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Ostschweizer Suchtexperte warnt vor ausländischen Sportwetten
Sportliche Grossveranstaltungen wie die Fussball-WM können zu mehr Sportwetten animieren. Das birgt Risiken, denn die jüngsten Zahlen des Bundes deuten auf eine generelle Zunahme der Probleme mit Geldspielen hin. Ein Ostschweizer Suchtexperte spricht im Interview über die Sensibilisierungskampagne "Game Changer" Kantone.
Etwa 4,3 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren weist einen problematischen Geld- und Glücksspielkonsum auf. Alleine für lizenzierte Angebote werden in der Schweiz rund zwei Milliarden Franken pro Jahr ausgegeben. Zusätzlich fliessen gemäss der Stiftung Sucht Schweiz viele Millionen Franken jährlich über ausländische und teils illegale Online-Casinos ins Ausland.
Mit der Kampagne "Game-Changer" der Kantone soll Menschen mit Geldspielsucht niederschwellig Hilfe angeboten werden. Insbesondere im Hinblick auf die laufende Fussball-WM, die viele junge Männer zu Sportwetten verleiten könne, warnt die Kampagne vor den oft unterschätzten Risiken von Sportwetten.
Matthias Weber ist Dozent an der Ostschweizer Fachhochschule Ost in St. Gallen und organisierte die Kampagne mit. Er leitet seit 2023 das interkantonale Präventionsprogramm "Spielen ohne Sucht" für die Ostschweiz und das Fürstentum Liechtenstein und spricht im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über illegale ausländische Wettanbieter, warum besonders junge Männer gefährdet sind und wo sich Spielsüchtige Hilfe holen können.
Was ist derzeit die grösste Herausforderung im Bereich der Spielsucht?
Matthias Weber: Eine der aktuellen Herausforderungen aus Sicht der Prävention und Früherkennung ist die boomende Sportwetten-Branche. Weltweit steigen die Umsätze und es gibt immer mehr Wettmöglichkeiten. In der Schweiz gibt es mit Swisslos ein legales und gut kontrolliertes Angebot. Dennoch gewinnen ausländische Wettanbieter wegen fehlender Regulierung und mangelndem Spielerschutz zunehmend an Boden. Obwohl sie eigentlich nicht zugelassen sind, ist der Zugang zu diesen ausländischen Plattformen für Nutzer einfach. Dafür braucht es nur wenige Klicks und ein VPN.
Welche Gruppe ist bei Sportwetten besonders gefährdet?
Vor allem junge Männer bis 25 Jahre stellen eine wichtige Risikogruppe dar. Sportwetten werden gezielt auf junge Männer ausgerichtet. Die Werbung spricht ihre Risikobereitschaft an: Über Fussball, Fanleidenschaft und das Gefühl, mit Sportkenntnissen reich werden zu können. Die Produkte und die Werbung sind teils sehr zielgerichtet auf diese Zielgruppe zugeschnitten und zunehmend allgegenwärtig.
Wie funktioniert die gezielte Ansprache?
Die Werbung verknüpft Sportwetten direkt mit der Unterstützung des Sports und der eigenen Fanleidenschaft. Man soll das Gefühl bekommen, mit Fachwissen erfolgreich wetten zu können.
Warum wird gegen illegale Angebote nicht konsequenter vorgegangen?
Die Schweiz hat bereits ein sehr restriktives Gesetz. Dennoch wäre aus meiner Sicht mehr Jugendschutz nötig. Werbung darf Jugendliche eigentlich nicht direkt ansprechen, doch in der Praxis werden Jugendliche und junge Erwachsene zumindest indirekt erreicht und sehen diese Werbung oft. Wenn man ein Fussballspiel schaut, kommt man kaum um die Werbung für ausländische Wettanbieter herum.
Darf man in der Schweiz überhaupt bei ausländischen Anbietern spielen?
Nur in der Schweiz lizenzierte Anbieter dürfen legal Geldspielprodukte anbieten. Als Endnutzer macht man sich zwar nicht strafbar, wenn man bei ausländischen Anbietern spielt, hat bei Problemen jedoch keinerlei rechtliche Handhabe. Man kann sich bei Problemen nicht einfach an eine Verbraucherschutzstelle wenden oder seinen Gewinn einklagen. Zudem fehlen gesetzlich vorgeschriebene Spielerschutzmechanismen, und es besteht das Risiko, dass Gewinne im Rahmen eines Strafverfahrens gegen den Anbieter eingezogen werden.
Wo wird für ausländische Sportwetten geworben?
Werbung dafür gibt es vor allem auf Social-Media-Kanälen und dort gezielt für junge Männer. Diese Art der Werbung ist leider nicht oder nur schwer zu reglementieren. Aber auch Swisslos wirbt stark für sein Sporttipp-Angebot, was für Menschen mit Geldspielproblemen ebenfalls problematisch sein kann.
Stichwort Swisslos: Welche Schutzmechanismen kommen dort zur Anwendung, um Menschen mit Spielsucht zu unterstützen?
