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Keystone-SDA | Montag, 21. September 2026

Marlen Reusser sorgt am 35. Geburtstag für Novum

Marlen Reussers Goldfahrt im längsten Frauen-Zeitfahren der WM-Geschichte gleicht einer Machtdemonstration. Für die Bernerin ist der neuerliche Triumph aber alles andere als selbstverständlich.

Am Ende sieht es eindeutig aus. Marlen Reusser gewinnt an ihrem 35. Geburtstag in Montreal das längste Frauen-Zeitfahren der WM-Geschichte und nimmt der zweitplatzierten Britin Zoe Bäckstedt auf den knapp 40 km gleich 40 Sekunden ab. Nach ihrem Triumph vor einem Jahr in Ruandas Hauptstadt Kigali krönt sich die Bernerin erneut zur verdienten Weltmeisterin.

Ein Selbstläufer? Keineswegs, findet Reusser. "Viele waren zuversichtlich, dass ich sowieso gewinne. Ich nicht so", sagte sie nach ihrer Goldfahrt. Zwar wusste die Titelverteidigerin um ihre gute Verfassung. "Ich habe eine gute Form und bin mega happy, dass das aufgegangen ist." Eine Garantie war das für sie jedoch nicht.

Dafür gab es Gründe. Reusser war zwar als grosse Favoritin ins Rennen gegangen, der Parcours in Montreal war ihr aber nicht auf den Leib geschneidert. Der weitgehend flache Kurs verlangte mit seinen vielen Richtungswechseln und dem teilweise von Schlaglöchern gezeichneten Asphalt fahrtechnisch einiges ab. Reusser hätte eine Strecke mit einer Kombination aus flachen Passagen und Anstiegen bevorzugt.

"Ich bin nicht die beste Kurvenfahrerin, aber ich habe diese Aufgabe nicht schlecht gelöst", sagte die Bernerin. Dass sie auch auf einem Parcours triumphierte, der ihr nicht besonders entgegenkam, unterstreicht ihre Ausnahmestellung in dieser Disziplin. Seit ihrer Aufgabe an der WM 2023 im schottischen Stirling (wegen einer mentalen Blockade) hat Reusser jedes flache Zeitfahren gewonnen, zu dem sie angetreten ist.

Das Einzelzeitfahren als Gemeinschaftsprojekt

Der Name Einzelzeitfahren suggeriert eine einsame Angelegenheit. Im Kampf gegen die Uhr ist Reusser auf ihrer Zeitfahrmaschine praktisch auf sich allein gestellt. Den Weg zum Erfolg sieht die gelernte Ärztin, die erst spät Berufssportlerin wurde, hingegen als Gemeinschaftsprojekt.

"Ich wäre nie im Leben hier, wo ich jetzt bin, wenn ich nicht all meine Leute hätte. Das ist keine Floskel, das ist die Wahrheit", sagte die nun zweifache Weltmeisterin im SRF-Interview. Besonders hob sie ihren Partner und Trainer Henrik Werner hervor. "Er macht so viel mit mir und steht mir so stark zur Seite."

Auch Nationaltrainer Edi Telser erhielt einen besonderen Dank. "Er investiert seit so vielen Jahren so viel. Er ist ein Herzensmensch", sagte Reusser. Ebenso erwähnte sie ihre Freundin Simone und ihre Familie. Als auf dem Podium die Schweizer Hymne erklang, wurde die sonst so reflektierte Bernerin emotional.

Die vielen Menschen im Hintergrund sind für Reusser ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs. "Man arbeitet sehr darauf hin, man investiert viel. Wenn das alles klappt, dann ist das mega speziell", sagte sie. Umso schöner sei es, den Menschen, die sie unterstützten und anfeuerten, mit einem solchen Erfolg etwas zurückgeben zu können.

Vielleicht passt dazu auch, dass sich Reussers Verhältnis zum Zeitfahren verändert hat. Lange verband sie mit ihrer Paradedisziplin eine Art Hassliebe. Inzwischen habe das Zeitfahren für sie an Reiz gewonnen, erzählte sie vor der WM. Das neue Velo, die Arbeit an Position und Pacing, das Tüfteln an unzähligen Details - Reusser bezeichnete das Ganze als spannendes Projekt.

Versöhnlicher Höhepunkt einer schwierigen Saison

Der zweite WM-Titel ist zugleich ein versöhnlicher Höhepunkt einer Saison, die Reusser einiges abverlangt hat. Schon im Februar stürzte sie bei der UAE Tour bei hohem Tempo und verletzte sich an Schulter und Knie. Im April folgte bei der Flandern-Rundfahrt der nächste schwere Rückschlag mit einem Wirbelbruch.

Auch danach blieb es turbulent. Beim Giro d'Italia mischte Reusser zunächst vorne mit, ehe ein weiterer Sturz und körperliche Beschwerden sie zurückwarfen. Bei der Tour de France trug sie während drei Tagen das gelbe Leadertrikot und durfte vom Gesamtsieg träumen. Am Ende brach sie ein, stürzte auf der Schlussetappe erneut und fiel noch auf den 14. Gesamtrang zurück.

Nach der Tour war Reusser nach eigenen Angaben komplett leer. Sie brauchte eine Pause, ehe allmählich die Freude am Velofahren zurückkehrte. Nun steht am Ende dieses beschwerlichen Weges wieder das Regenbogentrikot.

Ein Novum zum 35. Geburtstag

Und Reusser schrieb dabei ein kleines Stück Radsportgeschichte. Als erste Frau gewann sie bei Strassenrad-Weltmeisterschaften an ihrem Geburtstag Gold in einer Einzeldisziplin. Bei den Männern war dies 1996 dem Belgier Johan Museeuw gelungen, der an seinem 31. Geburtstag in Lugano Strassen-Weltmeister wurde.

Viel Zeit zum Feiern bleibt allerdings nicht. Reusser bieten sich in Montreal noch zwei weitere Chancen auf WM-Gold. Am Dienstag ist sie im Mixed-Teamzeitfahren als Lokomotive des Schweizer Teams gefordert, am Samstag folgt zum Abschluss das Strassenrennen. Ein Triumph dort hätte für die Bernerin einen besonderen Reiz: Das begehrte Regenbogentrikot könnte sie 2027 nicht nur bei den wenigen Zeitfahren, sondern während der gesamten Saison auch bei den zahlreichen Strassenrennen tragen.

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