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SFV-Präsident Knäbel hält sich bei der FIFA-Wahl weiter zurück
Peter Knäbel blickt auf sein erstes Jahr als SFV-Präsident zurück. Der bald 60-Jährige spricht über die Infantino-Wiederwahl, das WM-Abschneiden, Nationenwechsel und die WM-Chancen der Frauen.
Peter Knäbel, mehrere Fussballverbände haben sich gegen die Wiederwahl von FIFA-Präsident Gianni Infantino ausgesprochen. Warum äussert sich der SFV bisher noch nicht?
"Der SFV hat sich klar und frühzeitig geäussert und positioniert. Sowohl im Fall Balogun wie auch bei der Thematik Verkaufspläne der FIFA. Alles weitere verfolgen und begleiten wir sehr nah und haben uns sehr wohl auch dazu geäussert."
Sie liessen verlauten, dass der SFV die ursprüngliche Unterstützung für Gianni Infantino überdenke, das Gespräch mit anderen Verbänden suche und danach entscheide.
"Absolut korrekt. Unsere Position bleibt bestehen, so lange sich diesbezüglich nichts ändert."
Solange sich was nicht ändert? Sprechen Sie vom Aufbau eines Gegenkandidaten?
"Vielmehr stellt sich doch die Frage: Gibt es jetzt schon etwas zu entscheiden, wenn Ende März 2027 die eigentliche Wahl erst stattfindet? Einige Verbände haben sich bereits geäussert, eine Vielzahl noch nicht. Sie können versichert sein, dass wir als SFV all die Entwicklungen nicht nur aufmerksam verfolgen, sondern uns auch weiterhin aktiv einbringen werden. Ebenso kann ich Ihnen garantieren, dass wir unserer Verantwortung als Mitglied, als einer von 211 Verbänden der FIFA, gerecht werden."
Blicken wir auf das Abschneiden der Nationalmannschaft an der WM zurück. Unmittelbar nach dem Viertelfinal-Aus haben Sie gesagt, Sie seien in erster Linie sehr, sehr, sehr stolz. Was denken Sie heute darüber?
"Das Turnier hat in unserem Land und für unser Land unglaublich viel bewegt und auch ausgelöst. Der Fussball hat uns wieder gezeigt, was und in welcher Intensität er alles bewirken kann: Menschen verbinden, unvergessliche Erlebnisse ermöglichen und gesellschaftliche Momente für die Geschichtsbücher schreiben. Darauf können wir und alle Schweizer stolz sein."
Aber?
"Ich denke bereits einen Schritt weiter. Wie gehen wir mit dem Erreichten jetzt um? Ich darf davor warnen, dass im Erfolg selten alles nur gut oder im Misserfolg nur schlecht gelaufen ist. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass wir teils von günstigen Konstellationen profitiert haben."
Wie zum Beispiel?
"Wir haben uns nach San Diego mit den drei folgenden Spielen in Vancouver eine zweite Homebase erschaffen, was sicherlich von Vorteil war. Diesen Vorteil haben wir uns aber erarbeitet und verdient, in dem wir Co-Gastgeber Kanada vor heimischem Publikum besiegt und uns den Gruppensieg geholt haben. Dies hat uns grossen Reisestress erspart. Glück ist, wenn Gelegenheit auf Vorbereitung trifft. Und wir waren sehr gut vorbereitet."
Mehrere Spieler haben inzwischen gesagt, dass sogar noch mehr möglich gewesen wäre. Fragen Sie sich auch manchmal noch: Was wäre gewesen, wenn...?
"Grundsätzlich sollten wir nur nach vorne blicken. Aber alleine wie oft ich im Anschluss an das Turnier bei den verschiedensten Terminen - auch international - und heute noch darauf angesprochen werde. Das ist schon extrem. Und der Tenor ist eindeutig: 'Ihr hattet das Momentum auf eurer Seite, ihr hättet die Sensation schaffen können.' Auch wenn die Rote Karte für Breel Embolo nunmehr auch von der IFAB als nicht regelkonform bewertet wurde, müssen wir es einfach akzeptieren. Fairplay heisst eben auch Akzeptanz der Niederlage. Für mich ist bei der ganzen Thematik sowieso ein anderes Bild hängen geblieben."
Welches?
"Dieses Leuchten in den Augen von Dan Ndoye nach dem Ausgleichstor gegen Argentinien, diese Entschlossenheit, diese Überzeugung und Kraft. Dann noch der Lauf direkt in die Live-TV-Kamera, als viele dachten, jetzt steht er gleich bei uns auf der Strasse oder im Wohnzimmer, der Jubel aller Mitspieler inklusive Ersatzspieler. Mein Wunsch ist es, dass sich die unglaubliche Energie dieser Szene künftig weiter entfalten kann. Wir haben ein sehr erfahrenes und eingespieltes Nationalteam, das uns erlaubt, auch von etwas träumen zu dürfen und Visionen zu haben."
