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Keystone-SDA | Freitag, 28. August 2026

Marc Lüthis Mission beginnt an einem symbolträchtigen Ort

Marc Lüthi übernimmt das Präsidium des Schweizerischen Eishockeyverbandes. Bei seinem ersten Auftritt fordert der 65-Jährige Einigkeit und erklärt, wie er die Gräben im Eishockey überwinden will.

Als Marc Lüthi für ein Foto posiert, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. An der Wand hinter ihm hängen Bilder von Legenden Fribourg-Gottérons. Slawa Bykow. Andrei Chomutow. Mario Rottaris. Ausgerechnet er, der Mister SCB schlechthin der letzten Dekaden, lässt sich mit Sujets ablichten, die er mit seinem SCB-Herz eigentlich meiden würde wie der Teufel das Weihwasser.

Doch Marc Lüthi ist an diesem Freitagvormittag nicht als Mister SCB in die Arena von Fribourg-Gottéron gekommen, sondern als neu gewählter Verwaltungsratspräsident des Schweizerischen Eishockeyverbandes. Am Donnerstag wurde der langjährige CEO des SC Bern an einer ausserordentlichen Generalversammlung der SIHF als Nachfolger von Urs Kessler bestätigt. Seit Monaten war es in der Szene ein offenes Geheimnis, dass Lüthi nach dem abrupten Abgang Kesslers nach der Heim-WM in die Fussstapfen des früheren CEO der Jungfraubahnen treten soll. Und doch ist es noch ein gewöhnungsbedürftiges Bild, Lüthi nicht mehr vor dem schwarz-gelb-roten Logo mit dem Bären zu sehen, sondern dem rot-weissen des Verbandes.

"Nicht Liebe auf den ersten Blick"

Lüthi, der frühere TV-Kommentator, war schon immer ein gewiefter Kommunikator. Einer, der sich nicht vor Konflikten scheute, der aber auch wusste, wie er Menschen für sich und seine Ideen gewinnen kann. Und so überrascht es auch nicht, steckt eine gewisse Symbolik dahinter, dass die SIHF ihren neuen Verwaltungsratspräsidenten in Fribourg vorstellt, in den Räumlichkeiten seines "Ex-Lieblingsfeindes", wie es Lüthi mit einem Lachen sagt.

Im Schweizer Eishockey hätten sich in den letzten Jahren immer wieder Gräben geöffnet zwischen der Liga, dem Verband und den Amateurvereinen, sagt Lüthi. Nun soll Fribourg, der Ort am Röstigraben, symbolisch dafür stehen, dass diese Gräben zugeschüttet werden. "Unité" sei zentral, sagt Lüthi, der aber abgesehen von gewissen Schlagwörtern nicht unglücklich darüber ist, seine Ausführungen in Berndeutsch halten zu können. Er weiss, dass er gerade als CEO des SC Bern immer wieder eine der lautesten Stimmen hatte, wenn es darum ging, den Verband für seine Tätigkeiten zu kritisieren - sei es bezüglich der Regelung für ausländische Spieler oder der nach wie vor ungelösten Problematik zur Stellung und Zukunft der zweithöchsten Liga Swiss League. "Nun bin ich auf der anderen Seite, und wir packen das an."

Der Tatendrang in seinen Worten ist spür- und hörbar. Allerdings verhehlt Lüthi nicht, dass er es sich einen Moment lang habe überlegen müssen, als sein Handy quasi unaufhörlich geklingelt habe und ihn auf der anderen Seite der Leitung Personen davon überzeugen wollten, die Führungsposition im Verband zu übernehmen. Mit zwei Kollegen hat Lüthi unlängst eine Beratungsfirma für Unternehmen gegründet, um diese strategisch zu begleiten. Und tatsächlich sei er gerade mit seinen Geschäftspartnern auf Ibiza gewesen, als es mit dem Eishockeyverband langsam konkreter geworden sei. "Es war nicht liebe auf den ersten Blick, und ich kann mir gut vorstellen, wie sich Marc-Anthony gefühlt haben muss, als ich als Kandidat vorgeschlagen wurde."

"Einer, der nach Hockey riecht"

Marc-Anthony ist Marc-Anthony Anner. Er ist im Verband als Vizepräsident für Nachwuchs- Amateur- und Frauensport zuständig und war in dieser Funktion schon oft mit Lüthi in Diskussionen verwickelt. Zuletzt führte der 57-Jährige den Verband bereits zum zweiten Mal interimistisch. Auch Anner hatte keine ruhigen Nächte, als die SIHF am 1. Juni plötzlich ohne Verwaltungsrätspräsident dastand. Bald einmal schwenkten seine Gedanken aber doch zu Marc Lüthi. Weil er in ihm nicht einfach einen aufmüpfigen Deutschschweizer sah, sondern vor allem auch einen Eishockeyfachmann, der das Geschäft seit fast 30 Jahren kennt; einen exzellenten Kommunikator mit einem grossen Netzwerk; und einen Mann, dem die Zukunft des Schweizer Eishockeys am Herzen liegt. "Ich fragte mich, welche Chancen sich bieten, wenn Marc im Verband arbeitet", sagt Anner. "Und ich glaube, diese Chancen sind gross und vielfältig."

Lüthi wurde in den Medien immer wieder als "Hoffnungsträger" dargestellt, als der Letzte, der das Schweizer Eishockey noch in eine erfolgreiche Zukunft führen kann. Der 65-Jährige mag diese Bezeichnung aber nicht. "Das ist ja tragisch, wenn es wirklich so wäre", sagt er und gibt zu, dass er überhaupt nicht vorgesehen habe, im Verband in diese Rolle zu schlüpfen. "Ganz und gar nicht. Ich dachte, Urs Kessler macht das vier Jahre." Lüthi weiss, dass er seinen Vorgängern Kessler und dem früheren Handball-Nationalspieler Stefan Schärer viel voraus hat, gerade was Hockey-Knowhow angeht. "Ich komme weder aus dem Handball noch direkt aus der Wirtschaft. Ich bin einer, der nach Hockey riecht, und viel kann mich nicht schocken."

100 Tage für die Analyse

In den nächsten 100 Tagen will sich der neue Präsident Zeit nehmen, den Verband von innen kennenzulernen. Auch wenn er registriert hat, dass medial bereits darüber spekuliert wurde, wer in der SIHF nun um seinen oder ihren Job fürchten müsse, will Lüthi nichts überstürzen, sondern sich in aller Ruhe ein vollständiges Bild machen. "Ich komme nicht mit einem 10-Punkte-Plan. Mein Job ist es, zusammenzufügen. Ich will, dass man miteinander redet - und zwar nicht hinten herum, sondern fadegrad." Lüthi sagt, er beginne seine Arbeit auf einer leeren, grünen Wiese. "Wir Schweizer sind doch Weltmeister im Kompromisse finden. Diesen Weg müssen wir gehen." Zeithorizont für konkrete Umsetzungen seiner Ideen will sich Lüthi jedoch bewusst keinen setzen. Er habe beim SCB gelernt, dass ihm solche Dinge dann sonst nur wieder um die Ohren fliegen würden. "Wir müssen nicht die Quadratur des Kreises machen. Wir müssen es einfach gut machen."

42 Klubs votierten am Donnerstag für Lüthi, sechs gaben ihm die Stimme nicht. Lüthi sagt, er habe mit grösserer Ablehnung gerechnet, "aber ich bin vor allem froh, dass es nicht nordkoreanisch einstimmig lief. Ich freue mich darauf, sie nun mit meiner Arbeit auch noch überzeugen zu können."

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