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Keystone-SDA | Freitag, 03. Juli 2026

Schlange stehen, Erdbeeren essen und Pimm's trinken

Wimbledon ist das Turnier der Traditionen und Kuriositäten, die es nur beim Rasen-Grand-Slam im Südwesten Londons gibt. Vom Anstehen in der "Queue" über die Erdbeeren bis zum Dresscode in Weiss.

Jedes der vier Grand-Slam-Turniere hat seine Eigenheiten und Qualitäten. Die Spielerinnen und Spieler sind sich allerdings einig. Nirgends ist die Atmosphäre so speziell wie im All England Lawn Tennis & Croquet Club an der Church Road in Wimbledon. Das sind ein paar der Traditionen, die den speziellen Geist des Rasenklassikers ausmachen.

Die Queue: erschwingliche Tickets für jedermann

In Zeiten exorbitanter Preise für Sport-Grossanlässe, an erster Stelle die laufende Fussball-WM, hält Wimbledon an einem zutiefst demokratischen Erlebnis fest. Ein Teil der Tickets wird über eine Lotterie verlost, ein Teil geht an die Zuschauer, die sich früh anstellen. Echte Fans campieren bereits am Vorabend auf dem Rasen der Anlage in der so genannten "Queue", der Warteschlange. Wer rechtzeitig da ist, hat ein Ticket praktisch garantiert - und die Preise sind moderat. Ein Ground Pass für die Aussenplätze kostet 33 Pfund (ca. 35 Franken), die günstigsten Tickets für den Centre Court 80 Pfund (ca. 86 Franken).

Die Anlage ist jeden Tag ausverkauft und platzt aus allen Nähten, weshalb sie in den nächsten Jahren grosszügig erweitert werden soll. Die Tickets könnten also wesentlich teurer verkauft werden. Jedoch: "Die Werte, die diese Queue repräsentiert, also die Zugänglichkeit von Wimbledon für ein breites Publikum, liegt uns sehr am Herzen", betonte die Turnierdirektorin Sally Bolton Anfang Woche bei einem Medientermin.

Debenture: der exklusive Zirkel

Wimbledon ist aber natürlich auch ein Event für die High Society, eine betuchte Klientel, die das besondere Erlebnis sucht. Das sind die so genannten "Debenture Holders". Sie erkaufen sich für fünf Jahre Zugang zu Plätzen auf dem Centre Court oder dem Court 1 sowie zu einem der exklusiven Restaurants und Bars. Für die Periode von 2026 bis 2030 kostet der günstigste Debenture Pass für den Centre Court schlappe 116'000 Pfund (ca, 125'000 Franken). Die Einnahmen kämen allen Besuchern zugute, versichert Sally Bolton. Damit würden Verbesserungen auf der Anlage finanziert.

Weiss: die Farbe der Aristokratie

Eine der bekanntesten Eigenheiten von Wimbledon ist die Farbe der Outfits. Spielerinnen und Spieler müssen in Weiss spielen. Im strikten Dresscode steht sogar explizit: "Die Farbe Weiss beinhaltet nicht crème oder eierfarben." Die Regel unterstreicht den aristokratischen Ursprung des Tennis. Sichtbares Schwitzen war verpönt, und Weiss zeigt allfällige Schweissflecken am wenigsten. Eine Ausnahme gibt es: Seit 2023 dürfen Frauen unter dem Rock oder der Hose dunkelfarbene Unterwäsche tragen.

Innerhalb der Farbe Weiss sind Extravaganzen durchaus erlaubt. So spielte Andre Agassi einst in weissen Jeansshorts, Roger Federer trug als Titelverteidiger jeweils einen speziell angefertigten weissen Blazer beim Gang auf den Court und Naomi Osaka in diesem Jahr einen weissen Kimono. Für Zuschauer gibt es übrigens keine speziellen Kleidervorschriften.

Erdbeeren und Pimm's: very British

Untrennbar mit Wimbledon verbunden sind die (überteuerten) Erdbeeren mit Schlagrahm. Genau zehn Stück sind einem Schälchen, sie kosten in diesem Jahr 2,70 Pfund (2,90 Franken) pro Portion. Alle Erdbeeren stammen aus der Grafschaft Kent, dem "Garten von England", und werden täglich frisch angeliefert. Die Tradition stammt aus den Anfängen des Turniers Ende des 20. Jahrhunderts, als Erdbeeren in England nur wenige Wochen, während der Erntesaison im Juni und Juli, erhältlich waren. Jedes Jahr gehen in Wimbledon rund 2 bis 2,5 Millionen Erdbeeren sowie rund 7000 Liter Schlagrahm über die Theke.

Der typische Drink in Wimbledon ist Pimm's. Ein sehr britischer Cocktail auf Ginbasis mit Limonade, garniert mit Früchten und Minzblättern. Über 275'000 Gläser Pimm's werden in zwei Wochen getrunken.

Altmodisch: keine Werbung und flimmernde Bildschirme

Noch in einem anderen Bereich verzichtet Wimbledon auf Gewinnmaximierung. Auf den Courts gibt es keine Werbung und auch keine blinkenden Bildschirme, auf denen Wiederholungen von Ballwechseln flimmern. Sichtbar ist auf den Anzeigetafeln einzig der Spielstand.

Ende einer Tradition: der Middle Sunday

Eine Wimbledon-Tradition wurde 2022 nach langem Ringen aufgegeben: der "Middle Sunday". Bis da war der mittlere Sonntag mit wenigen Ausnahmen spielfrei - aus Rücksicht auf die Anwohner. Nur viermal war seit 1877 an diesem Tag gespielt worden, jeweils um grosse Rückstände aus der ersten Woche wegen Regens aufzuholen. Dann aber wurde der Druck der TV-Stationen und auch der Athleten, die einen stabileren Spielplan wünschten, zu gross.

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