Bei Swisslos gibt es das gesetzlich vorgeschriebenes Spielerschutzkonzept, das wir grundsätzlich begrüssen. Bei Spielverhalten, das Anzeichen für eine Sucht zeigt, werden die Spieler angesprochen und zudem teils aufgefordert, Einkommensnachweise zu erbringen. Damit soll überprüft werden, ob sich jemand um Kopf und Kragen spielt oder ob sein Einkommen tatsächlich ausreicht für die Geldspiele, die er tätigt.
Wie sieht das bei den ausländischen Sportwettenanbietern aus?
Solche Schutzmechanismen gibt es bei den meisten ausländischen Anbietern nur entsprechend deren nationalen Vorgaben - bei illegalen Angeboten meist gar nicht. Die Geldspielindustrie möchte mit ihren Produkten möglichst viel Geld verdienen, weshalb diese gezielt spielaffine und damit auch suchtgefährdete Personen ansprechen.
Gibt es eine Tendenz, dass während grosser Sportereignisse wie der Fussball-WM die Spielsucht ansteigt?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Klar ist jedoch, dass viele Sportgrossereignisse weltweit als riesiger Markt für umfassende Sportwettangebote genutzt werden und so ein Risiko für eine Suchtentwicklung darstellen.
Junge Männer sind eine Risikogruppe, gibt es weitere Risikofaktoren?
Ja, die gibt es. Dazu gehören Migrationshintergrund, der Konsum von Substanzen wie Alkohol oder Drogen, aber auch Tabakrauchen erhöhen das Risiko für eine Spielsucht deutlich.
Warum genau ist Migrationshintergrund ein Risikofaktor?
Das hängt unter anderem mit kulturell unterschiedlichen Einstellungen zum Spielen um Geld zusammen. Teils sind Menschen mit Migrationserfahrung in einer anderen "Geldspielwelt" sozialisiert, so gibt es ausserhalb der Schweiz Bars und Geschäfte, in denen um Geld gespielt werden kann und die darüber hinaus wichtige soziale Funktionen haben.
Welche Präventionsmassnahmen würden Sie sich wünschen?
Wir brauchen auf der einen Seite mehr zielgruppengerechte Verhaltensprävention: Junge Menschen müssen frühzeitig angemessen über die Risiken und Suchtproblematik, die mit Sportwetten und allen anderen Geldspielprodukten verbunden sind, aufgeklärt werden. Auch stärkere Spielerschutzmassnahmen, etwa eine weitere Senkung von Einzahlungslimits, fänden wir sinnvoll. Deutliche Einschränkungen oder Verbote bestimmter Werbeformen wären aus Präventionssicht zielführend. So könnte erreicht werden, dass zum Beispiel Teenager dieser Werbung nicht mehr ausgesetzt sind. Als gutes Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang die Tabak- und Alkoholwerbung nennen, da ist eine Einschränkung auch gelungen - mit positiven Konsequenzen.
Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Sohn ein Spielsuchtproblem hat?
Am besten sollten sie sich beraten lassen, mit dem Teenager im Gespräch bleiben und sich gut informieren. Es gibt gute Helplines für Betroffene und Angehörige. Dort bekommt man konkrete Hilfe. Wichtig ist dabei zum Beispiel die Seite spielen-ohne-sucht.ch. Dort findet man auch Beratungsstellen vor Ort, Selbsttests, Nummern von Helplines und Online-Beratungsangebote.
Gibt es Selbsttests und was können Betroffene selbst tun?
Ja, Selbsttests helfen zu erkennen, ob das eigene Spielverhalten problematisch ist. Typische Warnsignale sind: das Gefühl, zu viel zu spielen, hohe Geldverluste, das Anlügen von Bezugspersonen oder sich Geld fürs Spielen zu leihen. Wichtig ist, sich bei Spielproblemen jemandem anzuvertrauen und sich Hilfe zu suchen. Als erste Massnahme kann man den eigenen Zugang zum Geld limitieren, etwa die Bankkarte an eine vertraute Person abgeben oder das Handy für eine Weile aus der Hand geben, damit man gar nicht erst spielen kann.
Warum fällt es vielen so schwer, Hilfe zu suchen?
Scham ist ein riesiger Faktor. Das Gefühl, etwas nicht im Griff zu haben, ist sehr stark. Es ist ein grosser Schritt, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat und sich jemandem anzuvertrauen. Wichtig ist dabei: Spielsucht ist mittlerweile eine anerkannte Suchterkrankung. Diese kann man sozial lange verbergen - anders als etwa bei der Alkoholsucht. Deswegen sitzen viele Süchtige schon tief in der Klemme, bevor sie Hilfe suchen. Mein Tipp: Sofort einen Selbsttest machen, wenn man das Gefühl hat, das Spielverhalten nicht mehr im Griff zu haben. Spielsucht ist eine anerkannte Suchterkrankung, die sich behandeln lässt. Wichtig ist: Niemand muss sich alleine durchkämpfen. Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der erste Schritt zurück in die Freiheit.

















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