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Nach dem Rückschlag will Hügli zurück auf Rekordkurs
Nach der Enttäuschung im EM-Final möchte Speerwerferin Leonie Hügli am Freitag an der Athletissima in Lausanne wieder brillieren. Ohnehin ist ihr Leistungssprung erstaunlich.
Als hätte Leonie Hügli eine Vorahnung gehabt, sagte sie im Vorfeld der EM in Birmingham im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf ihre Ambitionen angesprochen: "Es ist meine erste EM, es kann so viel anders kommen, als man denkt." Zu ihrem Leidwesen sollte diese Aussage im Final Realität werden. Nachdem der 21-jährigen Bernerin in der Qualifikation mit dem Schweizer Rekord von 62,33 m der weiteste Wurf gelungen war, passte im Final gar nichts mehr zusammen. Mit 54,55 m schaute bloss der 10. Platz heraus. Mit ihrer Weite zwei Tage zuvor hätte sie Silber gewonnen.
Danach sprach Hügli davon, etwas geschockt zu sein, sie konnte sich den schwachen Auftritt nicht erklären. Sie sagte aber auch, dass sie das Positive mitnehmen werde. Vor der Saison hätte sie mit Sicherheit für den 10. Rang in Birmingham unterschrieben - schliesslich legte sie einen aussergewöhnlichen Leistungssprung hin. Mit einer Bestweite von 51,98 m ins Jahr gestartet, übertraf sie am 17. Mai am Werfermeeting im westfälischen Halle mit 61,94 m als erste Schweizerin die 60-m-Marke. Das gelang ihr in der Folge noch drei weitere Male in einem Wettkampf, womit sie unterstrich, dass es keine Eintagsfliege war und sie in eine neue Sphäre vorgedrungen ist.
Die Schlüssel zum Leistungssprung
Doch wie ist diese massive Steigerung zu erklären? Ein Punkt ist der verbesserte Anlauf. Dieser war zuvor weder schnell, noch sah er gut aus. Dabei kommt die im Anlauf generierte Geschwindigkeit direkt dem Wurf zugute. Bestimmte Zahlen entsprächen einer Distanz, erklärt Hügli. "Es war auch wichtig, dabei eine Konstanz hinzubekommen, denn es braucht eine gute Basis, um dann auch den Wurf selber noch verbessern zu können."
Neben der Schnelligkeit steigerte sie auch ihre Kraft, speziell im Oberkörper. Dadurch sind nun die Oberkörper- und die Beinkraft besser aufeinander abgestimmt. "Nun funktioniert das auch besser zusammen", so Hügli. "Wir haben ein Muster gefunden, das stabiler ist als auch schon. Es fällt nicht gerade alles auseinander. Und ich fühle mich auch sehr fit."
Hügli erwähnt auch ein sehr gutes Trainingslager im Winter auf Teneriffa. "Ich merkte dort, dass es langsam kommt, spürte die Positionen besser. In Halle hat es dann Klick gemacht. Ich habe das Gefühl, es war mental schon sehr entscheidend, die 60 m zu durchbrechen." Ab diesem Zeitpunkt sei man auch etwas freier im Kopf.
Das ist in der hochkomplexen Disziplin Speerwerfen essenziell. Ist der Speer nur schon zwei Grad zu steil angestellt, gehen Meter verloren. Jedoch gilt es, trotz vieler wichtiger Details nicht zu viel zu überlegen, sondern eine gewisse Lockerheit zu bewahren. Um das hinzubekommen, braucht es viele Wiederholungen der Bewegungen. Beim Automatisieren hilft Hügli eine in der Schweiz einmalige Speerwurf-Maschine mit einem neun Kilogramm schweren Wurfschlitten, die auf dem Dachboden eines alten Bauernhauses steht. Dort simuliert sie einmal pro Woche rund 100 Würfe, wodurch sie beim Werfen nun auch viel mehr Zug hat.
Baumeister der Maschine ist ihr langjähriger Trainer Bruno Schürch, der bei ihrem Heimatverein LC Kirchberg tätig ist. Einmal pro Woche trainiert Hügli zudem in Bern und hie und da beim mehrfachen irischen Olympiateilnehmer Terry McHugh. Hügli hat gemäss eigener Aussage bereits mit fünf Jahren mit der Leichtathletik begonnen, ihr erstes Speerresultat auf den Bestenlisten von Swiss Athletics erscheint im Jahr 2017, als sie zwölf Jahre alt war. Als ihre Trainer ihr dann später vorschlugen, Speer weiterzuverfolgen, "war ich Feuer und Flamme". Seit 2020 macht sie nur noch diese Disziplin.
Neue Möglichkeiten für Hügli
Hügli hat eine KV-Lehre abgeschlossen und arbeitet seither zu 90 Prozent als Kauffrau - allerdings nur noch bis Herbst. Danach absolviert sie die Spitzensport-RS, ehe sie ihr Pensum auf 50 Prozent reduzieren wird. "Dank den Erfolgen, die ich feiern durfte, tun sich nun Möglichkeiten auf, die vorher nicht vorhanden waren. Deshalb organisiere ich nun alles neu", sagt Hügli.
Die Perspektiven scheinen also viel versprechend zu sein, Druck machen möchte sie sich allerdings nicht. "Wir sind auf dem richtigen Weg. Ich versuche nun, die Erlebnisse mitzunehmen und zu geniessen." Am Freitag steht an der Athletissima in Lausanne ein weiterer Höhepunkt an. Dann will Hügli wieder zeigen, was sie kann. Und wer weiss, vielleicht ist sie dann ja positiv geschockt.

















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