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Keystone-SDA | Sonntag, 19. Juli 2026

Thomas Tuchel wird vom Buhmann zum Helden

Zuerst wird Thomas Tuchel ausgebuht, dann gefeiert. Nach dem Sieg im Spiel um den dritten Platz beendet England die WM so erfolgreich wie seit 1966 nicht mehr.

Zwischen Thomas Tuchels Wandlung vom Buhmann zum Helden lagen nicht einmal zwei Stunden. Es waren allerdings spektakuläre, ja historische 100 Minuten Fussball, die Englands Nationaltrainer wieder eine Perspektive und vor allem das Wohlwollen der Öffentlichkeit verschafften.

Mit 6:4 besiegte das in der ersten Halbzeit entfesselt spielende England die als WM-Favorit gestarteten Franzosen im Spiel um den dritten Platz. Es ist die beste WM-Leistung einer englischen Mannschaft seit dem Titelgewinn 1966.

Buhrufe vor dem Anpfiff

"Das ist die erste Medaille seit 60 Jahren, die erste Medaille im Ausland. Ich hoffe, die Spieler sehen das", sagte Tuchel. Vor dem Anpfiff waren noch Buhrufe durch das Stadion gehallt, als das Foto des 52-Jährigen am Ende der Mannschaftsaufstellung auf der Anzeigetafel gezeigt worden war. Unverzeihlich schien die Niederlage im Halbfinal gegen Argentinien, als man nach Ansicht von Experten und Fans feige eine Führung verteidigte und diese ab der 85. Minute noch aus der Hand gab.

Eine Halbzeit später stand es bereits 4:0. Und am Ende schrieb der "Daily Star", dass die ganze Welt von dem Spiel gefesselt worden sei. Tuchel entschied, "den Anker zu liften, und England überrollte ein lustloses Frankreich." Der "Guardian" urteilte, das Spiel "zählte zu den Höhepunkten des Turniers" und es sei "wirklich fantastisch" gewesen.

Doch so wenig sich Tuchel nach dem Argentinien-Spiel auf die negativen Kommentare einlassen wollte, so sehr verweigerte er sich nun den Lobeshymnen. "Wir erlauben es uns fast nicht, damit zufrieden zu sein, weil wir so ehrgeizig sind. Wir wollten in den Final kommen, deshalb schmerzt es", sagte Tuchel. "Es gibt vieles, auf das man stolz sein kann, aber dennoch werden viele von uns nicht glücklich sein."

Hendersons Rede

Bei der Ehrung für den dritten Platz wurde noch einmal deutlich, wie richtig Tuchel mit seiner Nominierung lag. Kopfschütteln hatte er im besten Fall geerntet, als er grossen Namen wie Phil Foden und Cole Palmer kein WM-Ticket gegeben hatte.

Stattdessen schaffte es der 36-jährige Jordan Henderson in den Kader, der beim Mittelklasseklub Brentford spielt. An diesem schwülen Sommerabend in Miami war es dann Henderson, der den nur zu Trainingszwecken mit in die USA gereisten Torwart Jason Steele zum Podest rief und ihm seine Medaille umhängte. Es war kein Zufall, dass Jude Bellingham nach seinem Tor zum Endstand direkt zu Henderson gelaufen war und ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte.

Auch vor dem Anpfiff spielte der erfahrene Ex-Liverpooler eine Schlüsselrolle. "Jordan Henderson hat eine grossartige Rede im Hotel gehalten, um uns in die richtige Stimmung zu bringen", berichtete Tuchel. "Es gibt noch eine Lücke zu den Top Drei der Welt und die wollen wir schliessen. Damit haben wir heute angefangen."

Das nächste Turnier ist die EM 2028 in Grossbritannien und Irland. Bis dahin dürfte Tuchel Ruhe haben, wenn die Resultate stimmen. "Das Beste, was du tun kannst, ist auf dem Platz zu reagieren und den nächsten Sieg holen", sagte er. "Alles andere ist nur reden und das bringt dir keine Punkte. Ich bin froh über die Reaktion und wie wir gespielt haben."

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