Hatten Sie inzwischen nochmals Kontakt mit Breel Embolo gehabt und das Geschehen mit ihm aufgearbeitet?
"Grundsätzlich ist das Thema Aufstellung, Kader, Analyse und Team die exklusive Entscheidungskompetenz von Murat Yakin. Auch wenn ich Breel seit der Jugend gut kenne, steht mir dies nicht zu. Breel hat sich dazu teamintern geäussert. Dies wurde von der gesamten Gruppe, also Trainerteam, Staff und Spielern, sehr gut aufgenommen."
Vor den Mitspielern hat sich Breel Embolo geäussert, öffentlich war er eher zurückhaltend. Finden Sie, eine Entschuldigung von ihm wäre angebracht gewesen?
"Breel hat sich intern wie extern geäussert. Es ist auch immer der Entscheid eines Individuums. Man sollte das dem Gespür des Einzelnen überlassen und respektieren. Alleine die Reaktionen der Fans nach der Rückkehr haben aber eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig Breel nicht nur als Spieler, sondern vor allem als Mensch für das Team, die Fans und die Fussball-Schweiz ist."
Neben den Emotionen bleiben unter anderem auch die Einnahmen. Sie haben mal prophezeit, dass es auf ein Plus von drei Millionen Franken hinauslaufen könnte. Hat sich das bewahrheitet?
"Ich würde mir wünschen, dass sich das schon bestätigt hätte. Aber die Abrechnung ist noch nicht da. Aufgrund von Faktoren wie Steuerabgaben ist immer noch nicht sicher, mit wie viel Einnahmen wir rechnen können. Immer im Wissen darum, dass die Hälfte des Gewinns an die Swiss Football League geht."
Was passiert mit dem Rest?
"Grundsätzlich ist der SFV so aufgestellt, dass er nicht von Turniereinnahmen abhängig ist. Deshalb gehen diese in einen speziellen Fonds, mit dem verschiedene Projekte im Breiten-, Frauen- und Spitzenfussball gefördert werden können, die vor allem unserer Vorwärtsstrategie 2026-30 zugutekommen."
In dieser steht unter anderem: "Die A-Nationalteams der Männer und Frauen sollen sich regelmässig für Endrunden qualifizieren und bis 2030 mindestens einmal einen Halbfinal erreichen." Diesem Ziel sind die Männer derzeit etwas näher. Allerdings war die Mannschaft an der WM eine mit hohem Altersdurchschnitt. Steht ein Umbruch bevor?
"Das Leben ist Veränderung, könnte ich jetzt mit so einem altklugen Satz entgegnen. Die Kunst ist, die richtige Balance zwischen notwendiger Stabilität und neuen Impulsen zu finden. Dass Murat Yakin und sein Trainerteam diese spannende Phase schon mehr als einmal gemeistert haben, sollte uns zuversichtlich stimmen."
Neue Impulse könnten unter anderem von Winsley Boteli kommen. Nicht aber von Alessandro Romano, der einen Nationenwechsel zu Italien vollzogen hat. Hat der Verband hier etwas verschlafen, wie mitunter Valon Behrami kritisiert?
"In erster Linie kommt es immer noch darauf an, dass die jeweiligen Spieler die volle Überzeugung und den Stolz haben, für unser Land spielen zu wollen. Deshalb freuen mich natürlich die Haltung von Winsley Boteli und die Geduld von Alvyn Sanches sehr. Jeder andere Fall hat seine eigene Geschichte, die wir genauestens analysieren. Aus dieser Analyse müssen und werden wir konkrete Schlüsse für die Zukunft ziehen, um vorausschauend und gemeinsam agieren und nicht nur reagieren zu können. Am Ende, und das betone ich gerne noch einmal, kommt es auf die Überzeugung des Spielers an."
Diese können Sie aber auch beeinflussen.
"Der Verbandskampf um verschiedene Toptalente begleitet fast meine gesamte Fussballzeit in der Schweiz seit dem Fall von Ivan Rakitic. Und dieser Kampf ist durch die Richtlinien der FIFA, die zunehmende Internationalisierung der Spielerbiografien (mehr als 70 Prozent der Spieler in den Schweizer Männer-Nationalteams haben zwei oder mehr Nationalitäten, Red.) und die Professionalisierung der langfristigen Kaderplanung in allen Verbänden anspruchsvoller geworden. Unser wichtigstes Argument ist, dass wir uns regelmässig für grosse Turniere qualifizieren und eine attraktive Mannschaft haben, über die man in die besten Ligen kommen kann - wie in diesem Sommer Johan Manzambi mit dem Wechsel zu Aston Villa."
