Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Vor einem Jahr blieb er stehen - jetzt ist Joseph Europameister
Am Tag der Sonnenfinsternis strahlt für Jason Joseph der Himmel. Der Basler wird in Birmingham Europameister über 110 m Hürden.
Ein Jahr nach dem Blackout im WM-Final von Tokio folgt auf den Tiefpunkt seiner Karriere der bisher grösste Triumph.
Tokio und Birmingham liegen ein Jahr auseinander. Für Joseph liegen Welten dazwischen. In Tokio war der Schweizer in der Form seines Lebens. Er hatte den WM-Final erreicht, alles war angerichtet für den grössten Lauf seiner Karriere. Dann fiel der Startschuss und Joseph blieb vor der ersten Hürde stehen. Einfach so. Ein Blackout.
In Birmingham fällt wieder ein Startschuss. Diesmal läuft Joseph los. Für seine Verhältnisse kommt der grossgewachsene Athlet aus Therwil gut aus den Blöcken. Schon bald schiebt er sich am neben ihm laufenden Favoriten Just Kwaou-Mathey aus Frankreich vorbei. In der zweiten Rennhälfte, seiner grossen Stärke, setzt er sich ab. Nach 13,12 Sekunden ist er im Ziel, mit Saisonbestleistung, als Europameister. Tokio war der Moment, in dem Joseph nicht abrufen konnte, was in seinen Beinen steckte. Birmingham ist das Gegenteil.
"Es gibt recht wenig, was noch nicht passiert ist in meiner Karriere", sagte der 27-Jährige nach seinem Goldlauf ins SRF-Mikrofon. Die Erfahrungen würden ihm inzwischen enorm helfen. Im Final habe er es geschafft, "mich auf mich zu konzentrieren und das abzurufen, was ich in den Beinen habe".
Auch ein Vorurteil beseitigt
Es war die simple Beschreibung dessen, was sich seit Tokio verändert hat. Damals verlor Joseph im entscheidenden Moment die Kontrolle. Und ausgerechnet dieses Blackout schien ein Vorurteil zu bestätigen, das ihn schon länger begleitete: dass einer der besten Hürdensprinter Europas sein Potenzial dann nicht ausschöpfen könne, wenn es am meisten zählt.
In Birmingham zählte es, und Joseph lieferte. Dabei war diese Saison im Gegensatz zum Jahr 2025 alles andere als störungsfrei verlaufen. Eine Oberschenkelverletzung warf ihn im Juni drei Wochen in der Vorbereitung zurück. Die Meetings in Paris und Ostrava musste er auslassen. Anders als vor Tokio kam Joseph deshalb nicht mit dem Gefühl zum Saisonhöhepunkt, dass zuvor alles perfekt gelaufen war.
Auch in diesem Punkt stimmt der Gegensatz. In Tokio passte die Form, doch im entscheidenden Moment versagte der Kopf. In Birmingham war die Vorbereitung gestört, doch Joseph, während einem Jahr in jedem Interview auf den Lapsus in Japan angesprochen, behielt die Kontrolle.
Joseph merkte im Rennen, dass er vorne liegt. "Die Freude kam auf", schilderte er dem SRF-Reporter diesen Moment. Dadurch sei er etwas zu nahe an die letzten Hürden geraten. "Okay, alles zusammenhalten, konzentriere dich!", habe er zu sich selbst gesagt. Diesmal lief nichts schief.
Über Umwege zum Ziel
Dass Joseph heute mit solchen Situationen anders umgehen kann, ist auch das Resultat der Umwege, die hinter ihm liegen. Zwischen 2020 und 2022 trainierte der Schweizer Rekordhalter (13,07) jeweils mehrere Monate in Florida in der Gruppe von Rana Reider, gemeinsam mit Weltklasse-Athleten wie Andre De Grasse und Omar McLeod. Er gewann an Geschwindigkeit und Kraft, fand im spezifischen Hürdentraining aber nicht das, was er benötigte.
Nach der frustrierenden Saison 2022 kehrte Joseph in die Schweiz und zu seiner langjährigen Trainerin Claudine Müller zurück. Es folgten der Hallen-EM-Titel 2023 über 60 m Hürden mit Schweizer Rekord, der WM-Final in Budapest 2023, EM-Bronze in Rom 2024 (nach einem bescheidenen Lauf) und 2025 sein erster Sieg in der Diamond League. Und dann Tokio.
Joseph, der Sohn eines Vaters aus St. Lucia und einer Schweizer Mutter, die ihm managt, hat in Birmingham mehr gewonnen als das 14. EM-Gold und die 50. EM-Medaille der Schweiz. Er hat auch einen Sieg über den Grossanlass-Fluch errungen. Er ist nach einem Blackout zurückzukommen, um ein Jahr später genau dort stark zu sein, wo er oft gescheitert war: im entscheidenden Moment.

















Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar