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Kunstraub-Serie "La linea della Palma" führt von Palermo ins Tessin
In der Schweiz fehle das Wissen über die Mafia, sagt Maria Roselli, Co-Drehbuchautorin von "La linea della palma". Die TV-Serie folgt einer Journalistin bei ihrer Recherche zu einem Kunstraub in Sizilien, der mit der Geschichte ihres Vaters verwoben scheint.
"Mafia", sagt Maria Roselli, "ist nicht Al Pacino aus 'Godfather'". Die organisierte Kriminalität habe heute ganz andere Gesichter, oft ziehe sie bei ganz normal wirkenden Geschäften die Fäden. Und in der Schweiz werde das noch allzu oft nicht erkannt. "Die Schweizer konnten keine Antikörper gegen die Mafia entwickeln", zeigt sich die Investigativjournalistin und Mafia-Expertin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA überzeugt.
Für die Arbeit am Drehbuch konnte Maria Roselli für einmal auch Phantasie walten lassen - aber nur in begrenztem Masse: "Die Serie hält sich grösstenteils an die Fakten der italienischen Polizei zum Raub des Caravaggio-Gemäldes in Palermo im Jahr 1969."
Tatsächlich dreht sich schon die Eröffnungsszene der ersten Folge der sechsteiligen Serie um den Raub selber. Scheinbar mühelos brechen Männer in die Kirche San Lorenzo ein, lösen die Leinwand aus dem Holzrahmen und flüchten im Auto durch die nächtlichen Strassen Palermos.
Blick auf ein anderes Tessin
"Der Raub der 'Natività' ging tatsächlich so über die Bühne", erzählt Roselli. Sie habe gemeinsam mit ihren Co-Autoren Mattia Lento und Headwriter Thomas Ritter einen Krimi schreiben wollen, "der unterhaltsam, aber nicht abstrus ist". Regie führte der Tessiner Fulvio Bernasconi.
Die von Hugofilm in Zusammenarbeit mit RSI und Arte produzierte Serie stellt die Investigativjournalistin Anna in den Mittelpunkt. Recherchen zum frühen Tod ihres Vaters führen sie zum berühmten Kunstraub und immer mehr zeigt sich, dass die Geschichte ihrer Familie eng mit dem Verschwinden des Caravaggio-Bildes verwoben ist und namhafte Persönlichkeiten Luganos die Finger mit im Spiel hatten.
Anders als in manch anderen Schweizer Film- oder Serienproduktionen wird man als Zuschauerin und Zuschauer in "La linea della palma" immer wieder regelrecht überrascht. Die Geschichte ist packend erzählt und das Tessin wird für einmal nicht in kitschigen Ferienfarben, sondern als Ort mit Abgründen gezeigt: Da ist ein aufgewühlter Luganersee unter grauen Wolken, der bald einen Toten preisgibt. Und da sind wortkarge Bankdirektoren und Kunstsammler, die an Champagnergläsern nippen und und keine kritischen Fragen mögen.
Die Schauspieler stammen grösstenteils aus Italien mit Ausnahme von Esther Gemsch, die für ihre Darstellung der Duchessa den Jurypreis der Solothurner Filmtage erhält. Die Bernerin zeichne "eine tiefgründige und komplexe Figur", schreiben die Verantwortlichen - ein Lob, das sich auf die anderen Darsteller übertragen lässt.
Insbesondere Hauptdarstellerin Gaia Messerklinger zeigt eine Anna, deren Zerrissenheit zwischen beruflichem Ethos und persönlichem Schmerz sehr realistisch wirkt. Annas Erinnerungen an eine schöne Kindheit kontrastieren je länger je mehr mit den Puzzleteilen ihrer Recherche.
Schweiz als Raubkunst-Drehscheibe
Begleitend zur Serie hat Roselli zusammen mit Olmo Cerri ihre früheren Recherchen in einem fünfteiligen Podcast aufbereitet. "Il furto del Caravaggio" - "Der Raub des Caravaggio" - lässt Journalisten, Politiker und Kunstexperten zu Wort kommen. Der Kunsthändler sei "ein Süchtiger", heisst es da zum Beispiel. Ähnlich wie ein Drogenabhängiger brauche er immer wieder neue Kunst und überschreite dafür womöglich auch Grenzen.
Galeristen im Tessin hätten oft Raubkunst gekauft, sagt Roselli. Denn bis vor 21 Jahren lag die Verjährung eines Kunstdiebstahls bei fünf Jahren. Nach Ablauf dieser Frist tauchte ein Kunstwerk plötzlich auf, das Delikt war verjährt und das Kunstwerk so "reingewaschen", wie die Journalistin sagt. Seit 2005 können rechtswidrig in die Schweiz eingeführte Kulturgüter bis 30 Jahre später zurückverlangt werden. Daduch wird der illegale Kunsthandel erschwert.
Der Serientitel "La linea della palma" geht auf ein Zitat von Leonardo Sciascia zurück. Vom sizilianischen Schriftsteller wird gesagt, er sei der erste gewesen, der sich literarisch mit der Mafia auseinandergesetzt habe, und zwar mit seinem 1961 erschienen Buch "Il giorno della civetta" ("Der Tag der Eule").
So heisst es zu Beginn und am Ende der Serie: "Durch die Erderwärmung verschiebt sich die Wachstumsgrenze der Palmen nach Norden – ebenso verschiebt sich Jahr für Jahr die Linie der Mafia in Richtung Norden. In einigen Jahren werden wir Palmen auch dort wachsen sehen, wo sie heute noch nicht existieren."















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