Vor Romano haben sich bereits mit Albian Hajdari und Leon Avdullahu mehrjährige U-Nationalspieler der Schweiz für eine andere Nation entschieden.
"Der Konkurrenzkampf in unserem A-Nationalteam ist auf fast allen Positionen auf sehr hohem Niveau. Damit haben wir sechs Endrunden-Qualifikationen hintereinander realisiert, was uns weltweit grössten Respekt verschafft. Wir sollten uns entsprechend über diejenigen wie Alvyn Sanches und Winsley Boteli freuen, die sich für unseren Weg entschieden haben. Und weniger über diejenigen ärgern, die gemeinsam mit uns mehrere Jahre überzeugt den Schweizer Weg gegangen sind, bevor sie sich für einen anderen Verband entschieden haben."
Beim Nationalteam der Frauen geht ab Oktober die WM-Qualifikation in die entscheidende Phase. Nach der Playoff-Auslosung lässt sich festhalten: Es hätte schlimmer kommen können.
"Achtung: Es wird bei weitem nicht einfach. Die Aufgabe ist aber auch machbar und die Qualifikation unser grosses Ziel. Zuerst sollten wir uns in allererster Linie auf Israel konzentrieren und diese Aufgabe bewältigen. Erst danach können und werden wir uns mit der nächsten Hürde beschäftigen, den favorisierten Österreicherinnen aus der Nations-League-Gruppe A oder dem Team aus dem Kosovo. Und sollten wir das Interkontinental-Finale bestreiten müssen oder dürfen, werden wir uns auch damit zu gegebener Zeit auseinandersetzen."
Wie zufrieden sind Sie mit dem eingeschlagenen Weg unter dem neuen Nationaltrainer Rafel Navarro?
"Wir haben unter Rafel Navaro bisher ein Team gesehen, das sehr gerne und sehr viel den Ball hat. Dafür haben wir auch die passenden Spielerinnen. Im Spiel gegen Malta, das ich vor der WM noch live sehen konnte, waren auch die notwendige Überzeugung und der Hunger bis in den Strafraum spürbar. Neben einer sehr stabilen Defensive als Fundament muss sich diese Mentalität auch in den kommenden Herausforderungen zeigen. Insgesamt habe ich bei unseren Frauen ein gutes Gefühl."
Was würde die Qualifikation für die WM 2027 in Brasilien bedeuten?
"Es wäre eine riesige Chance, dass die mit der Heim-EM gestiegene Aufmerksamkeit rund um den Frauenfussball und das Nationalteam weiter wächst. Wir haben alle noch die Bilder dieses Turniers im Kopf. Ich freue mich jedenfalls riesig auf die nächsten Spiele und hoffe, dass das Team seinen Steigerungslauf fortsetzen kann."
Zum Abschluss noch etwas Persönliches. In zweieinhalb Wochen haben Sie Geburtstag. Was macht die Zahl 60 mit Ihnen?
"Es ist ein Meilenstein wie jeder andere runde Geburtstag. Meine Mutter 'nullt' immer zehn Tage nach mir beeindruckender. 50 und 70, 60 und 80. Da nimmt man den eigenen Runden weniger wichtig. Zudem redet man nicht mehr von der zweiten Lebenshälfte, weil man merkt, dass nicht mehr alles reinpassen wird..."
Wie meinen Sie das?
"Das Leben ist nicht unendlich. Alles hat sein Ablaufdatum. Und es liegt jetzt definitiv mehr hinter als vor dir. Mir hilft das bei der Priorisierung der Aufgaben und bei der Entschlossenheit, diese anzugehen. Das gilt für jede Endrundenteilnahme, aber auch beispielsweise für unser Generationsprojekt 'Swiss Football Home'."
Und auf welche Entwicklungen, die Sie im ersten Jahr als SFV-Präsident vorangetrieben haben, sind Sie besonders stolz?
"Es geht nicht um mich, sondern um uns, den Schweizer Fussball. Und ich bin überrascht, dass es jetzt schon wieder ein Jahr sein soll. In dieser kurzen Zeit haben wir in meiner ersten Sitzung des Zentralvorstands entschieden, dass das 'Swiss Football Home' nach Thun kommt. Zudem haben wir die Entscheide getroffen, dass die Women's Super League in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert wird. Wir haben das Schiedsrichterwesen professionalisiert und mit Marinko Jurendic die neu geschaffene und dringend notwendige Position des Chief Sports Officer besetzt. Diese Woche werden wir unsere eigene Stiftung gründen. Dies ist nicht das Produkt eines Einzelnen, sondern von sehr vielen Menschen mit grossem Engagement."

















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