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Mehr organisierter Betrug bei Sozialversicherungen in St. Gallen
Die St. Galler Staatsanwaltschaft sieht sich mit immer mehr Arbeit konfrontiert. Gleichzeitig wurde personell aufgestockt. Immer häufiger beschäftigen die Staatsanwaltschaft Fälle von kriminellen Organisationen aus dem Ausland, die systematisch Sozialversicherungen ausnutzen.
Die Fallzahlen steigen und steigen, ebenso die Pendenzen. Und das nicht zum ersten Mal. Mit diesen Worten liesse sich der Geschäftsbericht 2025 der Staatsanwaltschaft kurz und knapp zusammenfassen. Hinter den blossen Zahlen, darunter eine gesamthafte Zunahme der Fallzahlen um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, verbirgt sich allerdings weit mehr.
"Kriminelle Organisationen haben zunehmend die systematische Ausnutzung der Schweizer Sozialversicherungen entdeckt", heisst es in einer begleitenden Mitteilung zum Geschäftsbericht, welchen unter anderem der Erste Staatsanwalt Christoph Ill am Donnerstag vor den Medien vorstellte. In jüngerer Zeit würden vermehrt ausländische Familienclans und organisierte kriminelle Gruppen in Erscheinung treten.
Ramona Dobler ist als Staatsanwältin spezialisiert auf Sozialversicherungsbetrug. "Früher war es eher der Einzeltäter, der vorgab, einen Unfall oder eine Krankheit zu haben", sagte Dobler anlässlich der Vorstellung des Geschäftsberichts zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. In den letzten Jahren habe eine Entwicklung weg vom Einzeltäter hin zu organisierten Gruppierungen stattgefunden.
Rund 600'000 Franken erschlichen
Gemäss Dobler konnte folgendes Muster beobachtet werden: Eine Person rekrutiert mehrere Leute. Diese besorge den Leuten einen Job, zeige ihnen, wie man Unfälle simuliere und anschliessend via einen Arztbesuch unter der Vortäuschung von Krankheitssymptomen an Leistungen von Sozialversicherungen komme. "Das System ist aus dem näheren europäischen Umfeld erkannt worden und wird entsprechend auch ausgenutzt."
Vor allem Gruppen aus Süd- und Osteuropa nutzten den freien Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt, um so an Renten und Taggelder aus Unfall-, Invaliden- oder Arbeitslosenversicherung zu gelangen. Im Geschäftsbericht ist ein konkreter Fall zu diesem relativ neuen Phänomen beschrieben. Im Dezember 2025 hat das Kreisgericht Rheintal einen portugiesischen Haupttäter sowie 14 Mittäterinnen und Mittäter verurteilt.
Während drei Jahren meldeten sie mehr als zwei Dutzend fingierte Arbeitsunfälle an Ärzte und Arbeitgeber. Dadurch kamen rund 600'000 Franken an Unfalltaggeldern zusammen, die zu Unrecht bezogen wurden. Der Haupttäter erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren sowie einen Landesverweis von 14 Jahren.
Die Mittäterinnen und Mittäter wurden national und international zur Verhaftung ausgeschrieben. Sie wurden in Untersuchungshaft genommen und zu Freiheitsstrafen bis zu zwölf Monaten sowie Landesverweisen bis zu acht Jahren verurteilt.
Personalaufstockung geht voran
Generell steht die St. Galler Staatsanwaltschaft einem steigenden Berg an Fallakten gegenüber. Während über alle Bereiche hinweg die Verfahren um fünf Prozent zunahmen, waren es bei der Jugendanwaltschaft gemäss dem Geschäftsbericht sogar 5,7 Prozent. Bei den Untersuchungsämtern gab es letztes Jahr 53'613 Eingänge, 2024 waren es noch 51'077.
Die Untersuchungsämter erledigten vergangenes Jahr 18'778 Verfahren. Der Grossteil davon, 13'080, geschah über Strafbefehle. Dazu kamen 2125 Einstellungen, 2901 Nichtanhandnahmen und 672 Anklagen. 2024 waren es 16'676 erledigte Verfahren.
"Wir sind sehr froh, dass das Parlament 2024 entschieden hat, dass die Staatsanwaltschaft in drei Etappen ausgebaut werden soll", sagte Christoph Ill. Die erste Etappe sei umgesetzt und die zweite Aufstockung laufe. "Wir hoffen sehr, dass auf 2027 hin die dritte Etappe umgesetzt werden kann und damit adäquat auf die Entwicklung der Verfahrenseingänge und auf die Zunahme der Arbeit im Verfahren selber reagiert werden kann."
Ill plädierte an der Medienkonferenz zudem für eine verstärkte Zusammenarbeit der Staatsanwaltschaften der einzelnen Kantone. Ermittlungen in hochspezialisierten Bereichen, etwa der Cyberkriminalität, seien mittlerweile derart anspruchsvoll, dass sie von kleinen Staatsanwaltschaften kaum mehr geleistet werden könnten.
Nachfolge von Ill bereits geregelt
"Ich sehe überregionale Zusammenschlüsse in spezialisierten Bereichen als unerlässlich", sagte Ill weiter. "Dort gäbe es keine Kantonsgrenzen mehr, sondern beispielsweise eine Strafverfolgungsbehörde Wirtschaftsdelikte Ostschweiz". Dazu wären Gesetzesänderungen notwendig. Alltagsdelikte hingegen sollten weiterhin von den kantonalen Staatsanwaltschaften bearbeitet werden.
Christoph Ill stellte den Geschäftsbericht zum letzten Mal vor. Am Donnerstagmorgen hatte das Sicherheits- und Justizdepartement mitgeteilt, dass mit der 44-jährigen Linda Sutter auf Anfang Dezember eine neue Erste Staatsanwältin gewählt worden ist. Ill wäre bereits Ende März ordentlich pensioniert worden. Sein Mandat wurde jedoch bis Ende November verlängert.


















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