Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Thun schreibt ein modernes Fussball-Märchen
Der FC Thun ist Schweizer Meister. Auf den Spuren der grössten Überraschung der Schweizer Fussballhistorie.
Es ist ein bisschen gemein, aber auch ziemlich lustig: Wer jetzt nochmals die Saison-Prophezeiungen des letzten Sommers liest oder anhört, achtet natürlich besonders darauf, wie der FC Thun eingeschätzt wurde. Fast überall sah man den Klub auf einem der letzten beiden Tabellenplätze. Als die Berner Oberländer in einem Podcast per Computer-Auswahl auf Rang 10 landeten, hiess es, sie müssten "drei Kreuze machen", wenn ihnen dies wirklich gelänge.
Der direkte Abstieg galt als durchaus möglich, die Barrage als wahrscheinlich. Ein Nicht-Abstiegsplatz schien nur mit viel Glück realisierbar. Das waren die drei Szenarien, die für den FC Thun überhaupt infrage kamen. Niemand hat damit gerechnet, dass die Thuner etwas mit der ersten Tabellenhälfte zu tun haben könnten - geschweige denn um den Meistertitel kämpfen würden.
Und nun ist er doch da. Erstmals seit 1992 und dem Premierentitel des FC Sion schreibt sich ein neuer Klub in die Liste der Schweizer Meister ein. Entsprechend wird nun nach Vergleichen gesucht, um den märchenhaften Triumph einzuordnen: Es wird an Leicester 2016, Montpellier 2012 oder Kaiserslautern 1998 erinnert.
Doch die Erfolgsgeschichte von Thun ist eine ganz eigene. Um sie fassbar zu machen, lohnt sich ein Blick auf den letzten Tiefpunkt, dessen Folgen fast zum Konkurs des Klubs geführt hätten.
Abstieg und Gerbers Tränen
Es ist der 10. August 2020: Thun gewinnt daheim gegen Vaduz 4:3, und trotzdem trotten die Spieler konsterniert vom Feld. Da sie das Hinspiel 0:2 verloren haben, haben die Thuner das Nachsehen in der Barrage, die in jenem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie erst im Spätsommer stattfindet. Damit steigt der FC Thun nach zehn Jahren aus der Super League ab. Für den finanziell ohnehin schon arg angeschlagenen Verein kommt dies einer Katastrophe gleich.
Am nächsten Tag ruft der damalige Präsident Markus Lüthi den Sportchef Andres Gerber an. Er erklärt ihm, dass er nicht mehr könne. Der ewige Kampf um das finanzielle Überleben hat Lüthi zugesetzt, für den Neustart in der Challenge League reicht die Kraft nicht mehr. Als Gerber das hört, kommen ihm die Tränen, wie er im Podcast "Anderi Liga" erzählt: "Da dachte ich: Jetzt ist alles kaputt, den FC Thun gibt es nicht mehr."
Denn Lüthi ist nicht der Einzige, der sich verabschiedet. Praktisch alle Leistungsträger suchen neue Herausforderungen, und nach nur einem Punkt aus drei Runden in der Challenge League tritt auch Trainer Marc Schneider zurück. Gerber bleibt als fast Einziger zurück und kämpft als neuer Präsident ums Überleben des Klubs. Er versucht händeringend, Investoren zu finden und die Fans trotz Zweitklassigkeit ins Stadion zu locken.
Als "Hardcore-Praktikum" bezeichnet Gerber diese Zeit heute. Dass schliesslich Leute gefunden werden, die an das Projekt glauben, verbucht er als seinen grössten Verdienst.
Rettung und Fahrnis Überraschung
Mehrere Jahre bewegt sich Thun in der Challenge League nahe am finanziellen Abgrund. Dies trotz Fan-Aktionen wie dem Verein "Härzbluet Thun", der fleissig Spenden sammelt. Besonders kritisch wird es Anfang 2024, als dem Klub vor der Lizenzvergabe der Folgesaison rund 800'000 Franken an Eigenkapital fehlen.
Hier tritt Beat Fahrni auf den Plan. Der Unternehmer investiert als Kopf einer Gruppe in den Klub und verhindert damit eine ausländische Übernahme. Die Partnerschaft mit der chinesischen Investorengruppe PMG wird kurz darauf beendet. Fahrni bringt neue Ideen ein, wobei ihm die Umsetzung oft zu langsam vorangeht. In der Geschäftsführung bleibt kaum ein Stein auf dem anderem, bis Fahrni schliesslich selbst das Amt des CEO übernimmt.
