzündung
Den entscheidenden Schritt machte der Klub mit dem grunderneuerten, im Herbst 2020 eingeweihten Stadion. Mit gut 9300 Plätzen ist es neu die viertgrösste Arena der Schweiz und seit mittlerweile 101 Spielen - seit über drei Jahren - durchgehend ausverkauft. Das gibt der einst finanziell auf einem Drahtseil balancierenden Organisation eine solide Basis, ebenso wie die grossen, staatsnahen Sponsoren Kantonalbank und Groupe E (Elektrizitätswerke). Das passt zu einem Verein, der wie kein anderer Banker und Büezer, Französisch- und Deutschsprachige, Jung und Alt, Stadt und Land eines ganzen Kantons vereint. Gerade die Zweisprachigkeit wird stark gelebt, in diesem Final am augenscheinlichsten mit dem Singen der Nationalhymne in einem Mix aus Französisch und Deutsch.
Die Finanzkraft wurde in den letzten Jahren gut genutzt. Mit Christoph Bertschy und Andrea Glauser wurden zwei verdiente Nationalmannschaftsspieler mit langen Verträgen aus Lausanne zurückgeholt. Beide sind Freiburger und ehemalige Gottéron-Junioren, mit Sandro Schmid, Jan Dorthe und Kevin Nicolet stammen drei weitere Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Aus Zug kommend brachten die jungen Attilio Biasca und Ludvig Johnson frischen Wind. Für die nötige physische Härte sorgen vor allem bei anderen Klubs unterschätzte Verteidiger wie Simon Seiler und Maximilian Streule.
Zu kitschig für Hollywood, nicht für Freiburg
Mit der Verpflichtung des in ganz Europa begehrten vierfachen Champions-League-Gewinners Roger Rönnberg als Cheftrainer gelang auf diese Saison ein veritabler Coup. Der selbstbewusste Schwede sorgte gleich für Aufsehen, indem er öffentlich erklärte, er habe auf einer Karte schon geschaut, wo ein günstiger Ort für eine Meisterfeier wäre. Die fordernde Art Rönnbergs wird gemäss Insidern nicht von allen Spielern goutiert, doch der Erfolg gibt ihm recht. Er setzte, wie auch Davos, konsequent auf den Einsatz von vier Linien. So konnte sein Team etwas überraschend das hohe Tempo des Favoriten bis zum Ende mitgehen.
Das Ende mit dem Pokal in den Händen von Julien Sprunger, der nach 1186 Meisterschaftsspielen - alle für Gottéron - als Vereinsikone zurücktritt, wäre wohl sogar für Hollywood zu kitschig. Doch es passt perfekt zu dieser Institution mit den unbegrenzten Emotionen.


















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