Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Von Pancakes, Pech und Patrick Mahomes
Die 23. Fussball-Weltmeisterschaft ist nach Spaniens Triumph Geschichte. Auch abseits des Rasens liefert das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada viele Geschichten. Fünf Episoden aus 39 WM-Tagen.
Mahomes neben Messi
Wer in den nordamerikanischen Austragungsorten in einen der offiziellen WM-Fanshops spazierte, dürfte sich mitunter verwundert die Augen gerieben haben. Für eine globale Hochglanz-Veranstaltung wie die Fussball-Weltmeisterschaft fielen die Verkaufsflächen erstaunlich trist aus. Oft handelte es sich schlicht um temporär umfunktionierte Fanshops der ortsansässigen American-Football-Teams. In San Francisco etwa hingen neben spärlichen WM-Artikeln weiterhin Fanshirts der 49ers sowie unverkaufte Restposten vom diesjährigen Super Bowl, der im späteren WM-Stadion in Santa Clara stattfand.
Ein ähnliches Bild bot sich in Kansas City. Die Nummer 15 von Star-Quarterback Patrick Mahomes und die 87 von Travis Kelce - dem frisch vermählten Gatten von Pop-Ikone Taylor Swift - prangten dort mindestens so prominent an den Ständern wie die "10" von Lionel Messi oder Kylian Mbappé. Und die beiden Verkäufer am Fisherman's Wharf in San Francisco? Die trugen selbstredend Football-Kleidung und dürften sich insgeheim gefragt haben, wofür diese komischen "Soccer"-Fans gerade so viel Geld liegenlassen.
27 Stunden für ein Nati-Spiel
Eigentlich war der Plan simpel: Nach dem erwarteten Achtelfinal-Aus der Schweizer Nationalmannschaft sollten noch ein paar sonnige Tage am Strand von Miami folgen. Doch der dramatische, historische Sieg der Nati gegen Kolumbien und der damit verbundene Viertelfinal-Einzug stellten die Reisepläne gehörig auf den Kopf. Nur anderthalb Tage nach der Ankunft in Florida hiess das neue Ziel plötzlich Kansas City. Der Wecker klingelte unbarmherzig um 4.15 Uhr, um 6.20 Uhr hob der Flieger zum Zwischenhalt nach Baltimore ab.
Am Nachmittag sollte die Maschine planmässig ins Herz von Amerika starten - und tat dies auch. Umso grösser war die Verwunderung bei den Passagieren, als das Flugzeug nach drei Stunden in der Luft wegen eines technischen Problems wieder in Baltimore landete. Es begann das grosse Warten auf eine Ersatzmaschine, die zunächst noch ein paar Party-Touristen aus Cancun einfliegen musste. Statt des weltberühmten Barbecue aus Kansas gab es Pancakes in einem stark klimatisierten Flughafenrestaurant.
Mit sechs Stunden Verspätung glückte der zweite Versuch. Nach 17 Stunden auf den Beinen fühlte sich das Liegen im Bett des modrigen Flughafen-Motels schliesslich an wie auf Wolken. Da auch der mühsame Rückweg über Boston und Baltimore zehn Stunden in Anspruch nahm, summierten sich die Reisestrapazen auf 27 Stunden innert drei Tagen. Was man nicht alles macht für ein historisches Spiel des Schweizer Nationalteams. Das Barbecue wurde nicht probiert - vielleicht ist das ja Grund genug für eine Rückkehr nach Kansas City.
Zwischen Fussball-Ekstase und Baseball
Als das kanadische Nationalteam gegen Südafrika die K.o.-Phase eröffnete, gab es auf dem Canada Place im Zentrum von Vancouver kein Durchkommen mehr. Dicht gedrängt versuchten die Fans in der heissen Mittagssonne, einen Blick auf einen der beiden grossen Bildschirme zu erhaschen. Als Stephen Eustaquio in der Nachspielzeit mit einem Weitschuss das historische Weiterkommen der Kanadier sicherte, kannte die Ekstase keine Grenzen. Doch nicht überall in Nordamerika wurde der Weg der Teams mit derartiger Euphorie verfolgt. In den US-Metropolen war es bisweilen ein Leichtes, aus der WM-Blase auszubrechen und zu ignorieren, welch gigantischer, globaler Event gerade im Gang war.
Ein Beispiel lieferte San Jose, unweit von Santa Clara gelegen, wo die Schweiz mit einem 1:1 gegen Katar ins Turnier startete. Der San Pedro Square Market ist ein beliebter Treffpunkt mit unzähligen Essensständen und Screens. Dass darauf Fussball gezeigt wird, ist trotz Weltmeisterschaft aber offensichtlich nicht selbstverständlich. So dröhnte dort zwischenzeitlich statt des Gruppenspiels zwischen Curaçao und Kolumbien ein Baseball-Spiel aus den Boxen. Womöglich hatten die Veranstalter einfach ein gutes Gespür: In diesem Aufeinandertreffen gab es ohnehin keine Tore zu bestaunen.
Nati-Stars auf Sightseeing-Tour
Vancouver bot während der Weltmeisterschaft nicht nur sportliche Highlights, sondern auch unerwartete Begegnungen abseits des Rasens. Da die Schweizer Nationalmannschaft gleich drei ihrer Spiele in der kanadischen Metropole austrug, bot sich den Spielern zwischendurch auch die Gelegenheit, einen freien Tag abseits des Trainingsplatzes zu geniessen. Wer mit offenen Augen durch die Stadt schlenderte, konnte durchaus auf prominente Gesichter stossen. An gleich zwei Tagen kreuzten sich an der Waterfront die Wege mit den Nati-Akteuren: Zunächst genoss Ersatzgoalie Marvin Keller einen entspannten Spaziergang entlang des malerischen Ufers. Wenig später liessen es sich die beiden Offensivkräfte Zeki Amdouni und Dan Ndoye in einem Restaurant direkt am Wasser gut gehen.
Strand statt Stadion
Eigentlich wäre vorgesehen gewesen, die mehrwöchige WM-Reise mit dem grossen Final in New Jersey abzuschliessen. Am Samstagvormittag fand man sich also wieder einmal an einem Flughafen-Gate in Miami ein. Eine halbe Stunde Verspätung habe der Flug nach Newark, hiess es zunächst. Sehr gut, Zeit für ein gemütliches Frühstück. Kurz darauf rollte der Flieger bereits über das Rollfeld in Richtung Startbahn. Doch dann die plötzliche Durchsage: Man habe gerade die Meldung erhalten, dass in den nächsten zwei Stunden wegen starken Niederschlägen kein Flugzeug in Newark landen könne.
Also ging es wieder zurück ans Gate, und das grosse Warten begann. Erst wurde der Flug von 11 auf 13 Uhr verschoben, dann auf 15 Uhr, später auf 17 Uhr - ehe schliesslich die endgültige Absage folgte. Das pure Chaos brach aus, als alle gestrandeten Passagiere versuchten, sich irgendwie noch einen Weg in Richtung New Jersey zu organisieren. Allein an diesem Tag mussten 361 Flüge gestrichen werden, und wohl kaum alle der betroffenen Fans fanden noch einen Weg, rechtzeitig zum Anpfiff im Stadion zu sein.
Doch die Flüge am Sonntagmorgen waren restlos ausgebucht, und offenbar sah sich die Fluggesellschaft nicht in der Verantwortung, ihre Kunden in dieser Ausnahmesituation zu unterstützen. So blieb am Ende nur eine Option, die angesichts der sehr überschaubaren Qualität des Finals vielleicht gar nicht so schlecht war: Strand statt Stadion.

















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