Im vergangenen März, als sich der Meistertitel bereits abzeichnet, folgt die Überraschung: Fahrni zieht sich vorzeitig zurück. Fast gleichzeitig wird bekannt, dass der Klub einen Überbrückungskredit von 4 Millionen Franken aufnehmen musste, da der Einstieg eines Grossinvestors gescheitert war. Dennoch halten der Klub und Fahrni fest: Die finanzielle Stabilität ist vorerst gesichert.
Aufstieg und Lustrinellis Spielidee
Während es im Hintergrund oft turbulent ist, herrscht im sportlichen Bereich Konstanz. Auf die Saison 2022/23 wird Mauro Lustrinelli als Trainer verpflichtet. Dass er seinen Job als U21-Nationalcoach kurz vor der EM-Teilnahme aufgibt, irritiert damals auch ihm nahe stehende Personen. Lustrinelli entgegnet ihnen: "Ich gehe nicht in die Challenge League, ich gehe zum FC Thun. Mit diesem Klub habe ich als Spieler schon so viel Fantastisches erlebt, und ich will noch viel Fantastisches erleben."
Der Plan ist klar: Innert drei Jahren soll der Tessiner, der als Spieler 2005 mit Thun die Champions League erreicht hat, das Team zurück in die Super League führen. Er hat eine klare Spielidee, deren Umsetzung den Spielern aber zunächst schwerfällt. Die erste Challenge-League-Saison unter Lustrinelli schliesst Thun auf dem enttäuschenden 6. Platz ab.
Auch Leonardo Bertone, Lustrinellis Wunschtransfer und Taktgeber im Mittelfeld, hat zunächst Mühe mit dem vertikalen Spiel, das der Trainer anstrebt. Es kommt zu "Reibereien", wie der heute 32-Jährige sagt, aber am Ende finden die beiden den gemeinsamen Nenner. Angetrieben vom Wunsch, sich wieder mit den besten Teams der Schweiz zu messen, werden die Thuner zu einer Einheit, die konsequent an der Taktik festhält. Im letzten Sommer realisieren sie den Aufstieg in die Super League.
Meister und weltweite Anerkennung
In der Super League will sich der Neuling "etablieren und langfristig eine gute Rolle spielen", wird vor dem Saisonstart festgehalten. Sportchef Dominik Albrecht passt das Kader nur punktuell an. Ein kleiner Coup gelingt ihm mit der Leihe von Kastriot Imeri (YB), der im Berner Oberland aufblüht. Thun spielt von Beginn an befreit auf, wobei das frühe Cup-Aus gegen Breitenrain der einzige Makel bleibt.
Das Team zeichnet sich stets durch Moral aus: Auch kurz vor der Winterpause, als ein 0:2-Rückstand gegen den FC Zürich in ein 4:2 gedreht wird. Statt einem Trainingslager am Strand folgt dann eine Nacht im Massenschlag auf dem Brünig. Mit einfachen Mitteln wird der Zusammenhalt gefestigt, und so kommt es auch nicht zu dem von vielen Seiten erwarteten Einbruch in der zweiten Saisonhälfte. Stattdessen ziehen die Thuner davon und sorgen damit weltweit für Schlagzeilen.
Das Märchen von Thun ist etwas für Fussball-Romantiker. Denn viele der Spieler sind zum Klub gestossen, um hier einen neuen Anlauf zu starten. Exemplarisch dafür steht Elmin Rastoder, der sich bei GC nicht durchsetzen konnte und ablösefrei zum FC Thun wechselte. Der 24-Jährige wird zum Topskorer und könnte bald den Schritt ins Ausland machen. Auf dem Portal "Transfermarkt" hat sich Thuns geschätzter Kaderwert von 9,1 Millionen Euro beim Saisonbeginn auf aktuell 22,4 Millionen Euro erhöht.
Während sich die Konkurrenz fragen muss, wie es passieren konnte, dass ein Aufsteiger mit einem vermeintlich einfachen Spielsystem die ganze Liga düpieren konnte, können es die Thuner nun geniessen. Sie haben gezeigt, dass Erfolg nicht erkauft werden muss, sondern mit Mentalität und Teamgeist erreicht werden kann.

















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