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"Im falschen Leben": karibischer Traum und Schweizer Realität
Als Kind lebte Jean-Raoul Austin de Drouillard auf Haiti. Nach der Ermordung seiner Eltern holte ihn ein Freund der Familie nach Basel. Entlang dieses Bruchs erzählt er in seinem autofiktionalen Roman "Im falschen Leben" vom Weg eines Träumers aus seinem Trauma.
Dieser Roman ist das nostalgische Vermächtnis eines Menschen mit besonderer Biografie. Kurz vor dem Erscheinen des Buchs "Im falschen Leben. Eine Jugend" ist Jean-Raoul Austin de Drouillard Ende April mit 83 Jahren gestorben.
Im literarischen Rückblick verklärt der Schweizer Autor seine Kinderjahre auf der Karibikinsel Haiti. Die Familie ist reich und pflegt den feinen französischen Lebensstil der einstigen Kolonie, den die Mutter mit ihrem afrikanischen Erbe krönt. Sie erzählt dem kleinen Jean-Raoul Legenden der Dogon und erscheint ihm selbst wie eine exotische Königin.
Am liebsten weilt der verträumte Junge in der Sommerfrische, weit weg von der Hauptstadt Port-au-Prince. Kaum angekommen auf dem ländlichen Anwesen, begrüsst er seine Freunde dort: "Hallo Mangobaum, hallo Jasmin, hallo Ylang-Ylang, hallo Libellen, hallo Fluss". Er gibt sich ganz der tropischen Inselnatur hin, beobachtet tierische Paarungen und die Lust der Pflanzen. "Sie standen den Vögeln in nichts nach: Verflechtungen wurden gelöst, andere geknüpft, wie eine Opfergabe an das Tagesgestirn liessen Blumen ihre erigierten Stempel emporschnellen."
Konträre literarische Einflüsse
Mit sieben Jahren erlebt Jean-Raoul seinen ersten Orgasmus, vom Autor in üppigen Metaphern beschrieben, die noch in der deutschen Übersetzung wild schillern. Streckenweise erinnert de Drouillards Stil an den Magischen Realismus des Kolumbianers Gabriel García Márquez, wenn auch mit homoerotischer Färbung.
Gleichzeitig spielt von seiner europäischen Prägung her die Kunst der Andeutung mit hinein, wie man es im Nouveau Roman des Franzosen Patrick Modiano findet. Auf dem erzählerischen Niveau dieser beiden gegensätzlichen Nobelpreisträger ist de Drouillard jedoch nicht.
Als Literaturwissenschaftler, Philosoph und Historiker widmete er sich eher der Forschung und Lehre als dem literarischen Schreiben.
Kosmopolit ohne Heimat
Der Schweizer "Onkel", der Jean-Raoul nach der Ermordung seiner Eltern aus dem Haiti des Diktators Duvalier gerettet hatte, spielt im Roman eine zentrale Rolle. Er ist Jude, Arzt, verkehrt in den besten Kreisen und tut alles für seinen Schützling, "ein schwarzes ... und jüdisches Kind!", wie er sagt.
Für dieses Kind ist die Ankunft in der Schweiz ein Schock. Die Menschen kommen ihm vor wie "Humanoiden": "robustes, zielstrebiges, ruckartiges, konditioniertes Vorgehen. (...) Eine klar umrissene, asketische Welt, aller Unordnung, Intuition und Freude beraubt, die ich bis dahin gekannt hatte".
Umso mehr hängt Jean-Raoul an seiner einzigen Bezugsperson in dieser neuen, kalten Welt. Die ambivalente Beziehung der beiden ist wohl das Interessanteste im Roman. Einerseits wehrt sich der verwaiste Junge gegen die erdrückende Zuneigung seines Retters und provoziert ihn betont höflich mit der Anrede "Monsieur". Andererseits fühlt er sich ungeliebt und verraten, als er von Basel weggeschickt wird in ein französisches Elitegymnasium.
Gerade dies erweist sich dann aber als Möglichkeit zur Emanzipation und markiert den Beginn eines eigenen Weges, der im Buch nur noch ansatzweise erzählt wird. Kaum erwachsen, verliert Jean-Raoul seinen Beschützer und erfährt an dessen Sterbebett von seiner wahren Identität.
Autor Jean-Raoul Austin de Drouillard ist nicht nach Haiti zurückgekehrt. Sein Erwachsenenleben war kosmopolitisch; er unterrrichtete an verschiedenen Universitäten in Frankreich, Kanada und Botswana. Seine letzten Jahre verlebte er in Botswana und zeitweise in Basel.*
*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

















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